Bienstädter Warte: Ein Stück Thüringer Techno-Geschichte

Ein Ort dürfte beim mittlerweile leicht in die Jahre gekommenen Feiervolk aus den 90ern - Stichwort Ü30 - unvergessen sein: die Bienstädter Warte. Jahrelang war das Gelände an der Fahner Höhe ein Mekka für die hiesige Partyszene. Einer der Veranstalter resümiert.

Nur das Haupthaus steht derzeit noch dort, wo einst Tausende von Menschen getanzt und gefeiert haben. In dem Plattenbau leben mittlerweile seltene Fledermäuse, zu DDR-Zeiten hatte die Stasi dort ihre zentrale Abhörstation. Wie die Zukunft aussieht: Ein Solarpark soll dort entstehen. Foto: Patrick Krug

Nur das Haupthaus steht derzeit noch dort, wo einst Tausende von Menschen getanzt und gefeiert haben. In dem Plattenbau leben mittlerweile seltene Fledermäuse, zu DDR-Zeiten hatte die Stasi dort ihre zentrale Abhörstation. Wie die Zukunft aussieht: Ein Solarpark soll dort entstehen. Foto: Patrick Krug

Foto: zgt

Wir schreiben die 90er Jahre des vergangenen Jahrtausends. Techno ist die wohl angesagteste Musikrichtung für junge Menschen, und in Berlin avanciert die Love-Parade zum weltweit beachteten Top-Ereignis, Schlaghosen und Achselshirts sind der letzte Schrei. Während die Öffentlichkeit in erster Linie das Treiben rund um die Siegessäule wahrnimmt, schlägt die Szene auch im beschaulichen Thüringen Wurzeln .

In Ohrdruf und Gierstädt, beispielsweise, wird regelmäßig „zum Tanz geladen“, wie es ältere Semester zu deren wilden Zeiten bezeichnet hätten. Weitere mehr oder weniger inoffizielle Sausen steigen in Bad Langensalza, Menteroda, Mühlhausen, Arnstadt oder einfach mitten im Wald und an Baggerseen. Ein Ort dürfte beim mittlerweile leicht in die Jahre gekommenen Feiervolk aus den 90ern – Stichwort Ü30 – unvergessen sein: die Bienstädter Warte.

Unweit von dort, im benachbarten Gierstädt, hat sich Ende der 90er ein Trüppchen von feierfreudigen Veranstaltern zusammengefunden. Doch wegen Brandschutzauflagen sind die kurzerhand zum Techno-Club umfunktionierten ehemaligen Kühlhallen am Ortsrand nur eine kurzweilige Station der Szene gewesen.

Zur Jahrtausendwende, als die Rave-Generation am Höhepunkt angelangt ist, beginnt auch in Thüringen ein neues Kapitel der Feierei: Das Gelände an der Bienstädter Warte wird zur Partylocation. Binnen kurzer Zeit erlangen die Techno-Events Berühmtheit weit über die Grenzen Thüringens hinaus. Da, wo einst die Stasi ihre zentrale Abhörstation unterhielt, kehrt Anfang der 2000er Jahre neues Leben ein, wird aus einem Ort der Repression ein Ort der Freiheit und Lebensfreude.

„Das war wie ... wie ein überregionaler Jugendclub, ein zentraler Treffpunkt für Menschen aus allen Ecken Thüringens und darüber hinaus; ein Ort zum Wohlfühlen, Ausgelassensein, Spaß haben, Freunde sein.“ Nicht einen Augenblick lang braucht es, um das Funkeln in Tobias Winklers Augen zu wecken, wenn er auf die Bienstädter Warte angesprochen wird. Gemeinsam mit Freunden aus Ohrdruf vom dortigen Atomic Club hat der Erfurter die Raves unterhalb der Fahner Höhe organisiert. Anfangs waren auch Leute aus Bad Langensalza mit dabei.

