Benda reformierte von Gotha aus die deutsche Oper und imponierte Mozart

Mit einer lapidaren Notiz, heute in den Konvoluten der Gothaer Hofakten erhalten, teilte Herzog Friedrich III. seinem Oberhofmarschall mit, dass er "den bisherigen Königl. preuß. Musicum Georg Penta zu unserem Capellmeister an und in Diensten genommen" habe. Und so geriet per Datum 1. Mai 1750 der dazumalen kaum bekannte, alsbald jedoch berühmte und in unseren Tagen beinahe vergessene "Musicum Penta" auf die Gehaltsliste der Sächsisch-Gothaischen Residenz Friedenstein.

Sein wichtigster Arbeitsplatz: 28 Jahre lang leitete der gebürtige Böhme die Hofkapelle in Gothas Residenz Friedenstein (oben) und schrieb Bühnenwerke, die man im Schlosstheater (unten) uraufführte. Archiv-Foto: Peter Michaelis

Sein wichtigster Arbeitsplatz: 28 Jahre lang leitete der gebürtige Böhme die Hofkapelle in Gothas Residenz Friedenstein (oben) und schrieb Bühnenwerke, die man im Schlosstheater (unten) uraufführte. Archiv-Foto: Peter Michaelis

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Immerhin wusste Friedrich seine renommierte Hofkapelle, auf deren Tradition die Thüringen Philharmonie sich berufen darf, durchaus zu schätzen und suchte für deren bisherigen Leiter, den im November des Vorjahres verstorbenen Gottfried Heinrich Stölzel, einen würdigen Nachfolger. Allerdings wollte er nicht allzu viel in dessen Salär investieren, und so entschied er sich für den versierten Geiger Georg Anton Benda, ohne zu ahnen, welch enorme Freude - aber auch Kosten - ihm dieser alsbald bereiten sollte.

1750, das Todesjahr Johann Sebastian Bachs, markierte in der früheren Musikgeschichtsschreibung das Ende des Barock. Inzwischen übersehen wir nicht mehr, dass der greise Tonsetzer längst aus seiner Zeit gefallen war, dass er geschätzt, doch längst nicht mehr für modern gehalten wurde; indessen die Wiener Klassik mit ihren Exponenten Haydn und Mozart noch nicht in Sicht geriet. Die barocke Opera seria und das Concerto grosso hatten den Zenit überschritten, ohne dass etwas adäquat Neues schon entwickelt worden wäre. Jene spannende Übergangszeit also von den 1730er bis 1770er Jahren gehörte dem Experiment, und am Gothaer Hof trat ein Kapellmeister an, der allseits Beachtetes beitrug.

Avantgarde-Musik am Gothaer Hof

Der am 30. Juni 1722 im böhmischen Benatek getaufte Benda gibt uns Heutigen jede Menge Rätsel auf. Namhaft sind seine Melodramen "Ariadne auf Naxos" und "Medea", beide in Gotha verfasst - und "beyde wahrhaft fürtreflich". So urteilte kein Geringerer als der 22-jährige Wolfgang Amadé Mozart, nachdem er 1778 eine "Medea"-Aufführung in Mannheim, einem führenden Musikzentren Europas, erlebt hatte. Dem Vater Leopold schrieb er: "In der that - mich hat noch niemal etwas so surprenieret! ... Sie wissen, das Benda unter den lutherischen kapellmeistern immer mein liebling war; ich liebe die zwey werke so, daß ich sie bey mir führe."

Unter diesem Eindruck experimentierte auch Mozart mit der Form des Melodrams in seiner Fragment gebliebenen "Zaide". Schließlich ging es um nichts anderes, als so etwas wie eine deutsche Oper zu etablieren, und Bendas Melodramen mit ihren von Schauspielern gesprochenen, vom Orchester begleiteten Texten schienen geeignet, als Pendant zum heiteren Singspiel die ernste Opera seria zu ersetzen. Mozart schätzte den "Effect", "daß da nicht gesungen, sondern Declamirt wird - und die Musique wie ein obligirtes Recitativ ist - bisweilen wird auch unter der Musique gesprochen, welches alsdann die herrlichste wirckung thut".

