Marginalien zur Geschichte: Goethe, Floh und falsche Doktorarbeiten

In seiner heutigen Marginalie zur Geschichte wendet TLZ-Kolumnist Detlef Jena sich dem Rätsel um Goethes Doktorarbeit zu.

Ausgewählte Marginalien zur Zeitgeschichte von Detlef Jena sind bereits zwischen zwei Buchdeckeln erschienen.

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Foto: zgt

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Weihnachten ist die Zeit der Leseratten. Wie wäre es mit Goethe und dem Herrn Mephisto: "Der Herr der Ratten und der Mäuse, Der Fliegen, Frösche, Wanzen, Läuse"..." Doch wo bleibt der Floh, das Kerntier der Weltliteratur? Bitte: Johann Wolfgang von Goethe: "Juristische Abhandlung über die Flöhe (de pulicibus)". Goethes Dissertation! Nach eingehender akademischer Prüfung der von Goethe persönlich benutzten Quellen und deren Zitierfähigkeit hier ein Auszug aus dem §"3: "Woher das deutsche Wort Floh komme": "Meiner Meinung nach ist das Wort von der sehr großen Behändigkeit der Flöhe entstanden. Denn als die Deutschen fanden, dass ein Floh nicht gehe, nicht laufe, sondern vielmehr mit einer bewundernswerten Schnelligkeit springe, oder im raschen Sprunge seinen Körper fortbewege; da schien er ihnen allerdings würdig, ihn mit dem so herrlichen Nahmen F l o h zu bezeichnen"..."

Dem Doktoranden Goethe kamen bei dieser These eigene kreative Bedenken, und er fügte hinzu, "dass die Frauenzimmer, um jene Behändigkeit zu besiegen, sehr kräftige Mittel anwenden, wobei denn ihr ganzer Scharfsinn in ihre Finger geflüchtet zu sein scheint. Und hie-raus haben nun die Gelehrten den Schluss gezogen, dass derjenige, welcher nicht in der größten Geschwindigkeit einen Floh fangen kann, nach menschlichen und rechtlichen Begriffen kein Frauenzimmer, sondern ein Mann gewesen sei."

Wer hat Goethes Dissertation geschrieben?

Das sollte Goethe geschrieben haben? Da müsste doch noch einmal ein externes Gutachten prüfen, ob mit Goethes Dissertation alles zum Besten stand! Jahre gingen in Land: Der Herr Kollege Mephistopheles hat es ohne Rücksicht auf die Doktorväter und das Ansehen der Fakultät herausgefunden: Goethes Dissertation ist nicht nur ein leichtsinniges Plagiat - sie ist eine Fälschung! Welch ein Skandal, da ist vielleicht der "Faust" auch"...?

Transparenz! Wer hat Goethes Dissertation geschrieben und den Genialen derart beschmutzt, dass er fortan nur noch Elegien schreiben wollte und alle Ministerposten abgelehnt hat? Da beginnt die wahre Tragik des großen Dichters: Der Fälscher ist niemals wirklich vollständig identifiziert worden! Die mutmaßliche Goethe-Dissertation ist bis heute ein recht erquickliches Geschäft mit zahlreichen Neuauflagen, in denen man immer wieder nach dem echten Schurken fahnden kann.

Beim weltweiten Image des Opfers war es unmöglich, der nach Sühne verlangenden Öffentlichkeit keinen Täter zu präsentieren. Aus dem Kreis der Verdächtigen hat sich ein Mann herausgeschält: Otto Philipp Zaunschliffer (1653-1729)! Die Lebensdaten verraten es: Er mag das Opus geschrieben haben. Aber er kann es dem Goethe gar nicht in die Schuhe geschoben haben, wenn er 20 Jahre vor Goethes Geburt gestorben ist. Der Casus wird kompliziert! Wer hatte ein Interesse daran, den genialen Dichter derart gemein zu desavouieren?

Dem Autor liegt ein geheimes Dossier vor, dessen Aussagen hier (ungeschwärzt) zusammengefasst werden: Der Marburger Rechtsprofessor "Opizius Jocoserius" (Klarname: Otto Philipp Zaunschliffer) hat mutmaßlich 1683 die "Dissertatio juridica de eo, quod justum est circa spiritus familiares feminarum, hoc est pulices" veröffentlicht. Schlicht: "Juristische Abhandlung über die Flöhe" bzw. noch einfacher, die "Flohdissertation".

Flohplage war in der Literatur verbreitetes Thema

Die Arbeit wurde mehrfach neu herausgegeben, weil sie auf humoristische Weise dem Problem der gehobenen Kreise, der Flohplage im barocken Milieu Herr zu werden, auf den Leib rückte. Es ging da um ein in der Literatur verbreitetes Thema. Erst nach 1830 kamen Spaßvögel auf die Idee, Goethe als Autor anzugeben, denn der wusste doch am besten, was die Welt im Innersten zusammenhält.

Sie konnten sich auf die 1824 in Halberstadt veröffentlichte Schmähschrift "Goethe als Mensch und Schriftsteller, aus dem Englischen übersetzt von Friedrich Glover" berufen. Als Verfasser dieser Schrift wurde später der Verleger identifiziert, der seinen Namen Volger in Glover verändert haben soll. Andere Floh-Dissertations-Forscher schreiben die Autorenschaft dem Rechtsgelehrten Christian Heinrich Gottlieb Köchy zu.

Köchy war Professor in Dorpat. Er wurde seiner akademischen Würde enthoben, weil er einem reich gewordenen Schneider widerrechtlich zur Erlangung der juristischen Doktorwürde verholfen hatte. Goethe hat nur einen einzigen Brief von Köchy aus dem Jahre 1796 erwähnt. Aber Köchy war 1800 Privatdozent an der Universität Jena - mithin dem Wissenschaftsminister Goethe bekannt. Ist das ein Indiz? Viel Spielraum für Weihnachtsphantasien nach dem Gänsebraten!

Marginalien zur Geschichte: Anton Tschechow - Realist der Melancholie

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