Oper Dresden: Surreale Erinnerungen und knarrende Planken

Richard Wagners "Fliegender Holländer" wird in Dresden neu inszeniert.

Ausbruch aus der trügerischen Idylle:Marjorie Owens (Senta, v. l.) und die Komparserie. Foto: dpa

Ausbruch aus der trügerischen Idylle:Marjorie Owens (Senta, v. l.) und die Komparserie. Foto: dpa

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Dresden. Diesmal verschonte das Elbe-Hochwasser die Semperoper. In diesem Haus am Fluss fiel in den schlimmen Tage der steigenden Pegelstände nicht nur Nichts aus, man bereitete auch den fürs Wagnerjahr anstehenden Landgang des "Fliegenden Holländers" pünktlich zur Premiere am Wochenende vor. Der Holländer ist ja eine von den vielen ureigenen Dresdner Opernsahneschnitten. 1843 hier uraufgeführt, also quasi hauseigen. Gegeben wird die von Wagner selbst weiterentwickelte Version aus den 60er Jahren, samt Erlösungsschluss.

Szenisch ist beim rauf- und runterinterpretierten ersten Hauptwerk Wagners der Spielraum für Originalität mittlerweile recht begrenzt. Nähert man sich von der Seefahrer-Metaphorik, öffnet sich der Blick auf die Welt - von Kolonialismus bis Globalisierung. Doch es bleibt eben vor allem die Geschichte von zwei Außenseitern, die aufeinander zu streben. Und aus ihrer Welt weg wollen. Also eine extravagante, wie oft bei Wagner tödlich endende, als Erlösung überhöhte Liebesgeschichte.

Regisseurin Florentine Klepper greift jenen Ansatz auf, mit dem Harry Kupfer einst in Bayreuth einen Sensationstreffer landete. Sie erzählt die Geschichte zwar nicht als Sentas Traum, aber doch aus ihrer Perspektive als Erinnerung. Dazu muss sie natürlich überleben. So kehrt sie zur Beerdigung ihres Vaters in ihre Heimat an die Küste zurück. Zu einem effektvollen Meeresrauschen zwischen Ouvertüre und Beginn der eigentlichen Handlung. An diesem Ort, den sie am Ende - mit sich im Reinen und erhobenen Hauptes - wieder verlässt, zieht ihre Kindheit, oft wie ein Alptraum, an ihr vorüber.

Flucht aus der Männer-Dominanz

Folgerichtig ist der Holländer für Senta vor allem eine Projektion, die ihr hilft, um dem Zwang der Rollenmuster zu entkommen. Aus einer dominanten Männergesellschaft. Mit einem Vater, der sie quasi verkauft. Mit einer Spinnstube, in der kein Garn gesponnen, sondern von genormten Frauen (im spießigen Look der Sechziger Jahre von Anna Sofie Tuma) am laufenden Band Nachwuchs entbunden wird. Kleppers Ansatz wird von der ruhigen und ausgesprochen opulent sinnlichen Bühne-Ästhetik von Martina Segna getragen. Samt atmosphärisch dräuender Wolkenvideos. Es ist diese suggestive Melange aus Naturromantik und surrealen Erinnerungs-Versatzstücken, die den Blick in Sentas Innen-Welt, ihre Sehnsüchte und Traumata erlaubt.

Constantin Trinks lässt bei seiner Fahrt auf die hohe Wagnersee die Segel flattern und die Planken knarren. Was bei der Sächsischen Staatskapelle ziemlich authentisch und packend nach einem Wagner klingt, wie er sein soll. Transparent, spannend, aufgeraut, dann auch mal geradezu beschwingt und mit Witz. Da für Trinks weder das Haus noch die Wunderharfe neu sind findet er auch die Balance zur Bühne. Er beflügelt die drei Stimmen an der Spitze des Hausensembles dabei ebenso, wie er die wenigen Schwachstellen ausgleicht.

Bei Markus Marquardts Holländer verbindet sich Prachtentfaltung mit klarer Diktion und vokaler Gestaltung. Damit gleicht er sogar die übertriebene Statik der schwächelnden Personenführung aus. Wie nicht anders zu erwarten, ist Georg Zeppenfeld ein erstklassiger Daland. Ohne Fehl und Tadel die aufblühende Senta von Marjorie Owens. Tichina Vaughns Frau Mary ist solide, bleibt aber unter ihren Möglichkeiten. Will Hartmann ist als Einspringer ausgewiesen, hat Leidenscharisma, bleibt aber einem überzeugenden Erik einiges schuldig. Als Steuermann wirkt Simeon Esper überfordert. Dafür ist der Chor exzellent. Am Ende gab es einige Buhs für die Regie und Beifall für die Interpreten. Bei Trinks und der Sächsischen Staatskapelle hätte er ruhig noch etwas heftiger sein dürfen.