Gelage mit Kartoffelsalat: Samuel Bächli inszeniert „Pariser Leben“ in Erfurt

Erfurt  In Schweden ist es bekanntlich sehr kalt. Selbst im Mai. Ein eisiger Schneesturm heult über das Iglu, in dem Baron und Baronin sitzen. In angeödeter Zweisamkeit spielen sie Karten mit karger, schwedischer Kommunikation.

Zünftig: Das Handwerkerpaar Gabriele (Marisca Mulder) und Frick (Marwan Shamiyeh) stellen ihren Gästen deutsche Hausmannskost auf den Tisch. Foto: Lutz Edelhoff

Zünftig: Das Handwerkerpaar Gabriele (Marisca Mulder) und Frick (Marwan Shamiyeh) stellen ihren Gästen deutsche Hausmannskost auf den Tisch. Foto: Lutz Edelhoff

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Als das Sparschwein platzt, beschließen sie: Wir fahren nach Paris. Vielleicht findet man dort mehr Spaß und Zerstreuung.

Das ist die Ausgangssituation von Jacques Offenbachs „Pariser Leben“, das den Touristen, die im 19. Jahrhundert in die Vergnügungs-Metropole strömten, auf den Leib geschrieben ist. Die Stadt wuchs rasant. Zu den Weltausstellungen strömten die Massen von allen Kontinenten. Aber auch Arbeitssuchende: Offenbach selbst verließ das provinzielle Köln, um in Paris sein Glück als Cello-Virtuose zu versuchen.

Für die Operette, die am Donnerstag im ausverkauften Studio des Theater Erfurt Premiere feierte, saß Samuel Bächli, 1. Konzertmeister, zum ersten Mal auf dem Regiestuhl. Recht traditionell, aber mit einigen lustigen Einfällen, belässt er die Geschichte am originalen Schauplatz: Paris im Jahr 1867. Außerdem bearbeitete er frei das frivole Stück, das auch für geübte Operettenhörer seine Längen hat. Das Orchester spielt in arrangierter, solistischer Besetzung – der Raumgröße absolut angemessen. Und die 18 Solopartien im Original sind auf sieben Sänger reduziert, die Handlung dementsprechend verändert: Die zentrale Rolle des Gardefeu fehlt; der Pariser Lebemann Bobinet (charmant gespielt von Kammersänger Jörg Rathmann) ist der Ehemann der berüchtigt sprunghaften Metella (voluminöser Alt: Katja Bildt). Er wird zum alleinigen Intrigenzieher. Denn als Baron (Máté-Sólyom Nagy) und Baronin (Susanne Rath) aus Schweden in Paris eintreffen, werden sie nicht planmäßig von „François“ (Gregor Loebel), dem Fremdenführer des Grand Hotel empfangen. Der Clochard tauscht mit dem eleganten Bobinet Rollen, da jener in der schwedischen Baronin eine frische Beute wittert. Auf der Bühne (Jeannine Cleemen) ist eine schlichte Bahnhofshalle zu sehen, aber auch der Blick auf den Eiffelturm darf nicht fehlen.

Doch so richtig Fahrt nimmt das Stück zu Beginn noch nicht auf. Eher überträgt sich die fade schwedische Stimmung auf das Publikum. Das liegt zum Teil an der Choreographie (Sandra Lommerzheim), die anfangs etwas überambitioniert scheint, sich im Laufe des Stücks dann einpendelt. Aber auch an den Umbaulängen. Susanne Rath als Baronin kann zwar stimmlich überzeugen, aber wirkte auf der Bühne noch nicht ganz gelöst. Und das ist eben das Schwierige an Operette: das Singen, Tanzen und Sprechen überschwänglich, spritzig und zugleich exakt zu beherrschen. Die bürgerliche Kostümpracht, in der die 24 Jungen und Mädchen des Philharmonischen Kinder- und Jugendchores der Musikschule auftreten, ist dafür ein absoluter Hingucker (Kostüm: Frauke Langer) und tröstet über den lauen Anfang hinweg.

Das deutsche Handwerkerpaar Gabriele (herausragende Soubrette: Marisca Mulder) und Frick (Marwan Shamiyeh), zwischen denen mehr geprügelt als geliebt wird, müssen nun das kleine Quartier von Bobinet herrichten, damit die edlen Schweden sich hier wie im Grand Hotel fühlen. Ein bisschen Blumenstoff, ein Seerosenbild, mottige Möbel und ein alter Kinderwagen solle dafür herhalten. Aber die Gäste fordern auch noch ein prächtiges Abendessen unter ihresgleichen. Bobinet kommt ins Rudern und nun beginnt eine fantastische Verkleidungsparade, bei der sich die kleine Bühne bis zum Überlaufen füllt. Da Gabriele und Frick nur deutsche Freunde haben, kommt es zum Kartoffelsalat-Gelage. Dabei kann Bobinet nun endlich bei der schwedischen Baronin anbändeln. Gabriele gibt eine amüsante Kostprobe ihrer Jodelkünste, man tanzt Polonaise zum Cancan und der Wein fließt in Strömen. Natürlich alles sehr französisch, denkt der alte Schwede. Er schaut zu tief ins Glas und reihert in den Orchestergraben, direkt in eine Wagnertuba. Einen amüsanten Auftritt hat auch der als Major de la Garde de Porto Rico verkleidete Handwerker Frick, der sein blaues Auge unter einem Monokel zu verstecken versucht.

Der gespielte Alkoholkonsum scheint tatsächlich eine Auswirkung auf das Ensemble zu haben. Denn nun kommt Spielfreude auf, und die Inszenierung überschlägt sich fast in klamaukigen Späßen: Ein verkaterter Baron, eine aufgeplusterte Baronin, die nicht durch die Türen passt, ein Baby, das immer wieder zu schreien anfängt und brutal zum Schweigen gebracht wird. Dabei beeindruckten die Sänger durchweg mit ihrer textverständlichen Artikulation. Auch das Philharmonische Orchester Erfurt kam mit der heiklen solistischen Besetzung größtenteils zurecht. Doch wählte Dirigent Peter Leipold auch stets moderate Tempi. Ein bisschen mehr Extreme zu wagen und die genialen Wortwitze des veränderten Textes genüsslich auszukosten, hätte der Musik sicher nicht geschadet.

Als Baron und Baronin feststellen, dass sie an der Nase herumgeführt worden sind, ist die Aufregung groß. Offenbach ließ dennoch die Operette in lautem Paris-Jubel enden. Aber was passiert, wenn der Schwede Bächli das „Pariser Leben“ arrangiert? Es geht zurück ins schöne, kalte Stockholm!

nächste Vorstellungen 30. 4., 9.5., 14.5., 24.5., 29.5.

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