Petersberger Gespräche: Kirchen - Orte des Außerordentlichen

Christoph Stölzl
| Lesedauer: 21 Minuten
Professor Christoph Stölzl, Präsident der Weimarer Musikhochschule "Franz Liszt", sprach in der Erfurter Klosterkirche St. Peter und Paul auf dem Petersberg über "Heilige Räume". Foto: Karina Hessland

Professor Christoph Stölzl, Präsident der Weimarer Musikhochschule "Franz Liszt", sprach in der Erfurter Klosterkirche St. Peter und Paul auf dem Petersberg über "Heilige Räume". Foto: Karina Hessland

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Als anspruchsvolle Vortragsreihe mit Themen aus dem Schnittfeld von Religion, Kunst und Philosophie präsentieren sich die "Petersberger Gespräche" 2012 in der vormaligen Klosterkirche St. Peter und Paul zu Erfurt. Zum Auftakt sprach am 29. April Professor Stölzl, Präsident der Weimarer Musikhochschule "Franz Liszt".

Ich will gleich zu Beginn eingestehen, dass ich als Wissenschaftler schlechthin unzuständig bin für das, was heute verhandelt wird. An Kompetenz bringe ich nur mit, dass ich mein Leben lang ein Benutzer von Kirchenräumen gewesen bin, so wie die meisten Menschen unserer Zonen: Heute vornehmlich als Bildungsbürger, früher als Kind, das jeden Sonntag zur Kirche ging, das mit Herzklopfen konfirmiert wurde, später als Zweifelnder, Angezogener und bisweilen, es sei gestanden, auch Abgestoßener von kirchlichem Tun. Ein zwiespältiges Grundgefühl der Religion gegenüber habe ich lange als ein Manko erlebt, fühle mich aber nach einem Zufallsfund in den Briefen Goethes getröstet.

Das Unbehagen stammt aus meiner Kirchenkindheit in der Himmelfahrtskirche zu München-Pasing. Goethe hat, obwohl er einmal Pate eines der Kinder Friedrich Schillers wurde, die Teilnahme an der Taufe verweigert mit der Begründung, religiöse Riten verursachten ihm schlechte Laune. Diese schlechte Laune rührte bei mir, dem Kind, weniger vom Ritus her als von der ästhetischen Dramaturgie des Kirchenraumes, in dem meine konfessionelle Sozialisation stattfand. Die Himmelfahrtskirche im Münchner Westen war in den Augen des Kindes der 1950er Jahre hässlich, sehr hässlich. Ein auch heute noch schwer genießbares Gebräu: 1908 gebaut, Neobarock mit Sezessions- und Jugendstilelementen, grüngrau, grünlila und grünblau der Rauhputz. Ein Bild blickte uns an, merkwürdigerweise eines des in Gethsemane betenden Jesus und nicht eines der fröhlichen Himmelfahrt, in düsteren Brauntönen in einem Barockaltar. Da konnte man schlechthin nur dann das Herz erheben, wenn einmal durch diese Fenster da oben das Licht hindurchbrach und die Orgel schon zum Schluss hinaustönte.

Die Gotteslehre lernte ich in einem Buch, das "Der kleine Schwindel" genannt wurde, weil der Verfasser ein Pfarrer Schwindel war und deswegen in der altbayrischen Diaspora "Der kleine Schwindel" eben synonym war mit dem, was Kinder mitnehmen müssen als Kernstücke, neben dem kleinen Katechismus. Das Wort Gottes, und damit bin ich schon bei der Kulturprägung dessen, wie wir Religion erfahren, klingt in mir bis heute im singenden Ton der fränkischer Sprache, denn in Altbayern wurde das Wort Gottes vornehmlich, wegen der Herkunft der Pfarrer aus den lutherischen Kerngebieten, mit fränkischem Akzent verkündet.

Ein Blick durchs Kirchenportal in das Leben

Das Historische, das Gehäuse, sei es Sprache, sei es grüngrauer Putz, prägt unser Verhältnis zur Religion. Unsere Religion, ursprünglich eine des Wortes, durch Buchstaben, durch Schriften, durch Formeln, vermittelt, ist längst schon eine sinnlich-historische geworden. Und dieses Sinnliche, Bildliche, Räumliche findet sich in unserem Gedächtnis konzentriert in dem Wort "Kirche", das ja einen charakteristischen Doppelsinn hat. Wir sind unfähig, Glanz und Elend dieser Religion hinwegzudenken aus diesen Gehäusen, die wir ererbt haben.