Selbst Goethe im Gotha benachbarten Weimar lieferte mit seiner "Proserpina" 1777, der höllenglutheiß verehrten Corona Schröter zuliebe, einen Versuch in der dramatischen Mischgattung ab - der freilich missriet. Ergo spöttelte er alsbald in seinem Lustspiel "Triumph der Empfindsamkeit": "Es ist weder Melodie noch Gesang drin, deswegen es auch manchmal Melodram genannt wird." Und ließ dennoch just in Aufführungen dieses Werks seine "Proserpina" zu Musik von Seckendorffs als Intermezzo einfügen.

Da spürt man unterschwelligen Konkurrenzneid unter den Thüringer Musenhöfen, denn drei Jahre zuvor war die Seylersche Schauspieltruppe samt Ekhof, Iffland und dem Tondichter Anton Schweitzer von Weimar aus- und gen Gotha weitergezogen. Für ihre Zwecke verfasste Benda einige seiner Bühnenwerke, was ihm einerseits als ein Glück erschienen sein muss. Andererseits aber fühlte er sich vom Kontrahenten Schweitzer verdrängt und bat schweren Herzens im Jahre 1778 den Herzog um seine Entlassung.

Dieser Bitte willfuhr Ernst II. als Nachfolger des inzwischen verstorbenen Friedrich III. unter strengsten Auflagen. Schließlich hatte man ja in Bendas Weiterbildung stattliche 1000 Taler investiert, indem man ihm anno 1765 eine sechsmonatige Studienreise nach Italien gewährt hatte. Die Summe zurückzuerstatten, ersparte man dem abspenstigen Kapelldirektor nur mit der Bedingung, dass er seine sämtlichen Musikalien aushändige. Das kann Elisabeth Dobritzsch, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Stiftung Schloss Friedenstein, so wie die vormalige Bestallung Bendas, anhand der überlieferten Akten heute gut nachvollziehen.

Allerdings hatte der Musicus seinen Marktwert gehörig überschätzt. Er ging nach Hamburg, wo sein Töchterchen Auguste am Schröderschen Theater engagiert war, reiste nach Paris, um die dortige Erstaufführung seiner "Medea" zu leiten, und lenkte seine Schritte gen Wien - ohne irgendwo Fuß fassen zu können. Reumütig kehrte er im Jahr später nach Sachsen-Gotha zurück, wo Herzog Ernst ihm eine schmale Gnadenpension gewährte.

Abgeschieden vegetierte er fortan in Georgenthal und Ohrdruf, 1790 zog er nach Köstritz, des guten Bieres halber, wie Dobritzsch vermutet, und auch um im nahegelegenen Ronneburg zu kuren. In Köstritz komponierte er noch "Bendas Klagen" und notierte: "Hiermit endet der Verfasser seine musikalische Laufbahn im 70ten Jahre seines Alters." Und am 6. November 1795 auch die Lebensbahn; in Köstritz liegt er begraben.

Mit Bachs Sohn gut befreundet

Was aber hat jener Jirí Antonín Benda, als der er im Taufbuch der böhmischen Heimat vermerkt ist, binnen seiner 28 Gothaer Jahre getrieben? Wo hatte er überhaupt eine musikalische Ausbildung genossen? Für Antworten auf solche Fragen existieren nur Anhaltspunkte. Das Geigenspiel wird er als Seminarist im Jesuitenkolleg von Jicín 1739-1742 erlernt haben, bevor er seinem älteren, bereits arrivierten Bruder Franz, ebenfalls ein Geiger, als Kammermusikus an den Preußenhof folgte. Unterweisungen in Tonsatz sind nicht belegt; möglicherweise bildete Georg Anton sich im Selbststudium.

Gewiss erfuhr er wichtige Anregungen durch die preußische Musikszene, insbesondere durch Carl Philipp Emanuel Bach, mit dem er sich offensichtlich anfreundete. Wie sehr ihn Bach schätzte, ist dadurch belegt, dass dieser, ab 1768 als städtischer Musikdirektor und Kantor am Johanneum in Hamburg berufen, freimütig auf Bendas Gothaer Kantaten zurückgriff, um der Pflicht zu genügen, in der Hansestadt Gottesdienste anspruchsvoll zu gestalten. 18 Autographe von Kantaten Bendas sind nun gerade erst im Gothaer Augustinerkloster wiederentdeckt worden (unsere Zeitung berichtete) und harren einer Neubewertung.

