Rätselhafter Rückzug der Mongolen

In seinen neuesten Marginalien zur Geschichte beleuchtet TLZ-Kolumnist Prof. Dr. Detlef Jena die merkwürdigen Vorkommnisse am Fluss Ugra.

Ausgewählte Marginalien zur Zeitgeschichte von Detlef Jena sind bereits zwischen zwei Buchdeckeln erschienen.

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Foto: zgt

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Im Jahre 1480 rückten muslimische Truppen des Osmanischen Reichs auf die italienische Festung Ortranto vor und attackierten das christliche Abendland. Zeitgleich vollzog sich in Osteuropa eine politische Entscheidung von säkularer Bedeutung. Seit 1237 stürmten die Mongolen der Goldenen Horde gegen das Großreich der Kiewer Rus an und beschleunigten dessen Zerfall. Zweieinhalb Jahrhunderte später kam es am 8. Oktober 1480 an der Ugra zu einem Treffen zwischen Truppen des Moskauer Großfürstentums und der Mongolen, das eines der ewigen Rätsel der europäischen Geschichte auslöste. Das Treffen ist unter dem Begriff "Das Große Stehen an der Ugra" in die Historie eingegangen. Es besaß eine für Osteuropa charakteristische Vorge-schichte. Vier Jahre zuvor hatte Moskaus Großfürst Iwan III. den fälligen Tribut an die Mongolen verweigert. Deren Anführer Akh­mat Khan rang gerade die Krimtataren nieder. Er konnte erst 1480 antreten, die ungehorsamen Moskowiter zu züchtigen.

Der Khan verbündete sich mit dem in Personalunion verbundenen Königreich und Großfürstentum Polen/Litauen unter König Kasimir IV. Jagiello. Als der Khan im Herbst 1480 von Streitigkeiten am Moskauer Hof erfuhr, zog er seine Truppen am Ufer der Ugra zusammen - unterstützt von den Polen, für die Moskau das größte Hindernis auf dem Wege zur Vorherrschaft über Osteuropa war. Iwan III. nahm die Herausforderung zögernd an. Seine Söhne rebellierten gerade um der eigenen Macht willen gegen ihn, die Meinung der Bojaren war gespalten: Sollte man einen Krieg gegen die Mongolen und gegen Polen/Litauen wagen? Nur unter dem Zwang der akuten Bedrohung formierte Iwan III. seine Truppen auf dem Moskauer Ufer der Ugra und in dessen Hinterland. Am 8. Oktober 1480 wollte Akhmat Khan seine Krieger mit den polnisch/litauischen Truppen vereinigen, die Ugra überschreiten und die Moskauer Streitkräfte aufspalten.

Moskaus Militärs ahnten den Schachzug voraus. Bevor Polen und Litauer eintrafen, gruppierten sie ihr Heer um und verhinderten in viertägigen Scharmützeln, dass die Mongolen die Ugra überquerten.

Die Mongolen zogen sich etwas zurück. Während sie auf polnische Verstärkungen warteten, konnte Iwan III. die Konflikte an seinem Hof ausräumen und die gesamte Moskauer Streitmacht aufbieten. Moskauer und Mongolen standen sich an der Ugra gegenüber und taten - nichts. Man wartete auf die Polen und Litauer, doch die kamen nicht. Deren König wurde in einen Krieg mit den Krimtataren verwickelt und musste noch immer mit den Folgen des 1479 beendeten "Pfaffenkriegs" gegen den Deutschen Orden kämpfen. Etwa vier Wochen dauerte der Schwebezustand. Seuchen brachen aus und reduzierten die Kampfkraft. Anfang November begann die Ugra zuzufrieren, der Winter drohte die Kräfte weiter zu lähmen. Kämpfen oder Rückzug? Die Goldene Horde entschied sich für den Rückzug. So wie sie einst aus den Steppen Asiens im Sturmlauf aufgetaucht waren, verschwanden sie in diesen Steppen auch wieder. An Mut und Kampfkraft wird es ihnen nicht gefehlt haben. Sollten sie über den Wortbruch der Polen und die russische Kriegsbereitschaft so verzweifelt gewesen sein, dass sie lieber das Weite suchten? Klüger war es auf jeden Fall, sich mit Moskau nicht im Bösen zu vergleichen. In dieser Art interpretieren jedenfalls großrussische Historiker das Ende der Herrschaft der Goldenen Horde in Osteuropa, das den Aufstieg des Moskauer Zarentums zur Großmacht einleitete.

Für Athmat Khan war der Rückzug eine Schande. Als er wenige Wochen später beim Kampf mit sibirischen Tataren getötet wurde, lag das in der Konsequenz seines Versagens an der Ugra. Aber das reale Ende der Goldenen Horde erfolgte erst Jahrzehnte später. Die Mongolen zogen sich zunächst lediglich an die untere Wolga zurück. Sie wurden in die Machtkämpfe des Khanats der Krimtataren um die Vorherrschaft im Nördlichen Schwarzmeergebiet verstrickt. Der letzte Herrscher der Goldenen Horde, Shaykh Ahmad, wurde 1502 in Litauen hingerichtet! In Litauen, das 1480 zu den Verbündeten der Goldenen Horde gezählt hatte. Das Stehen an der Ugra war ein wichtiger Schritt auf dem Wege zum Ende der Mongolenherrschaft in Osteuropa und ist aus diesem Grunde auch nicht nur im Lichte des Moskauer Aufstiegs zu betrachten. Die Ugra ist seit dem frühen Mittelalter als Grenzfluss zwischen verschiedenen Reichen zu historischer Bekanntheit gelangt. Berichte über militärische Auseinandersetzungen am Fluss reichen bis in das Jahr 1147 zurück. Die Symbolik der Ereignisse von 1480 schließt die Dramatik der nachfolgenden Kämpfe zwischen Moskau und Polen/Litauen nicht aus.

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