Papst Coelestins V. Rücktritt im Jahre 1294

In seiner jüngsten Marginalie erinnert TLZ-Kolumnist Detlef Jena daran, dass vor rund 700 Jahren schon mal ein Papst zurückgetreten ist.

Ausgewählte Marginalien zur Zeitgeschichte von Detlef Jena sind bereits zwischen zwei Buchdeckeln erschienen.

Ausgewählte Marginalien zur Zeitgeschichte von Detlef Jena sind bereits zwischen zwei Buchdeckeln erschienen.

Foto: zgt

1294 hat Papst ­Coelestin V. das Pontifikat nach sechsmonatiger Regierungszeit aufgegeben. Lebenslast und Gebrechlichkeit des 84-Jährigen hätten von Zeitgenossen und Nachfahren ein mildes Urteil über diesen schwerwiegenden Schritt erwarten lassen. Doch die Menschen sind namentlich in der Machtpolitik nur nach Maßgabe des Eigennutzes mitfühlend. Über die Gründe für den Rücktritt Coelestins V. herrscht auch nach 700 Jahren unter Historikern keine Einigkeit. "Radio Vatikan" hat am 12. Februar 2013 in einem Interview mit dem Kirchenhistoriker Prof. em. Klaus Schatz den Eindruck erweckt, dass Benedikt XVI. langfristig und bedacht die geschichtliche Parallele zu ­Coelestin V. gesucht hat: 2009 legte er seine weiße Wollstola - das Pallium, das die kirchliche Autorität des Bischofs von Rom symbolisiert - an dessen Grab nieder. Ein Jahr später, zum 800. Geburtstag Coelestins, würdigte Benedikt den Altvorderen in der Abruzzenstadt Sulmona als ein Vorbild für die heutige katholische Kirche.

Eine der historischen Lehrmeinungen besagt, dass ­Coelestin zurücktrat, weil er den vielfältigen Aufgaben eines Papstes nicht gewachsen war. In theologischer und spiritueller Hinsicht kann diese Ansicht nicht stimmen. Als Zwölfjähriger ging der Bauernsohn aus Isernie zu den Benediktinern. Nach der Priesterweihe bezog er eine Einsiedelei bei Sulmona und nannte sich Pietro da Morone. Sein frommes und bußfertiges Leben zog zahlreiche Gleichgesinnte an, die Pietro im Orden der "Einsiedler vom Morone" zusammenfasste. Über Jahre hinweg widmete er sich der Arbeit im Orden, ließ Kirchen erbauen und erreichte 1274 auf dem Konzil von Lyon die Anerkennung seines Ordens. 1287 ließ Pietro den Orden nach dem Vorbild der Zisterzienser reorganisieren. Sechs Jahre später sah er sein Lebenswerk erfüllt und zog sich wieder in die Einsiedelei auf dem Berg Morone zurück.

Seinen Glaubensbrüdern und vielen einfachen Menschen galt er als ein Heiliger. Morone sah zur gleichen Zeit mit Entsetzen, dass die politischen Ränke das Papsttum in die Krise stürzten. Wiederholt waren Papstwahlen gescheitert. Auch nach dem Tode Papst Nikolaus IV. im Jahre 1294 dauerte die Sedisvakanz an - das Konklave konnte sich auf keinen neuen Papst einigen.

Morone empörte sich. Er drohte dem Konklave das Göttliche Strafgericht an, wenn es sich nicht bald für einen neuen Papst entscheiden würde. Die verfeindeten römischen Adelsfamilien der Colonna und Orsini, Interessenvertreter des Kaisers und der Papstkirche, die das Konklave dominierten, reagierten: Wer aufbegehrt bekommt ein Amt, das ihn ruhig stellt! Morones Frömmigkeit überlagerte zumindest zeitweilig das unwürdige Machtgerangel. Am 5. Juli 1294 wurde Pietro del Morone in einer Inspirationswahl zum Papst gewählt.

Die "Inspirationswahl" verstieß gegen das Papstwahldekret von 1059, nach dem u."a. der Papst von einer Dreiviertelmehrheit der Kardinäle zu wählen sei. Angesichts der machtpolitischen Kämpfe zwischen Kaiser, Kurie und italienischen Ständen ging Coelestin V. ein hohes Risiko ein. Zum Zeichen seiner Demut vor dem Glauben ritt er bei seiner Krönung auf einem Esel in L'Aquila ein. Rom hat er nie betreten!

Coelestin stand als "Papa Angelicus" bei vielen Menschen in hohem Ansehen. Er wurde geliebt - nur nicht von der Kurie und den verfeindeten Parteien, die mit ihm Zeit gewinnen und ihn als Deckmantel für ihre Intrigen benutzen wollten. Coelestin war nicht überfordert, den komplizierten Mechanismus der Kurie auf dem glatten Parkett der Intrigen zu durchschauen. Er war ein hoch gebildeter Mensch voller Ideale, den die Kardinäle in eine Falle gelockt hatten. Sie gaben ihm keine Chance. Dabei zog der päpstliche Berater Kardinal Benedetto Caetani die Fäden. Caetani suggerierte Coelestin in dem ihm selbst geeigneten Moment die historische Legitimität eines freiwilligen Rücktritts und - ließ sich 1295 zum Papst Bonifaz VIII. wählen.

Der "freiwillige" Rücktritt ­Coelestins aus gesundheitlichen Gründen war im Dezember 1294 ein von den Parteigängern Caetanis wohl organisierter Schachzug. Der Mohr hatte seine Schuldigkeit getan"... Doch Bonifaz musste die Popularität Coelestins, der seine Tage nur noch als Eremit beschlie-ßen wollte, fürchten. Wie schnell konnte sich um Coelestin eine innerkirchliche Opposition sammeln. Coelestin entging zunächst einer Verhaftung durch die Flucht. Er wollte mit einem Schiff nach Griechenland fliehen. Ein Sturm und Schiffbruch vereitelten die Flucht. Bonifaz ließ seinen lieben Bruder und Amtsvorgänger in das Castello di Fumone in der Region Lazio bringen. Dort ist Coelestin am 19. Mai 1296 gestorben.