Peter Kowalds Bass prägt gleich vier CDs

"Peter Kowald (1944-2002) war der dynamischste und interaktivste Bassist des europäischen Free Jazz. Er spielte free mit großer Humanität und Wärme", heißt es in Joachim-Ernst Berendts Standardjazzbuch.

cd cover kowald

cd cover kowald

Foto: zgt

Großes Lob, doch Peter Kowald war viel mehr: bildender Künstler, Integrationsfigur und Muster an Integrität, Sprachgenie, Performer, Festivalermöglicher, Konzeptdenker und Weltenvernetzer - weit über West- und Ostdeutschland hinaus. In einer großartig gestalteten Box inklusive vier CDs mit bisher teilweise unveröffentlichten Aufnahmen, einer kompletten, von Klaus Kürvers erarbeiteten und 165 Seiten starken Diskografie sowie Essays und Erinnerungen von Weggefährten wird des Mannes gedacht, dessen Leistung für die Emanzipation des europäischen Jazz man gar nicht hoch genug einschätzen kann.

Kowald besaß eine charismatische Präsenz, einerlei ob in Solokonzerten, als Mitglied von Bands um Peter Brötzmann und Alexander von Schlippenbach, als Kompagnon von Pina Bausch und in der Entwicklung von Spieltechniken auf dem Kontrabass, die ihn vom Korsett der Konventionen befreiten, ohne dass er die Traditionen seiner Musik je verleugnet hätte. Er verstand sich als Mitgestalter einer freien und befreiten Bewegung, eines Global Villages, in das er immer neue Ideen einspeiste. Seit seinem frühen Tod am 21. September 2002 ist seine Stelle vakant ...

Bescheiden gab er im Gespräch mit Bert Noglik zu Protokoll: "Wir hatten es in gewisser Weise leicht, weil wir in einer aufregenden und zur Produktivität anregenden Zeit zwanzig, fünfundzwanzig Jahre alt waren." Nichts lag ihm ferner als gut gemeinte Weltmusik, die sich in einer letztlich belanglosen Mitte trifft. Vielmehr förderte er die Beibehaltung kultureller Identitäten im künstlerischen Dialog als Voraussetzung seines Gelingens. So entwickelte er seine Art eines Musik-Esperantos ohne falsche Kompromisse. Deswegen ist zum Beispiel die Musik des Trios Chicago-Wuppertal-Dresden mit Wadada Leo Smith und Günter "Baby" Sommer auch Jahrzehnte nach ihrem Entstehen von ungebrochener Faszination.

Ein ins Booklet aufgenommener Email-Wechsel zwischen Sommer und Kowald ist ein ebenso betroffen machendes wie heiteres Dokument: "ich sitze im sommerlichen harlem, jede menge kinder ... familien stellen ihre tische auf den bürger­steig ... wie ein riesiges dorf ... für meine nächste phase hier im september sind schon allerhand konzerte da ... fast schon zu viele ... ich kenn schon einige und flirte mit der barfrau, ja, das leben in harlem! Du hast das mit deiner professur gefunden ... Ich hätte auch gern meine erfahrungen und so weiter an die jüngeren weitergeleitet ... aber es hat sich bei mir einfach nicht ergeben ... Jetzt heißt es weiterspielen ..." Ein Jahr später ist Peter Kowald in New York gestorben.

Peter Kowald: Discography. 4 CDs und 208-seitiges Booklet. jazzwerkstatt, ca. 38 Euro