Jenaer Jürgen Fuchs - ein kritischer Geist, der 1999 viel zu früh verstarb

Jürgen Fuch starb am 9. Mai 1999, nur 48 Jahre alt, an einer seltenen Form von Leukämie mit einem Verdacht der tödlichen radiologischen Bestrahlung während seiner Haft im Stasi-Gefängnis Gera, da dort nach der Wende ein dazu geeigneter Generator entdeckt wurde .

Am Samstag vor 65 Jahren geboren: Jürgen Fuchs. Gestorben ist er bereits von mehr als 16 Jahren. Foto: Archiv

Am Samstag vor 65 Jahren geboren: Jürgen Fuchs. Gestorben ist er bereits von mehr als 16 Jahren. Foto: Archiv

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Jena. Diesen Samstag, 19. Dezember, wäre der Schriftsteller und einstige Student der Sozialpsychologie an der Universität Jena, Jürgen Fuchs, 65 Jahre alt geworden. Doch er starb bereits am 9. Mai 1999, nur 48 Jahre alt, an einer seltenen Form von Leukämie mit einem Verdacht der tödlichen radiologischen Bestrahlung . So musste nun Ralph ­Giordano, der einst den Verhören der faschistischen Gestapo entronnene, international bekannte Schriftsteller und enger Freund des Verstorbenen, an seinem Grab die Trauerrede halten.

Nun gehören zum kurzen, ereignisreichen Leben des geistig außerordentlich regen, selbstbewussten und politisch stets hellwachen Zeitgenossen der kommunistischen Diktatur nur wenige Stationen. Vor seiner Zulassung zum Studium war er zunächst für anderthalb Jahre zum Armeedienst nach Johanngeorgenstadt verpflichtet und erlebte hier den Militärdrill sowie auch den Selbstmord eines Wachsoldaten, dessen Fall er später unter dem Titel „Fußballspiel“ in seiner Dokumentation „Gedächtnisprotokoll“ (1977) beschrieb. In den folgenden vier Jahren seines Studiums, 1971 bis 75, hatte er in Bad Köstritz politisch-kritische Prosa-Texte vorgetragen, war denunziert worden und schließlich am 17. Juni 1975 noch vor Studien-Abschluss exmatrikuliert - und zwar, obwohl die bereits eingereichte Diplom-Arbeit mit sehr gut bewertet wurde. In der Universitätszeit lernte er die Psychologiestudentin Lilo kennen, heiratete sie und hatte mit ihr bis 1992 drei Kinder.

Entweder eine längere Haft oder die Ausreise

Daneben schloss er enge Freundschaften, auch mit dem landesweit und international bekannten oppositionellen Philosophen Professor Robert Havemann (siehe „Dialektik ohne Dogma“) sowie dem Liedermacher Wolf Biermann. Dieser fuhr nun die Familie Fuchs von Jena zu Professor Havemann nach Grünheide, wo sie im Gartenhaus eine Unterkunft fand. Als Jürgen Fuchs, wie so viele Schriftsteller, gegen die Ausbürgerung von Biermann öffentlich Protest erhob, wurde er vom 19. November 1976 bis 26. August 1977 im Stasi-Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen eingesperrt. Heute befindet sich hier eine Gedenkstätte, geleitet vom kritischen Publizisten Dr. Hubertus Knabe, Verfasser außerordentlich detailreicher politischer Werke.

Jürgen Fuchs hatte bereits im erwähnten Band „Gedächtnisprotokoll“ begonnen, vom Stasi-Thema zu berichten und wurde dafür in Nizza mit einem „Internationalen Pressepreis“ ausgezeichnet. Doch in dem bedrückenden Erlebnis von Hohenschönhausen versuchten studierte Stasi-Psychologen, ihre Kenntnisse der kreativen Kraft des Sozialpsychologen Jürgen Fuchs entgegenzusetzen. Er hat diese Zeit dann im Band „Vernehmungsprotokolle“ (1979) dokumentiert. Im Knast wurde ihm schließlich die Alternative zur Wahl angeboten, entweder eine längere Haft oder die Ausreise. So nahm er die zunächst unerwünschte Übersiedlung nach Westberlin an und wurde im Jahre 1977 ausgebürgert. Aber die Vielfalt an Repressionen blieben ihm auch dort nicht erspart und wurden auch auf Familienangehörige mit infernalischen Mitteln ausgedehnt.

Sie führten bis zum Selbstmord seiner Schwiegermutter im Jahr 1982 nach einem Verhör durch die Stasi. Im gleichen Jahr erlässt zudem der Minister Mielke am 26. März in Ostberlin gegen den in Westberlin lebenden Kritiker Fuchs einen internationalen Haftbefehl für alle sozialistischen Staaten, der bis zum 31. Dezember 1999 gelten sollte. Doch die Todesstrahlen zeigten sich schließlich wirksam, und am 9. Mai 1999 stirbt der Verfemte.

