Leipziger Buchmesse: "Ich lese nicht gern vor, ich sitze lieber im Wald"

Judentum, Natur, Jazz, Okkultismus: Thüringer Verlage bieten viel auf der Leipziger Buchmesse.

100 000 Bücher und noch mehr Menschen:Die zweitgrößte Buchmesse Deutschlands gilt mit ihren Neuerscheinungen des Frühjahrs als wichtiger Impulsgeber für den Büchermarkt.Foto: Peter Michaelis

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Der Mann, der gleich eine Lesung halten soll, liest eigentlich nicht gern vor. "Die freie Rede liegt mir eher." Jens Rennecke trägt eine Jacke mit grün-braunem Armeemuster, grobe Wanderstiefel und einen Zottelbart. "Ich sitze lieber im Wald", sagt Rennecke. Die Geschichte des Vogelflüsterers aus dem Harz ist durch Presse und Rundfunk bekannt geworden. Jetzt gibt es sie auch als Buch, herausgegeben vom Jenaer Verlag Bussert und Stadeler. Das Team um Frank Bussert gehört zu den 30 Verlagen aus Thüringen, die auf der Leipziger Buchmesse noch bis Sonntag ihre Neuerscheinungen vorstellen.

Tierschützer Rennecke, der sich selbst als alten Waldschrat bezeichnet, fängt an zu erzählen: "Alles begann mit einem besonderen Notruf. Ein komischer Vogel sei gefunden worden." Schnell stellt sich heraus, dass es sich um eine junge Eule handelt, angeschossen mit einem Luftgewehr. Es ist der Beginn einer einmaligen Geschichte über Rettung, Pflege, Auswilderung und ein ungleiches Paar.

"Wir haben den Stürmen aus E-Books und Nichtlesen erfolgreich getrotzt", sagt Verleger Frank Bussert. Die Nachfrage nach Büchern sei immer noch da. "Sie ist nur mehr aufgefächert als früher." Auch in Zeiten der Digitalisierung habe Bussert und Stadeler noch große Lust aufs Büchermachen.

Der Verlag stellt in Leipzig unter anderem den ersten Band seiner "Erfurter Schriften zur jüdischen Geschichte" vor. Den Schwerpunkt bilden darin kulturelles Erbe und Vernetzung der Juden. Teil zwei, in dem es um die Grabsteine des mittelalterlichen jüdischen Friedhofs in Erfurt gehen soll, soll ebenfalls in diesem Jahr erscheinen.

Ein China-Roman ohne Klischees

Frank Bussert wirbt zudem für das Buch "Verfassungszeit" von Hans-Peter Schneider, der in einem Kapitel die Entstehung der Thüringer Landesverfassung behandelt. Auf den übersetzten Roman "Im Bann des Roten Sees" ist der Verleger besonders stolz. Dieser zeichne ein erfrischend anderes Bild von China, fernab von Klischees über Land und Leute. Die Jenaer wollen das Buch erstmals auch als E-Book anbieten.

Nur einige Meter entfernt in Halle vier der Leipziger Buchmesse stellt der Rudolstädter Verlag Der Neue Morgen acht Neuerscheinungen vor. Das kleine Gespann, bestehend aus dem Verleger Holger H. Elias und Geschäftsführerin Andrea Hartleb, sieht sich in der Tradition des DDR-Verlags Der Morgen. "Unser Anspruch sind hochwertige Belletristik und Sachbücher", sagt Elias.

Der Verleger hält ein edel anmutendes Buch mit dem Titel "Das große Thüringer Sagenbüchlein" in der Hand. Es enthält alle populären, aber auch unbekannte Sagen aus Thüringen. "Wir wollen damit auch jüngere Leser ansprechen." Der Clou: Dem Buch liegt gleich eine Hörbuch-CD bei, was nicht ungewöhnlich ist beim Neuen Morgen.

Als besonderes Schmankerl präsentiert der Verlag den Fotoband "Momentaufnahmen: Jazz in der DDR - 1973 bis 1989". Die 111 lebensnahen Bilder stammen von Frank Rüdiger, der sich Anfang der Siebzigerjahre fast zeitgleich für Jazz und Fotografie zu interessieren begann.

Ein weiterer kleiner Aussteller aus Rudolstadt ist die Edition Roter Drache. Der Fachverlag um den 39-jährigen Holger Kliemannel hat sich auf Bücher über Okkultismus und germanisches Heidentum auf wissenschaftlichem Niveau spezialisiert. So handelt es sich bei "Loki" um eine Doktorarbeit, bei "Thor" um die Arbeit eines englischen Professors.

"Schon als Jugendlicher habe ich mich für diese ganze Mythologie interessiert", sagt Kliemannel. Er weist auf die Neuerscheinung "Der Gehörnte" hin, die von dessen Autor spektakulär beworben wird: Der muskelbepackte Zwei-Meter-Mann mit Namen Voenix trägt in Leipzig ein spektakuläres Kostüm aus Geweih, Maske und Umhang. "Der Gehörnte" hat den gehörnten Gott zum Thema, den die frühen Jägerkulturen als Hüter von Natur und Fruchtbarkeit verehrt haben sollen. Durch das Christentum sei dieses Wissen in Vergessenheit geraten. "Der Gehörnte" wolle dieses wieder greifbar machen.

"Das Geschäft läuft sehr gut", sagt Holger Kliemannel. "Ich kann inzwischen davon leben." Derzeit sei er dabei, das Verlagsprogramm zu erweitern. So sollen Biografien von Bands wie Metallica und The Scorpions dazukommen.

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