Liszts Notenblätter fliegen durch den Park

Junge Designer entfachen einen "musikalischen Sturm aus Weimar" - Die Installation zwischen Bäumen soll Besucher ins Liszt-Haus locken.

Partituren in der Luft: So sollen die gekrümmten, bedruckten Kunststoffplatten wirken. Susanne Reuter befestigt sie an Seilen, die  zwischen den Baumkronen gespannt sind. Foto: Peter Michaelis

Partituren in der Luft: So sollen die gekrümmten, bedruckten Kunststoffplatten wirken. Susanne Reuter befestigt sie an Seilen, die zwischen den Baumkronen gespannt sind. Foto: Peter Michaelis

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Einen echten Hingucker hatten sie sich gewünscht, Klassik Stiftung Weimar und Hochschule für Musik "Franz Liszt", Bauhaus-Universität und Deutsche Liszt-Gesellschaft. Einen Hingucker, der neugierig macht auf das restaurierte, einstige Wohnhaus des Komponisten in Weimar und auf die Landesausstellung, ab 24. Juni der Höhepunkt des Liszt-Jahres. Etwas das auffällt also, das war so ziemlich die einzige Vorgabe an die Designer. Und deswegen hängt Susanne Reuter jetzt in einer Baumkrone vier Meter über dem Liszt-Haus.

Zu verdanken hat sie das sechs kreativen Köpfen aus Weimar und Gelmeroda, die im Bauhaus.TransferzentrumDESIGN unter der Koordination von Maxie Götze das Konzept für die unübersehbare Liszt-Installation entwickelt haben. Sie lässt einen "musikalischen Sturm" durch Weimar fegen, bei dem Liszts Musik in Erstaunen versetzt und seine Notenblätter durch den Park wirbeln.

Die "Blätter" sind 35 überdimensional große Kunststoffplatten mit den aufgedruckten handschriftlichen Kompositionen Liszts und so geformt, dass man wirklich meint, ein Windstoß hätte einen Stapel Papier gepackt. Ab Montag werden sie - in den Formaten zwischen A2 und zwei Meter mal 1,50 Meter - ein halbes Jahr lang an Seilen zwischen den Bäumen vor dem Liszt-Haus hängen.

Susanne Reuter ist dafür in ihrem roten Overall und mit Kletterseil und Karabiner ausgestattet in die Astgabeln geklettert und hat die Seile gespannt. Ein Ring aus Holzscheiten schützt dabei die Rinde, so dass der historische Baumbestand nicht zu Schaden kommt. Eine A2-große und etwa zwei Kilogramm schwere Platte kann sie sich gerade so unter den Arm klemmen, sie gleitet am Karabiner zur Mitte des Seils und befestigt dort das Notenblatt. Auch wenn die professionelle Baumkletterin mit ihrer Firma "ArboLupo" unter anderem den Kletterwald in Hohenfelden betreut und mit ihrem Team in ganz Deutschland für Baumpflege oder Notfällungen im Einsatz ist, ist eine Kletteraktion mit Design-Hintergrund auch für sie eher ungewöhnlich.

Liszt "stört" das Radioprogramm

Der Reiz dieser Installation - die eine nahezu perfekte Illusion zaubert - liegt aber nicht allein darin, wie die gekrümmten und unterschiedlich großen Kunststoffplatten platziert sind. Deutlich zu erkennen ist auch Liszts Handschrift, die dünnen Viertel und Achtel auf den Notenlinien samt Korrekturen. Mit energischen roten und blauen Buntstiftstrichen ist da die Tinte übermalt, hat Produktdesignerin Felicitas Grunenberg beobachtet. Manche Partien sind überkritzelt, andere scheinen durch eine Flut an Bleistiftnotizen an den Rand gedrängt.

Liszts Temperament, seine Virtuosität und sein impulsives Wesen, sie werden hier sichtbar. "Die Handschrift bringt ihn uns näher", vor allem denjenigen, die nicht zu Liszt forschen und darum keine Einsicht in die Archive bekommen können, sagt sie. Felicitas Grunenberg ist mit Liszt inzwischen gut vertraut, seit sie vor einigen Jahren die Ausstellung im Liszt-Haus mit erarbeitet hat. Für die Installation im Park hat sie nun an den Entwürfen gefeilt, unter den bereits digitalisierten Handschriften Liszts im Goethe- und Schiller-Archiv eine Auswahl für die Installation getroffen und die "Notenblätter" in die richtige Form gebracht: In einer Kunststoffverformungsfirma bei Dresden, die dem Transferzentrum zur Seite stand, wurden die Platten erwärmt, über Rollen gezogen und mit Sandsäcken beschwert, so dass sie mit ihren Krümmungen und Bögen täuschend echt wie Blätter im Wind wirken.

Doch der "musikalische Sturm aus Weimar" braust noch auf einer anderen, einer unsichtbaren Ebene. Diese ist umso musikalischer, denn es wird für Autofahrer, die ihr Radio eingeschaltet haben, Liszt gegeben. Über eine "Störfrequenz" wird das Programm einiger Sender kurzzeitig von einem Klavierstück unterbrochen. Auf etwa 300 Metern, etwa zwischen Liszt-Haus und der Kreuzung Belvederer Allee /Berkaer Straße, werden "Fantasie und Fuge" oder "Variation über das Thema B.A.C.H" zu hören sein, übertragen per Funk, erklärt Tim Helbig. Er studiert an der Bauhaus-Universität Mediengestaltung und hat speziell den musikalischen Teil des Projekts mit entwickelt.

Eingespielt hat die beiden Stücke der Weimarer Klavierprofessor Thomas Steinhöfel, und er wird sie am Montag auch im Konzert aufführen. "Es geht uns um den Überraschungsmoment und eine bewusste Irritation", so wie auch Liszt in Weimar irritiert hat, erklärt Koordinatorin Maxie Götze. Sie hat daher nicht nur die etablierten Kultursender angefragt, sondern auch kommerzielle Anbieter, die Popmusik oder Schlager spielen. Der Weimarer Lokalsender "Radio Lotte" hat bereits Interesse angemeldet, Autofahrer dürfen also gespannt sein, was ihnen bis Ende Oktober so zu Ohren kommt.

"Man könnte sagen, wir bringen die fliegenden Blätter im Park zum Klingen", resümiert Tim Helbig das Zusammenspiel der sicht- und der hörbaren Ebene der Installation. Wer am Park vorbei fährt, der könnte sogar glauben, er hört Liszt beim Üben zu. Gerade hat er mit der Tintenfeder eine neue Partitur geschrieben und sie zum Trocknen in der Frühlingsluft ans offene Fenster gelegt. Da erfasst ein Windstoß den Stapel und lässt seine Musik durch den Park tanzen ...

Zur Sache

Das Liszt-Haus am Rande des Weimarer Ilmparks wird nach knapp zehnmonatiger Bauphase wieder eröffnet. Die Fassade ist neu verputzt, die Natursteinelemente repariert und die Farbigkeit der Wohnräume sind nun der Liszt-Zeit angepasst. Am Montag weihen ein Festakt im Schloss und ein anschließender Spaziergang durch den Park sozusagen das Haus neu ein, in dem der Komponist während seines zweiten Weimar-Aufenthalts zwischen 1869 und 1886 ausschließlich die Sommermonate verbrachte. Auch wird am Montag Gerd Zimmermann, Rektor der Bauhaus-Universität, die Installation "Ein musikalischer Sturm aus Weimar" eröffnen, die vom Bauhaus.TransferzentrumDESIGN entwickelt wurde.