Mach doch den Chinesen!

Erfurt/Weimar/Jena  In „Made in China“ erzählt Julien Abraham eine Integrationsgeschichte der anderen Art – berührend und umwerfend komisch.

Frederic Chau als Francois und Julie de Bona als Sophie in einer Szene des Films "Made In China".

Frederic Chau als Francois und Julie de Bona als Sophie in einer Szene des Films "Made In China".

Gleich in der ersten Szene, in der er mit seinem Freund Bruno einen Verkehrspolizisten abwimmelt, zeigt sich, dass François seine asiatische

Identität niemals abstreifen kann. „Mach den Chinesen!“, ruft Bruno. – „Aber, ich bin doch Franzose!“

Im Alltag wird François immer mal mit einem Sushi-Lieferanten verwechselt. So auch, als er zur Party seiner Freundin stößt. Er sei süß für einen Chinesen, muss er sich dort anhören. Sophie tröstet ihn, denn sie liebt ihn, so wie er ist. Zum Problem wird das erst, als die beiden ein Kind erwarten. Natürlich soll es einen französischen Namen bekommen. Und eine Familie haben.

Während das glückliche Paar schon gemeinsam mit Sophies Mutter die Erstlingsausstattung besorgt, rumort es in François. Was ist mit seiner Familie? Vor zehn Jahren hat er den Kontakt zu ihr abgebrochen. „Ruf endlich deinen Vater an“, drängt Sophie. Der Versuch, sich nach so langer Zeit den Verwandten wieder zu nähern, bedeutet für den Abtrünnigen, sich seiner chinesischen Wurzeln bewusst zu werden, und setzt eine Lawine berührender und umwerfend komischer Ereignisse in Gang.

Mit „Made in China“ ist Regisseur Julien Abraham ein kleines cineastisches Meisterwerk gelungen, das sich zum Kinoereignis des Jahres aufschwingen könnte. Der zwischen Komödie und Sozialdrama changierende Film zeigt auf scheinbar unbeschwerte Weise den Riss, der durch die von unterschiedlichen Kulturen geprägte Gesellschaft geht, und wie man die Welten einander näherbringen kann. Und wer wäre für die Rolle des Franzosen chinesischer Abstammung besser geeignet als der aus „Monsieur Claude und seine Töchter“ bekannte Frédéric Chau.

Widerstrebend macht sich François auf den Weg nach China-Town, jenem an der Pariser Peripherie gelegenen Hochhausviertel, in dem die asiatischen Einwanderer unter sich leben. Bruno, Medi Sadoun als liebenswert chaotischer Typ, begleitet ihn. Während der Freund in der für ihn unverständlichen Welt von einem Fettnapf in den anderen stolpert, wird François von seinen Tanten, Onkeln, Nichten und Neffen mehr oder minder mit offenen Armen empfangen. Und er spürt, dass diese Leute, die im Gegensatz zu ihm außerhalb der französischen Gesellschaft leben, nicht nur ihr Dasein fristen, sondern auf ihre Art glücklich sind.

Julien Abraham, der für die Dreharbeiten drei Jahre im chinesischen Viertel im 13. Arrondissement von Paris verbracht hat, zeigt die verborgene Binnenwelt sehr lebendig und in leuchtenden Farben. François fühlt sich in seine Kindheit und Jugend zurückversetzt, zumal ihm seine erste Liebe in Gestalt der hübschen „Fast-Cousine“ Lisa (Mylène Jampanoi) wiederbegegnet, auf die Bruno sofort ein Auge wirft. Während der Draufgänger das eine oder andere Vorurteil korrigieren muss, ahnt François, was da mit der Großfamilie an Widersprüchen, Verwerfungen, Schicksalen und Traditionen auf sein Kind zukommt.

Vor allem beim Vater beißt er auf Granit. Der alte Mann (Bing Yin) verzeiht ihm nicht, die Familie damals im Stich gelassen zu haben. Dabei hatte François gar keine Wahl gehabt: Um seinen Traum zu verwirklichen, als Fotograf arbeiten zu können, musste er gehen. Der Vater verlangte einen Brotberuf. Aber hat sich der Sohn in all den Jahren nach dem Befinden seiner Angehörigen erkundigt? Jetzt lässt er nichts unversucht, um eine Aussprache zu erzwingen.

Selbst bei der Hochzeit der Cousine Céline, bei der Bruno Lisas Herz gewinnt, bleibt der Alte abweisend. Nicht einmal das zu erwartende Enkelkind vermag ihn zu versöhnen. Im Gegenteil, Vater und Sohn geraten aneinander, und das Drama fährt sich fest, als herauskommt, dass die Schwiegertochter keine Asiatin, sondern eine Frau aus der Bretagne ist.

Doch die Regie hat mit Tante Fa (Li Heling) und der resoluten Großmutter (Xing Xing Cheng) noch zwei Trümpfe im Ärmel. Sie bringen die Streithähne an einen Tisch, und nun, nach Jahrzehnten, erfährt François, was seine Eltern einst mit der Flucht aus der Heimat auf sich genommen haben und warum der Vater seiner sterbenden Frau nicht hatte beistehen können.

Die Szene am Grab der Mutter verleiht der Komödie tragische Züge. Es sei schwierig gewesen, in diesem Rahmen auf dem Friedhof zu drehen und die durch den Völkermord der Roten Khmer ausgelöste Fluchtgeschichte anzudeuten, erzählt der Regisseur. Sie steht pars pro toto für viele unbekannte Schicksale.

François’ Vater haben die Erlebnisse verhärtet. Zwar organisiert er heute das Zusammenleben in der Community und beschafft Geld für Neuankömmlinge, hat aber kein Ohr für die Bedürfnisse seiner Nächsten. „Für andere war er da, aber nicht für uns“, beklagen sich seine Kinder. Klar, dass beide, der Vater und sein verlorener Sohn, über ihren Schatten springen müssen. Und selbst Sophie, die sich die meiste Zeit mit dem Spross im Bauch im Hintergrund hält, muss angesichts der vielen neuen Familienmitglieder bedenken, ob nicht auch ein chinesischer Vorname in Frage komme.

„Made in China“ überzeugt durch einen offenherzigen Blick auf die Unterschiedlichkeit von Kulturen, die nicht frei von Vorurteilen und Intoleranzen sind, sich letztlich aber in tiefer Mitmenschlichkeit treffen. Gibt es, so fragt Julien Abraham, Schöneres als eine große, vielköpfige, vielstimmige Völkerfamilie?

Der Film startet heute im Schillerhof Jena, Lichthaus Weimar, Kinoklub Hirschlachufer Erfurt und Metropol Gera.

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