Tretschlaff - Die letzte Hexe der Uckermarck

Angeblich soll Dorothee Elisabeth Tretschlaff das letzte Todesopfer der Hexenverfolgung in Brandenburg gewesen sein. 1701 wurde sie durch Enthaupten hingerichtet - drei Wochen nach der Königskrönung Friedrichs I. Professor Detlef Jena beschreibt in seinen Marginalien zur Geschichte, wie zweifelhaft der Fall der erst 15-Jährigen erscheint.

Ausgewählte Marginalien zur Zeitgeschichte von Detlef Jena sind bereits zwischen zwei Buchdeckeln erschienen.

Ausgewählte Marginalien zur Zeitgeschichte von Detlef Jena sind bereits zwischen zwei Buchdeckeln erschienen.

Foto: zgt

Dorothee Elisabeth Tretschlaff wurde am 17. Februar 1701 in Fergitz bei Gerswalde, in der Nähe des Städtchens Templin, durch Enthaupten hingerichtet. Angeblich soll die Tretschlaff das letzte Todesopfer der Hexenverfolgung in Brandenburg gewesen sein. Der "Freundeskreis Fergitz e.V." arbeitet seit 2008 an einem Denkmal für die schändlich gemordete Dorothee, z.B. 2010 beim Erntedankfest nach dem gemeinschaftlichen Gottesdienst mit einem wissenschaftlichen Vortrag, einer Kunstausstellung, bei Essen und Trinken in verschiedenen Varianten und einem gemütlichen Beisammensein am Lagerfeuer. Was nicht bedeutet, dass die verursachende Veranstaltung 1701 auch so behaglich ablief, als die Fergitzer der Dorothee den Kopf abschlugen.

2012 lässt sich die mutmaßlich letzte brandenburgische Hexe opulent vermarkten, denn die Hinrichtung fand gut drei Wochen nach der Königskrönung Friedrichs I. in Königsberg statt. Dieser Bezug führt geradewegs zu dem großen Jubiläum des 300. Geburtstags Friedrichs II. von Preußen, den u.a. der kulturvolle Arte-Kanal jüngst unter gnomhafter Mitwirkung von Frau Thalbach nebst Tochter in den Rang eines "deutschen" Königs erhoben hat.

Der Irrtum von 1701 in Fergitz wog zumindest für Frau Tretschlaff schwerer als jener vom "deutschen" König Friedrich, obwohl man den Einfluss ideologisch-historischer Fehlurteile auf die Meinungsbildung nicht unterschätzen darf. Es könnte natürlich auch sein, dass Arte den "deutschen" König ironisch verstanden wissen wollte - Frau Thalbachs kunstvolles Spiel deutet zumindest darauf hin, denn dem aufgeklärt-rüden Monarchen werden weit schlimmere Fehlleistungen nachgesehen, als sie ein moderner deutscher Politiker jemals begehen könnte.

Unter dem "Großen" Friedrich hat es dann wohl in Brandenburg doch keine Hexenverbrennungen mehr gegeben. Auch der Fall der erst fünfzehnjährigen Dorothee erscheint zweifelhaft. Prozessakten sind unauffindbar. Selbst der überkommene Bericht des Hof- und Landrichters Thomas Böttcher spricht von einer übereilten Hinrichtung. König Friedrich I. hatte den Bericht unverzüglich angefordert. Diffuse Nachrichten und Gerüchte über den Prozess beunruhigten die ländliche Bevölkerung. Hexenprozesse waren seit dem Mittelalter keine Sensation, riefen aber in jedem konkreten Fall Aufmerksamkeit hervor.

Das war, so der Bericht Böttchers, auch hier der Fall. Es konnte keine Schädigung dritter Personen festgestellt werden. Die Anklage lautete auf "Buhlschaft mit dem Teufel". Der Teu-fel, so sagte es Dorothee aus, wäre immer wieder zu ihr gekommen und hätte sie verführen wollen. Er hätte sie mit Geld und Geigenspiel gelockt. Zur "Buhlschaft" wäre es erst gekommen, als sie krank und schwach im Bette lag. Es wäre allerdings kein Samen geflossen, denn nach damaligen theologischen Vorstellungen verfügte der Teufel über keine Zeugungskraft.

Andere Mägde, die mit Dorothee auf dem Hof arbeiteten und durch den Prozess eingeschüchtert waren, wollten ihrerseits einen Hasen unter deren Bett gesehen haben oder eine schwirrende Schmeißfliege, die sich als Teufel entpuppte. Unwissend und abergläubisch waren die Menschen damals auf dem Lande. Dorothees Aussagen ließen sich rational ganz einfach deuten: Ein männlicher Gutsangehöriger hatte das Kind verführt oder gar vergewaltigt, fürchtete nun die Folgen und suchte sein Opfer zu beseitigen. Vor Gericht hätte diese Vermutung bewiesen werden müssen!

Die Verantwortlichen des Verfahrens, der Inhaber der Jurisdiktion Obristleutnant von Münchow und der von ihm beauftragte Richter und Fiskal Friedrich Roth, bemühten sich durchaus, den Realitätsgehalt einiger Aussagen zu überprüfen. Man konnte ihnen bei der späteren Überprüfung keinen juristischen Regelverstoß nachweisen.

Dennoch blieb der Berichterstatter Böttcher skeptisch, ob die Aussagen tatsächlich auf realen Vorgängen beruhten. Er vermutete vielmehr, dass sie entweder der spezifischen Verhörsituation durch den Richter entsprangen oder das Produkt einer romantischen Phantasie des Mädchens waren. Einen richterlichen Druck wollte Böttcher nicht annehmen, obwohl der bei Hexenprozessen nicht zu den Anormalitäten gehörte. Also spekulierte er mit dem psychologisch motivierten Hintergrund: Dorothee erschien ihm als ein in sich versponnenes junges Mädchen, suizidgefährdet und mit romantisch übersteigerter Phantasie. Man hätte sie nie vor Gericht stellen dürfen!

Es ist nicht bekannt, ob die königliche Untersuchung zu einem Ergebnis geführt hat. Aber es wurde höchste Zeit, dass in Preußen ein aufgeklärter Geist die Politik bestimmte. Aber so schnell schossen die Preußen auch damals nicht.

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