„Damals war es einfacher, solche Events aufzuziehen“, erinnert er sich. Es gab einen Mietvertrag mit der Telekom, die auf dem Gelände Kabel lagerte. Und ansonsten vor allem eines: Platz, mehr als 30 000 Quadratmeter. Rundherum Natur, keine Wohnhäuser, einen riesigen Parkplatz, leer stehende Gebäude, die ohne viel Aufwand genutzt werden konnten.

Internationale Top-DJs

Die Fixkosten, um die Großevents über die Bühne (oder besser: „über die Warte“) zu bringen, hielten sich in Grenzen. „Wir haben das meiste einfach selbst gemacht“, gibt Tobias Winkler, seines Zeichens Techno-DJ mit eigenem Label, zu verstehen. „Frei nach dem Motto: Wo ein Wille, da ein Weg.“

Vor den Veranstaltungen – etwa eine Handvoll jedes Jahr von 1999 bis 2006 – macht die örtliche Feuerwehr ihren obligatorischen Rundgang übers Gelände; was an Technik nicht ohnehin vorhanden ist, wird günstig gemietet oder über Beziehungen ausgeliehen; Tresen baut das etwa 12-köpfige Veranstalter-Trüppchen selbst; aufgeräumt wird ohne bestelltes Putzkommando: „Anfangs haben wir mit einfachen Besen dieses riesige Gelände gekehrt“, schmunzelt der 33-Jährige.

Im Bewusstsein dessen, welch großes Los die Veranstalter mit der Bienstädter Warte gezogen hatten, räumten sie auch den Müll ringsum an den Straßen selbst weg. Das Areal bewachen sie in den Tagen vor anstehenden Events ebenfalls selbst – „Wir haben dort manchmal schon ab Mittwoch übernachtet, um die Partys fürs Wochenende vorzubereiten“, sagt Tobias Winkler und lacht: „Das Gelände stand ja immer offen.“

Und wenn dann zur Techno-Tanzveranstaltung auf die Bienstädter Warte geladen wird, folgen bis zu 2300 Leute diesem Ruf. Dann ist das Woodstock-Feeling nicht mehr fern, der Parkplatz mit Strahlern ausgeleuchtet, Schornsteine funkeln im Nachtlicht, Häuserwände auf dem Gelände sind mit Projektoren zum Leben erweckt. Die Nacht in Bienstädt wird zum Tag und die Zeit nicht selten einfach ganz ausgeblendet. Bassgetränkt wabert die Nachtluft unterhalb der Fahner Höhe, Ausgelassenheit, das Genießen des Jetzt stehen im Mittelpunkt des Geschehens. „Die Stimmung war herzlich und freundlich“, schwärmt Tobias Winkler.

All das lockt ab etwa 2002 auch internationale DJ-Größen auf das ehemalige Stasigelände. Größen wie Green Velvet, Monika Kruse, Sven Väth, Dave Clarke und „Der dritte Raum“ stehen in Bienstädt an den Turntables. Die, die sonst vor Millionen zur Love-Parade auflegen, haben den Weg in das sieben Kilometer von Gotha entfernte Dörfchen gefunden, stehen an der Bienstädter Warte gemeinsam mit Musikern aus der Region auf dem Line-Up. Ein Stück Techno-Geschichte wird geschrieben, mitten in Thüringen.

„Ich werde es nie vergessen, was da abging“, schwingt Wehmut in Winklers Stimme. „Wir hatten nie daran gedacht, dass das irgendwann ein Ende haben könnte“, wird klar, wie sehr in dieser Szene das Hier und Jetzt das ist, was zählt. Doch dann kündigt die Telekom den Mietvertrag.

Neue Orte werden gesucht, ein altes Möbellager in Erfurt ist ab 2008 ein solcher. Doch nur für zwei größere Partys. Den Status der Bienstädter Warte erreicht das Möbellager nicht. Und nun? Wird aus der Bienstädter Warte ein Solarpark. Eine Firma aus Hamburg investiert.