Lyrikbände, Hörspiele, Einzelbeiträge und drei Romane

In der kurzen Lebenszeit brachte Jürgen Fuchs eine umfangreiche Anzahl seiner Werke zur Veröffentlichung. Neben einigen Lyrikbänden, Hörspielen, vielen Einzelbeiträgen gibt es auch von ihm drei Romane sowie die Sammelbände mit Ralph Giordano „Stalins Zeiten sind vorbei“ (Frankfurt a. M., 1989), mit Wolf Biermann „Protokoll eines Tribunals“ (Reinbek 1991) und mit Doris Liebermann „Dissidenten, Präsidenten und Gemüsehändler“ (Essen, 1989): Den eindrucksvollen, umfassenden Blick auf sein Leben vermittelt mit vielseitiger Hilfe Udo Scheer in der Biografie „Jürgen Fuchs. Ein literarischer Weg in die Opposition“ (Berlin, 2007, 383 S.)

Ebenfalls bedeutungsvoll für eine Kenntnis des unbeugsamen Jenaer Studenten, Verteidigers der Menschenrechte und Kritikers aller totalitären Machtansprüche zeigt sich außerdem im Rahmen einer Habil-Schrift der mustergültige, weitgespannte Sammelband des exzellenten polnischen Germanisten Ernest Kuczynski aus Lodz „IM Dialog mit der Wirklichkeit. Annäherungen an Leben und Werk von Jürgen Fuchs“ (Halle, 2014, 511 S.). Der Herausgeber hatte darin besonders für eine literarische Erschließung der Werke plädiert als bisheriges Desiderat. Der einführende Beitrag „Landschaften der Lüge. Gespräch mit Jürgen Fuchs“ wurde von Doris Liebermann verfasst, die in Jena ebenfalls exmatrikuliert und dann ausgebürgert wurde.

Als weiterer von insgesamt 34 Mitwirkenden aus aller Welt findet sich ein Beitrag des Biografen Udo Scheer mit der noch hochaktuellen, berechtigten Forderung nach Meinungsfreiheit: „Frei sein von allen Zwängen des Denkens und Sprechens. Literarische Opposition und politische Exmatrikulation von Jürgen Fuchs“. Von Udo Scheer gibt es außerdem auch den Band „Die Opposition in Jena in den siebziger und achtziger Jahren“ (Berlin, 1999).

Nachdrückliches Dictum: Das Jahr 1989 nicht verdrängen

Ich habe Jürgen Fuchs nur einmal hören und sprechen können und war im Gedenken an etliche Begegnungen von seinen Mahnungen tief beeindruckt. So etwa von den kritischen Aussagen zum Versagen der Kohl-Regierung bei seinem besonderen Thema, dem Stasi-Unterlagen-Gesetz und der Gauck-Behörde. Ich musste mir hierzu mein vergebliches Bemühen beim Versuch der Hilfe für einen ehemals Betroffenen gestehen. Und besonders für einstige DDR-Bürger blieben sein nachdrückliches Dictum, das Jahr 1989 nicht zu verdrängen, sowie seine bitteren Worte zu den Versäumnissen bei der geistigen Erneuerung der Medienlandschaft auch unter einigen Nachfolgern als Desiderat erhalten.

Verschiedentlich ist nun lesbar, dass auch andere Zeitgenossen bei anderen Gelegenheiten seine Fundamentalforderung erkannten und als präzisen Hinweis auf einen ständig notwendigen Kampf gegen das Vergessen erlebten, zumal der Psychologe Fuchs eine besondere Kraft des Gedächtnisses besaß und sogar im Gefängnis zu aktivieren vermochte. So bilden wohl die drei Worte auf seinem Grabstein „Ich schweige nicht“ das zeitlose Vermächtnis des Toten.

Das heutige Verdrängen seiner Beispielhaltung und anderer kritischer Geister macht deutlich, dass wohl erst Zeiten mit Meinungsfreiheit und ohne Untertanengeist die Lebenswelt unserer Kindeskinder bereichern wird. Dazu hatte bereits in Erfurt die Straße vor dem Landtagsgebäude den Namen Jürgen Fuchs erhalten, als Stimme aus einer einstigen Wüste, auch wenn die Erben jener Landschaft, die Linkspartei, seinen Namen noch im Jahre 2015 ablehnt und im Schriftverkehr verweigert.

  • TLZ-Gastautor Dr. Josef Ketschmer lebt in Weimar und befasst sich mit Geschichte der DDR und ihren Opfern.

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