Polen 1573 - Ein politisches Muster an religiöser Toleranz

In seiner heutigen Marginalie zur Geschichte greift TLZ-Kolumnist Detlef Jena weit zurück bis ins Mittelalter - und bietet seinen Lesern eine Überraschung.

Ausgewählte Marginalien zur Zeitgeschichte von Detlef Jena sind bereits zwischen zwei Buchdeckeln erschienen.

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Foto: zgt

Am 28. Januar 1573 beschloss eine polnisch-litauische Regierungskommission die "Konföde-ration von Warschau" - ein Gesetzeswerk, das die religiöse und rechtliche Gleichstellung aller Dissidenten (Protestanten, Juden, Muslime, Orthodoxe u. a.) mit den dominierenden Anhängern der katholischen Kirche einschloss. Mit der Konföderation wurde die I. Republik (Rzeczpos­polita), die seit 1569 das Großfürstentum Litauen und das Königreich Polen in einer Realunion miteinander verband, zum Musterland für eine bis dahin in Europa nicht gekannte religiöse und politische Toleranz. Politische, religiöse und bürgerliche Freiheiten fanden in das Staatsrecht Eingang, erfassten alle Landesteile des von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer reichenden Großreichs.

Sie waren von wahrhaft historischer Bedeutung, weil sie nicht nur ein Gegengewicht z."B. gegen die Hugenottenkriege in Frankreich bildeten. Die Rzeczpospolita Polen/Litauen war rundum von politisch-religiös intoleranten Machtblöcken umgeben, mit denen sie in permanenter Fehde lebte: Im Osten kämpften Polen und Litauer gegen ihren Hauptfeind, das expandierende orthodoxe Großfürstentum Moskau. Von Süden drängten die Heerscharen des islamischen Osmanischen Reichs nach Norden. Vom Norden her bildete die protestantische Großmacht Schweden einen Hort ständiger Gefahr. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation mit seiner Zerrissenheit zwischen protestanti-scher Reformation und katholischer Gegenreformation erschütterte weite Teile Europas.

Es war abzusehen, dass die polnisch-litauische religiöse Toleranz nur dann Bestand haben würde, wenn sie sich im Innern sozial festigen und dem Druck äußerer Gegner standhalten konnte. Die Republik garantierte den Juden zwar per Gesetz eine Freiheit, die auf der ganzen Welt einmalig war, schloss aber die Masse des Volkes - die Bauern - von der staatsrechtlich garantierten Freiheit aus. Eigene Großmachtambitionen des polnischen Adels destabilisierten das innere soziale Gefüge, obwohl sich der Adel gerade von der Toleranz größere Freiräume für seine Herrschaft erhoffte.

Es dauerte nicht lange, bis sich die äußeren Kontrahenten rührten. Moskau richtete 1589 unter dem Zaren Boris Godunow mit viel Geld ein eigenes orthodoxes Patriarchat ein, das auf dem Grundsatz beruhte, dass "das alte Rom durch die apollinarische Häresie gefallen ist und das Zweite Rom, d. h. Konstantinopel, von den Mohammedanern erobert wurde und von den gottlosen Türken beherrscht wird". Dass jedoch, "frommer Zar, Dein großes Russisches Reich, das Dritte Rom, an Strenggläubigkeit allen überlegen ist und dies ganze orthodoxe Reich sich unter einer Krone befindet, und Ihr allein unter dem Himmel in, der ganzen Ökumene und unter allen Christen christlicher Zar seid"..." Darum gebührte dem Moskauer Zaren die Vormacht über alle Christen in Osteuropa!

Die Rzeczpospolita holte zum machtpolitischen Gegenschlag aus. Im Oktober 1596 wurden die orthodoxen Bischöfe der Adelsrepublik, die noch immer dem Patriarchen von Konstantinopel unterstanden, in der Kirchenunion von Brest gezwungen, sich unter Beibehaltung ihrer byzantinischen Riten der administrativen Gewalt der römisch-katholischen Kirche unterzuordnen. Es entstand die "Unierte Kirche" (Griechisch-Katholische Kirche). Die eigentlich gegen das Moskauer Patriarchat gerichtete Gründung erwies sich insofern als ein entscheidender Wendepunkt in der Geschichte Ostmitteleuropas, als er die politische Fragilität in der gesamten Region beförderte. Die "Unierte Kirche" schwächte das politisch-religiöse Gefüge innerhalb der Rzeczpospolita, weil der politische Druck auf die Hierarchen von vielen Gläubigen abgelehnt wurde.

Die Konflikte mit dem Moskauer Zartum gipfelten in mehre-ren russisch-polnischen Kriegen. Die Union von Brest zog eine endlose Kette von Aufständen nach sich, an deren Ende ein halbes Jahrhundert später die Spaltung der Ukraine stand. Alle mit der Brester Union eingeleiteten politisch-religiösen Prozesse begünstigten letztlich die späteren Teilungen Polens und den Untergang der Rzeczpospolita. Es war für das alte Europa ein großer Schritt in die Zukunft, mit der Warschauer Konföderation das Prinzip der religiösen Toleranz im Staatsrecht zu verankern und den bürgerlichen Rechten gleichzusetzen, ein "Meilenstein der Glaubensfreiheit". Aus diesem Grunde hat die Unesco die Artikel der Konföderation 2003 in ihr "Weltdokumentenerbe" aufgenommen. Doch vorerst verkehrte sich die edle Absicht in der politischen Wirklichkeit in ihr Gegenteil. Dieses "vorerst" ist nicht abgeschlossen: Siehe die Ukraine in unseren Tagen.

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