Bendas Kantaten in Gothaer Klosterbibliothek entdeckt

Sensation im Gothaer Augustinerkloster: Ein überraschender Handschriftenfund mit 18 autographen Kantaten aus der Feder des Komponisten Georg Anton Benda (1722-1795) ist Leipziger Forschern in der dortigen Klosterbibliothek geglückt.

Der glückliche Finder: Dr. Wolfram Enßlin, Musikwissenschaftler aus Leipzig, präsentiert eine Kantaten-Handschrift Georg Anton Bendas in der Gothaer Klosterbibliothek. Foto: Peter Michaelis

Der glückliche Finder: Dr. Wolfram Enßlin, Musikwissenschaftler aus Leipzig, präsentiert eine Kantaten-Handschrift Georg Anton Bendas in der Gothaer Klosterbibliothek. Foto: Peter Michaelis

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Gotha. 28 weitere Partituren von Kantaten sowie einer Messe wurden als zeitgenössische Abschriften identifiziert. Georg Anton Benda, der von 1750 an 28 Jahre lang als Hofkapellmeister auf Schloss Friedenstein wirkte, war zu Lebzeiten hochberühmt und wurde sogar von Mozart bewundert. Er gilt als eine der Schlüsselfiguren für die brisante Übergangszeit von der Musik des Barock zur Klassik.

Wie über Nacht ist das ehrwürdige Klostergemäuer in der kleinen thüringischen Residenzstadt somit zum zweitwichtigsten Benda-Hort weltweit avanciert. Nur die Staatsbibliothek zu Berlin besitzt mehr seiner Autographe. Als Musikwissenschaftler Wolfram Enßlin (44) unserer Zeitung vor Ort seine Entdeckung erläutert, sitzt Gothas Superintendent Michael Lehmann als Hausherr mit in der Runde und kann all das noch gar nicht recht glauben: "Ich staune mit offenen Augen und Ohren."

C. P. E. Bach führte sie in Hamburg auf

Enßlins Spezialgebiet gilt eigentlich Carl Philipp Emanuel Bach, der mit Benda seit gemeinsamen Berliner Tagen gut befreundet war und als Hamburger städtischer Musikdirektor und Johanneumskantor reüssierte. Damals war es noch, wie im Barock, Kantoren eine vornehme Pflicht, jeden sonntäglichen Gottesdienst im Kirchenjahr mit einer Kantate zu veredeln. So verfuhr ehedem schon Vater Johann Sebastian in Leipzig. Sein 1714 in Weimar geborener Sohn komponierte jedoch nicht alles selbst, sondern verwendete und bearbeitete mit der zeitüblichen Freizügigkeit auch Kantaten - oder Teile daraus - von Benda und Gottfried August Homilius (1714-1785) für seine Hamburger Gemeinde. Experten wie Wolfram Enßlin sprechen heute von einer "regen Pasticcio-Praxis".

Und nur weil er sich jetzt für das "Bach-Repertorium", ein groß angelegtes Kooperationsprojekt der Sächsischen Akademie der Wissenschaften und des Bach-Archivs Leipzig, in Detailfragen Klarheit verschaffen wollte, fuhr Enßlin nach Gotha. "Man wusste ja, dass dort Benda-Partituren zu finden sind", sagt der Experte. Schon das Lorenzsche Werkverzeichnis aus den 1970er Jahren erwähne sie - allerdings nicht als Autographe. Vielmehr hielt man sie samt und sonders für Abschriften.

"Gott sei Dank hat Frau Geutebrück uns gezeigt, was sie sonst noch von Benda hat", schildert der Leipziger Wissenschaftler. Und da strahlt Annemarie Geutebrück, die ehrenamtliche Bibliotheks-Chefin im Gothaer Kloster.

Geburtstage des Herzogs gefeiert

Enßlins erster Gedanke, als er einiger der Partituren ansichtig wurde, war: "Das sieht nicht nach Abschriften aus." Denn immerhin finden sich in den säuberlichen Notationen auch eine ganze Reihe von Strichen, Verwerfungen und Korrekturen, die ein Kopist gewiss begradigt hätte. Daraufhin nahm Enßlin in der Staatsbibliothek Berlin einen Vergleich mit zuverlässigen Benda-Autographen vor und erkannte: dieselbe Handschrift! So identifizierte er 18 Kantaten eindeutig als Benda-Autographe, zwölf davon aus dem seinerzeit berühmten Münter-Jahrgang 1760/61. Balthasar Münter, ein Theologe, hatte die Texte verfasst. Aufführungen sind laut Enßlin etwa in Frankfurt, Nürtingen und Kaufbeuren belegt. Das zeigt, wie Benda dazumalen weit über hiesige Landen hinaus gehörige Wirkung erzielte.

