Der barocke Tonschöpfer und Gelehrte Jean-Philippe Rameau

Heute vor genau 250 Jahren starb der französische Komponist und Musiktheoretiker Jean-Philippe Rameau. Lange für unspielbar gehalten, ist er heutzutage in den Repertoires der berühmtesten Barockensembles zu finden.

Jean-Philippe Rameau nach einem zeitgenössischen Gemälde von Joseph Aved Foto: TLZ-Archiv

Jean-Philippe Rameau nach einem zeitgenössischen Gemälde von Joseph Aved Foto: TLZ-Archiv

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Auf dem Höhepunkt des Hochbarock, im Jahr 1733, triumphiert in Paris der Komponist "Utremifasolasiututut" über den Komponisten "Utmiutsol". - "Der alte Cedeef ist ungekünstelt, natürlich, einfach, zuweilen zu einfach, das ist sein Fehler. Der junge Cisdisfisgisais ist eigenartig, glänzend, gekünstelt, gelehrt, zuweilen zu gelehrt, aber das ist vielleicht der Fehler seiner Zuhörer." So heißt es in einer Übertragung von Diderots Roman "Les Bijoux indiscrets" (1747), der die Verhältnisse - vor allem die erotischen - am Hofe Ludwigs XV. satirisch aufs Korn nimmt.

"Cedeef" ist Jean-Baptiste Lully, dessen Opern selbst fünfzig Jahre nach seinem Tod immer noch die Spielpläne in Paris beherrschen; hinter seinem "jungen" Konkurrenten verbirgt sich Jean-Philippe Rameau, der am 25. September 1683 in Dijon als siebtes Kind des Organisten Jean Rameau geboren wird. Er stirbt am 12. September 1764, vor genau 250 Jahren.

Über die ersten vierzig Jahre seines Lebens, bevor er sich 1722 endgültig in Paris niederlässt, ist wenig bekannt. Selbst seine Frau, die er mit 42 Jahren heiratet, habe nicht mehr über die frühen Jahre ihres Mannes gewusst, als in den Lexika steht, wird kolportiert. Sicher ist nur, dass er zunächst wie sein Vater als Organist wirkt, in den Städten Avignon, Clermont, Dijon und Lyon sowie an kleineren Kirchen in Paris.

Als Theoretiker machte er Furore

Bis auf den ersten seiner drei Bände mit Cembalostücken, der 1706 erscheint, komponiert Rameau während seiner ersten Lebenshälfte auch wenig Bedeutendes. Als er 1722 in Paris mit einem Schlag Berühmtheit erlangt, geschieht das nicht aufgrund seiner Musik sondern wegen einer musiktheoretischen Veröffentlichung: Seine "Abhandlung über die Harmonie, zurückgeführt auf ihre natürlichen Prinzipien" ist eine Sensation unter den Denkern der Aufklärung und revolutioniert die Musikwissenschaft. Der Dichter Marmontel schreibt in einer Ode: "Rameau erschien, und die Nacht verschwand ... Ein Newton der Klänge, ein Leitstern der Harmonie."

Jean-Philippe Rameau gilt während der ersten fünfzig Jahre seines Lebens nicht in erster Linie als Komponist sondern als Philosoph. Er führt nach dem Vorbild des großen Naturwissenschaftlers Isaac Newton empirische Experimente durch, um Tonaufbau, Klang und Harmonie zu erforschen. Von ihm stammt die noch heute geltende Definition der grundlegenden Harmoniebeziehungen (Dominante, Tonika und Subdominante).

Die Obertöne analysiert er nach ihren mathematischen Verhältnissen, woraus er den wichtigsten Begriff seiner Harmonielehre ableitet: den "corps sonore". Dieser "klingende Körper" ist nicht statisch, sondern in Bewegung, nur dadurch entsteht Musik. Harmonie hat für Rameau strikten Vorrang vor der Melodie - wodurch er sich radikal von den Italienern seiner Zeit unterscheidet; aus den Kontrasten, den Dissonanzen und den abrupten Wechseln der Tonarten und ihrer Charaktere entwickeln sich die Kompositionen.

Mit fortschreitendem Alter wird Rameau immer exzentrischer: In seinen letzten theoretischen Werken dreht er das Verhältnis zwischen Mathematik und Musik sogar um, indem er behauptet, die Natur/Gott habe dem Menschen das physikalische Phänomen des "corps sonore" gegeben, damit sich aus diesem alle weiteren Naturgesetze ableiten lassen. Erst war die Musik, dann die Mathematik! Dieser Starrsinn bringt ihm am Ende seines Lebens großen Spott der Philosophen ein. Seine zunächst gute Beziehung zu Diderot, Rousseau und d'Alembert endet in Streit und Zerrüttung.

Doch vorher, im Jahr 1733, geschieht etwas Außerordentliches: Im Alter von bereits 50 Jahren debütiert Rameau als Opernkomponist. Paris ist überrascht über das Coming-out des Theoretikers, der Erfolg ist überwältigend. "Hippolyte und Aricie" hat am 1. Oktober 1733 Premiere, es folgen die Ballettoper "Les Indes galantes" (1735), "Castor et Pollux" (1737) und bis zu Rameaus Tod mindestens 22 weitere Werke für das Musiktheater.

Den Sturm auf der Bühne hört man in der Musik

Der neue Stil spaltet Paris. Die Anhänger der "lyrischen Tragödie" im Geiste Lullys, die seit 50 Jahren als unveränderliches Symbol für die Größe Frankreichs unter Ludwig XIV. gilt, fühlen sich davon brüskiert. Sie wittern Eitelkeit des Theoretikers, werfen ihm seine Gelehrtheit vor und behaupten - nicht einmal zu Unrecht - , er würde sich von der klassischen Ästhetik der "belle et simple nature" entfernen.

Die Ramisten hingegen verteidigen die neue Ausdrucksvielfalt und die wilden "Tableaux" ihres Meisters. Im "Tableau", im "musikalischen Bild" - das keine große Chorszene sein muss, auch Arien oder sogar Ouvertüren können "Tableaux" sein - übernimmt die Musik die Erzählung. Es ist nun nicht mehr Sturm auf der Bühne, weil es eine handelnde Figur sagt, sondern weil der Zuhörer den Sturm in Rameaus Musik hören kann. Eine seiner berühmtesten Arien, "Tristes apprêts" aus der Oper "Castor und Pollux" gilt sogar als perfektes Tableau, weil die Musik allein schon die Traurigkeit der Figur zu erzählen vermag. Der Text wird zum Beiwerk.

Die mechanisch kalkulierte Kontrastdramaturgie Rameaus, die komplexe geistige Bezugsysteme errichtet, fordert auch heute noch Zuschauer wie Interpreten seiner Opern. Der Enzyklopädist Diderot war begeistert von diesen Kompositionen und schwärmte davon, dass Rameaus Werke ein "Genuss für den Geist", ein "plaire d'esprit" seien. Musik ist seit Rameau nicht mehr nur Gefühl und Affekt, sie ist auch Naturwissenschaft.

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