Der Musikwissenschaftler Wolfram Enßlin, der die Arbeitsstelle "Bach-Repertorium" bei der Sächsischen Akademie der Wissenschaften und dem Bach-Archiv Leipzig leitet, hat sie identifiziert und will Dissertationsprojekte darüber anregen. Insgesamt finden sich in der Augustiner-Bibliothek 45 Benda-Kantaten und eine Messe, der größere Teil davon in Abschriften des Gothaer Stadtkantors Johann Gottfried Schade.

Die Qualität dieser Kompositionen will Enßlin nicht prima vista beurteilen, doch immerhin betrachtet er sie schon als Indiz gegen das in seiner Zunft landläufige Urteil, die Kirchenmusik sei in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts im Niedergang begriffen gewesen. Und hätten Bendas Werke nicht den Status gewöhnlicher Gebrauchsmusik übertroffen, so hätte sich C.P.E. Bach als Telemann-Nachfolger in Hamburg sicher nicht ihrer bedient. Ebenso wie vermutlich Schade in Gotha, dessen letzte Kopie von 1820 datiert, der die Kantaten also noch ein Vierteljahrhundert nach dem Tod ihres Autors für aufführenswert hielt, hat Bach einige Retuschen vorgenommen, zum Beispiel Texte geändert oder die für hohe Festtage obligatorischen Trompetenstimmen hinzugefügt.

Leider entsorgte Schade die Autographe nach Abschrift; eine zeitübliche Praxis, wie Enßlin bedauert. Dabei war damals mindestens Bendas Kantaten-Jahrgang von 1760/61, dessen Texte der Theologe Balthasar Münter verfasste, weit über thüringische Horizonte hinaus bekannt. Zeitgenössische Aufführungen sind laut Enßlin unter anderem aus Nürtingen, Kaufbeuren und Frankfurt belegt.

All das zeigt, welche Reputation Georg Anton Benda zu Lebzeiten genossen haben muss und wie gut er vernetzt war. Denn die Form des Melodrams hat er ja nicht neu erfunden, sondern ein Vorbild Jean-Jacques Rousseaus weiterentwickelt. Dies wiederum zeigt, wie man am Gothaer Hofe der Musenfürstin Luise Dorothee, der Gemahlin Friedrichs III., internationale Beziehungen, zumal in den Künsten und Wissenschaften, pflegte; die Herzogin selbst stand im Briefwechsel mit Voltaire.

So lohnt es fraglos, Bendas Oeuvre neu zu sichten. Immerhin 13 Bühnenwerke, darunter auch Singspiele und "Operetten", hat er hinterlassen. Dazu Sinfonien, Cembalokonzerte und Kammermusiken, die neben solchen C.P.E. Bachs oder Frühwerken Haydns und Mozarts nicht versteckt werden müssen. Was davon Benda in Gotha, was noch am Preußenhofe komponiert hat, lässt sich in vielen Fällen nicht eindeutig eruieren. Zumindest bestand laut Elisabeth Dobritzsch seine Hauptaufgabe darin, Tafelmusiken und Kantaten zu schreiben, um diese allsonntäglich mit der Hofkapelle aufzuführen.

Als Tonschöpfer in der Übergangsepoche der Empfindsamkeit sehen wir Georg Anton Benda also als einen Neuerer Seite an Seite mit den prominenten Bach-Söhnen. Seine innovativste Leistung - die Melodramen - mag sich als eine Sackgasse erwiesen haben, obschon noch Strauss und Schönberg mit der Form experimentierten. Das Prinzip jedoch, Textdeklamation mit Musik empathisch zu verbinden, hat gerade in unserer Zeit noch populären Nachhall erfahren - freilich, ohne dass einer der "Gangsta"-Rapper den alten Benda noch kennte.

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