Vielstimmige Prosa aus Prag und Siebenbürgen

Es sind oftmals die kleinen Verlage, die höchst interessante literarische Arbeiten ausgraben. Werke, die aber häufig, von Vertrieb wie Kritik unbeachtet, nur schwer ihre Leser erreichen. Das gilt auch für folgende Anthologien, die deutschsprachige Prosatexte vorstellen, die gerade nicht im Zentrum des Literatursystems entstanden und leider auch kaum rezipiert worden sind, da diese - obwohl von deutschschreibenden Autoren - bestenfalls in den Kontext deutschsprachiger Migrationsliteratur eingeordnet werden.

Blick auf das "Goldene Prag":Die tschechische Hauptstadt ist Resonanzraum für deutschsprachige Autoren. Foto: dapd

Blick auf das "Goldene Prag":Die tschechische Hauptstadt ist Resonanzraum für deutschsprachige Autoren. Foto: dapd

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Das Thema der ersten Anthologie, mit der fragwürdige Kategorisierungen von Nationalliteratur unterlaufen werden, ist Prag. Die von Geburt in der Regel tschechischen Verfasser sind allerdings nicht Teil des zu Recht berühmten Prager Kreises, sie dürfen gewissermaßen als Nachfahren betrachtet werden. Die Autoren stammen entweder selbst aus Prag oder besitzen dort zumindest familiäre Wurzeln, so dass die Stadt einen Referenzraum bildet, der oftmals auch literarisch immer wieder bearbeitet wird.

Man findet faszinierende Anknüpfungen an die böhmisch-pragerische Tradition, z."B. an die "Verwandlung" von Franz Kafka, an dessen "Dohlen", an das Café Slavia, an Rilke. Es ist ein Erzählen an der sprachlichen, der kulturellen, der historischen Grenze. Geschildert werden häufig die Sozialisation im sozialistischen Prag und dessen kapitalistische Verwandlung, immer auch mit Reflektionen früherer Phasen. Erfasst ist dabei die ganze Bandbreite von höchst anspruchsvollen literarischen Texten (z. B. Eva Profousovás Erzählung "Landgang") über durchaus gehaltvolle Unterhaltung bis hin zum Trivialen, so eine unfreiwillig komische Bearbeitung des Libussa-Stoffes. Eine vergleichbare Bandbreite bietet auch die zweite Sammlung, die eine weitere, am Rande des Literaturbetriebs stehende Gruppe vorstellt - deutschsprachige Erzähler aus Siebenbürgen und aus dem Banat. Zwar haben diese Regionen seit dem Nobelpreis für Herta Müller, die aus dem Banat stammt, mehr Aufmerksamkeit erhalten, doch ein Großteil der Autoren, die hier vorgestellt werden, dürften den meisten Lesern ebenfalls unbekannt sein.

Erfahrungen mit dem Totalitarismus

Wird in der ersten Anthologie Prag zum Reflektionsraum, so spielen hier die rumänischen Landschaften, insbesondere aber die Erfahrung mit dem rumänischen Stalinismus, Totalitarismus und Byzantinismus in der Ära Ceausescu eine zentrale Rolle. Kollektivschuldzuweisung gegen die in Rumänien lebenden Deutschen und deren Verschleppung in sowjetische Lager nach 1945, fortgesetzte kulturpolitische Repressionen in den 1950er, dann nach kurzer Liberalisierung erneut ab den 1970er Jahren, verlangen von diesen Autoren, ganz gleich ob sie im Lande geblieben sind oder in des bundesdeutsche Exil gingen, völlig andere literarische Bearbeitungen.

Der erzählerische Rahmen verläuft von traditionellem Realismus bis zu neuen Mustern der Wirklichkeitsdarstellung, z."B. bei Richard Wagner oder bei dem unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommenen Roland Kirsch. Ob diese Anthologie, wie die Herausgeberin Olivia Spiridon anmerkt, tatsächlich das herannahende Ende einer Minderheit und ihrer eigentümlichen Sprache markiert, bleibt allerdings abzuwarten. Denn ein solches wurde ja auch für die Prager deutsche Literatur nach 1945 prognostiziert, die gleichwohl ein faszinierendes Nachleben erfährt - und sei es eben durch deutschschreibende tschechische Autoren.

Ich träume von Prag. Deutsch-tschechische literarische Grenzgänge. Hrsg. von Andrea Fischerová und Marek Nekula. Verlag Karl Stutz, Passau, 389 S, 22,80 Euro

Deutsche Erzähler aus Rumänien nach 1945. Eine Prosa-Anthologie, hrsg. und eingeleitet von Olivia Spiridon, mit einem Vorwort von Romulus Rusan, Verlag Curtea Veche, Bukarest, 504 S., 11,90 Euro

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