Klar zuzuordnen sind die Kompositionsanlässe, die sich naturgemäß überwiegend aufs Kirchenjahr beziehen. "Der Tod ist verschlungen in den Sieg", sangen zum Beispiel die Gothaer, begleitet von ihrer Hofkapelle, zu Ostern in der Schlosskirche auf Friedenstein. Und zu Pfingsten hieß die Devise "Geht Menschen hin zu der Natur".

Sechs weitere Kantaten, vier davon im Original, tragen den Zusatz "Festo Serenissimo" und datieren jeweils auf den 25. April in Jahren zwischen 1755 und 1767. Da vermutet Enßlin für Titel wie "Danket dem Herrn" oder "Preiset mit mir" durchaus weltliche Termine, auch wenn die Vertonungen einen geistlichen Charakter tragen. - In der Tat kann Elisabeth Dobritzsch, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Stiftung Schloss Friedenstein, bestätigen, dass der Geburtstag Herzog Friedrichs III., Bendas Dienstherren, zwar auf den 14. April fiel, aber üblicherweise erst am 25. gefeiert wurde.

Die meisten weiteren Partituren aus dem Augustiner-Konvolut sind hingegen nur in - vermutlich teilweise bearbeiteten - Abschriften von Johann Gottfried Schade erhalten. Der arbeitete seinerzeit als Stadtkantor in Gotha und legte aus naheliegenden Berufsgründen eine Musikaliensammlung an, welche nun ein Fundament des Bestandes in der Klosterbibliothek bildet. Dort sind, wie Superintendent Lehmann erklärt, sowohl die Pfarrarchive der Stadt Gotha, unter anderem also auch der Schlosskirchen-Gemeinde, als auch des evangelisch-lutherischen Kirchenkreises vereinigt.

Neubewertungen stehen jetzt an

Zur musikalischen Qualität der wiederentdeckten Kantaten kann Wolfram Enßlin vorerst noch nicht allzu viel sagen. "Das war Gebrauchsmusik", weiß er aus den Gepflogenheiten der damaligen Zeit. Doch mit lässiger Hand hat der aus dem böhmischen Alt-Benatek stammende Jirí Antonín Benda gewiss nicht gearbeitet, "wenn ich sehe, wie er sich darum bemüht hat". Relativ einfache, für die Gemeinde singbare Chorstimmen, zumeist nur von Streicherstimmen für die Hofkapelle begleitet und gelegentlich noch um Holzbläser ergänzt: So kennzeichnet er den pragmatischen Gestus dieser Werke.

Allerdings will Enßlin das in seiner Zunft lange Zeit gängige Vorurteil, die Kirchenmusik habe sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts im Niedergang befunden, nicht mehr gelten lassen. Die Kantaten Bendas liefern dafür einen weiteren Beweis, selbst wenn detaillierte Stil-Analysen noch ausstehen. Enßlin will dazu nun auch Dissertationsprojekte an der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig anregen.

Namhaft ist Benda unter heutigen Fachleuten vor allem für seine Melodramen und Singspiele. Mit ernsten Bühnenwerken wie "Ariadne auf Naxos" und "Medea", aber auch leichterer Kost wie "Der Dorfmarkt" und "Romeo und Julie" schickte er sich an, das Musiktheater von Gotha aus zu reformieren und überhaupt erst so etwas wie eine "deutsche Oper" zu erfinden. Einiges davon wurde im Hoftheater auf Friedenstein uraufgeführt. Freilich kam ihm dort Anton Schweitzer in den 1770er Jahren in die Quere, so dass Benda um seine Demission bat.

Mag sein, dass jetzt sogar eine Neubewertung seines Schaffens ansteht. "Man kannte einfach zu wenig von ihm", sagt Enßlin. Auch um die Edition und Einspielung einiger der wiederentdeckten Kantaten will sich der Leipziger Forscher intensiv bemühen: "Für uns ist spannend, dass wir Benda selbst näherkommen."

Bach-Archiv Leipzig

Sächsische Akademie der Wissenschaften