Immer wieder für Anfänge sorgen

"Man muss im eigenen Leben immer wieder für Anfänge sorgen" - dieser Satz aus ihrem Roman "Ach Glück" ist so etwas wie das Lebenscredo der Schriftstellerin Monika Maron, die 70 Jahre alt wird.

Gruppenbild mit Dame: Monika Maron mit den Schriftstellern Uwe Tellkamp (l.) und Erich Loest 2009 nach der Verleihung des Deutschen Nationalpreises in Weimar.

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Gruppenbild mit Dame: Monika Maron mit den Schriftstellern Uwe Tellkamp (l.) und Erich Loest 2009 nach der Verleihung des Deutschen Nationalpreises in Weimar. Foto: ap

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Berlin/Weimar. Einen neuen Anfang versuchte die damalige Reporterin der Wochenpost, als sie ihre Bitterfeld-Reportagen zu einem teils autobiografischen Roman umarbeitete: "Flugasche" machte die gelernte Fräserin, die ein Studium der Theaterwissenschaft absolviert hatte, 1981 auf einen Schlag berühmt. Doch die erste weltweit bekannt gewordene literarische Auseinandersetzung mit der Umweltverschmutzung in der DDR - täglich gingen auf die Chemiestadt 180 Tonnen Flugasche nieder - durfte nur im Westen erscheinen.

Roman lag lange im Geifenverlag


"Es ging mir dabei weniger um Bitterfeld, als um die Kollision zwischen einem einzelnen Menschen, der seine Sache verteidigt, und einer autoritären Gesellschaft, in dem Fall zwischen Josefa Nadler und der Illustrierten Woche", verriet die Autorin drei Jahrzehnte später im TLZ-Interview. "Eigentlich ist mir erst mit dem Buch passiert, was ich über sie und ihre Reportage geschrieben habe. Es war sozusagen eine sich erfüllende Prophezeiung."


Das Manuskript hatte lange beim Greifenverlag zu Rudolstadt gelegen. Immer wieder hatte die Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel, die Zensurbehörde der DDR, die Druckgenehmigung verweigert und "Änderungen" gefordert. 1988 reiste die Autorin dann in den Westen aus. Der Neuanfang in Hamburg: Plötzlich erschien der Dissidentin der Ost-West-Konflikt eher marginal.


Monika Maron, die am heutigen Freitag 70 Jahre alt wird, hat sich in ihren Büchern schon seit längerem mit dem Älterwerden beschäftigt. Als sie ihre Schriftstellerkarriere begann, war sie bereits 40. In Romanen wie "Stille Zeile Sechs", "Animal triste", "Pawels Briefe", "Endmoränen" oder "Ach Glück" altern die Ich-Erzählerinnen beinahe parallel zur Autorin und machen nie einen Hehl daraus, wenn im Spiegel die ersten Falten und grauen Haare auftauchen.


Wieder ein Neuanfang: Mit ihrem Reportagebuch "Bitterfelder Bogen" kehrte Maron dreißig Jahre nach Erscheinen von "Flugasche" an den Handlungsort ihres ersten Buches zurück und erzählt 2009 eine ostdeutsche Erfolgsgeschichte. In Bitterfeld-Wolfen, dem sogenannten Solar Valley, hat sich nach der Wende der größte Solarzellen-Hersteller der Welt angesiedelt, und die Autorin trifft auch den ehemaligen Umweltbeauftragten des Chemiekombinats wieder, der jetzt Rentner ist.


Als Monika Maron im selben Jahr in Weimar zusammen mit Uwe Tellkamp und Erich Loest mit dem Deutschen Nationalpreis geehrt wurde, verwechselte der Laudator, Kurt Biedenkopf, Bitterfeld mit Bielefeld. Das nahm sie gelassen. Denn tatsächlich hatten die Leser der Bundesrepublik die Umweltkritik aus dem Osten auch auf ihre unmittelbare Umgebung im Ruhrgebiet bezogen. Und in Solar Valley fand nun auf einzigartige Weise die Kreativität aus Ost und West zusammen. Sie habe sich oft genug geärgert, wenn die Ostdeutschen in den Medien "als hilflose, stammelnde Opfer, als Rechtsradikale oder PDS-Nostalgiker" vorkamen, erklärte Maron im Interview, als sie 2010 auf Burg Ranis bei den Thüringer Literatur- und Autorentagen" auftrat.

Redekreis zum Islam gegründet


Noch ein Neuanfang: Monika Maron unterhält gemeinsam mit der Soziologin Necla Kelek einen Gesprächskreis zum Islam. "Wir sind ein Kreis von 60 und mehr Leuten, Muslime und Nicht-Muslime", äußerte sie vor zwei Tagen in der Berliner Zeitung. Es werde dort über den Islam und das Selbstverständnis der deutschen Gesellschaft diskutiert. "Es reicht ja nicht, den türkischen Gemüsehändler zu kennen, um die Veränderungen und Probleme unserer Gesellschaft und der ganzen Welt zu begreifen." Der Kreis sei eher zufällig entstanden. "Ich dachte ursprünglich: Hier leben so viele Türken, Iraner, Ägypter. Warum treffe ich die nirgends, wo ich eingeladen bin?" Dann habe sie Kelek im Fernsehen bei der ersten Islamkonferenz gesehen und eingeladen. "Später haben wir andere dazu geholt und für das Ganze eine Form gesucht. So machen wir das seit zweieinhalb Jahren und es wird immer besser."

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