Ich habe bei der Vorbereitung auf diesen Tag noch einmal meine Kunstkataloge durchgeschaut und bin auf ein Bild aus der Berliner Nationalgalerie gestoßen. Es kann als Schlüssel dienen vielleicht nicht nur für meine Erfahrung mit Kirche und Religion. Es ist Rogier van der Weydens "Johannesaltar" von 1455. Ein Tryptichon, in dem die drei Szenen nicht nur vom Bilderrahmen umschlossen sind, sondern als Teil der Tafelbilder auch einen zweiten, gemalten Rahmen haben, Architekturportale, hochgotische Steinmetzarbeit, welche die Szenen zum Guckkasten machen. Darin sehen wir die Geburt Johannes, dann die Taufe Jesu, eine Flusslandschaft, ein Schlafzimmer, dann einen Blick in die Landschaft und am Schluss den Palast, wo Johannes enthauptet wird. Solcher Blick in das Leben durch den Rahmen eines Kirchenportals ist eine Erfahrung, die ältere Generationen der deutschen "Volkskirchen" noch für normal halten konnten. Ob dies auch ein Zukunftsbild sein könnte, außerhalb der felsenfest kirchentreuen Minderheiten?

Europa ist eine Landschaft der Kirchen

Lassen Sie uns gemeinsam in Gedanken einen Ballon besteigen und über die Landschaft Europas hinwegschweben. Dann werden - wie Finger, die sich gen Himmel strecken, wie Ausrufezeichen, die den Landschaftstext strukturieren - die Kirchtürme als konstitutives Element unserer Welt sichtbar. Das ist uns so vertraut, dass wir es oft erst ex negativo beim Reisen in die außereuropäische Welt spüren. Meistens denken wir nicht darüber nach, wie einzigartig, wie völlig überdimensioniert im Verhältnis zu den sonstigen Bauformen, zu den statisch physikalischen, finanziellen Möglichkeiten der zurückliegenden Epochen diese Bauten sind.

Europa ist eine Landschaft der Kirchen. Die Zusammenballung aller Anstrengungen, der künstlerischen, der materiellen, der sozialen, der technologischen auf ein einziges Ziel hin, diese Kirchenbauten zu errichten, bleibt ein Wunder, auch wenn Historiker alle Zusammenhänge erklären können. Das Genie der Selbsterfindung Europas ist nirgendwo deutlicher verdichtet als in den gotischen Kathedralen, die entstanden sind in einer Zeit, als die große Masse aller Bauten noch aus Holz und Stroh bestand.

Wer zurückblickt in die europäische Geschichte, könnte aus Kirchen eine historische Karte der Knotenpunkte der großen historischen Strömungen machen. Nur im Petersdom konnte sich Karl der Große die Krone des Heiligen Römischen Reiches aufsetzen. Nur weil er in der Bischofskirche, in einem heiligen Raum also, geschieht, dem Dom von Canterbury, wird der Mord an Thomas Beckett zur unsterblichen Geschichte. Nur an der Kirchentür zu Wittenberg wird Martin Luthers innerkirchliche Intervention zum Fanal einer intellektuellen Revolution. Die Magie des kirchlichen Ortes gilt aber auch für die negativen Symbol-Ereignisse: Nur in einer Kirche, der Garnisonskirche in Potsdam, ist das Versagen der alten deutschen Eliten vor dem Phänomen Nationalsozialismus im Frühjahr 1933 derart zum Bild geworden.

Gute und böse Erinnerungen, bedeutend sind sie allemal und unverzichtbar für unsere Vorstellung von uns selbst. Wir sind, was wir geworden sind, und wir sind es nicht zuletzt in Kirchen geworden, von der Taufe, dem "Entreebillet in die europäische Kultur" (Heinrich Heine) bis zum Bau der Städte "ad sanctos", d. h. neben den kirchlichen Begräbnisstätten der Leitfiguren unserer religiösen Geschichte. Wer das nicht weiß, dass das alte "europäische Haus" vor allem ein Kirchenhaus war, der ist, ob er es weiß oder nicht, nicht bei sich selbst. Die Kenntnis des bunten Teppichs der christlichen Ikonografie Europas muss in meinen Augen wieder zur selbstverständlichen Grundausrüstung der Europäer werden. Und zwar nicht aus antiquarischen, bildungsbürgerlichen Gründen, sonder weil der gemeinsame Schatz an verschütteten Familienerinnerungen vielleicht mindestens so wichtig für das Gelingen der europäischen Einigung ist wie alle ökonomischen Bindungen. Gesellschaften sind immer dann, wenn sie gelingen, auch "gesellig". Und darum ist es so wichtig, dass der kulturelle Reim-Mechanismus funktioniert. Auf "Vorname Martin" reimt sich "Sankt Martin", reimt sich "der mit dem Mantel und dem Schwert", reimt sich "war ein guter Mann", reimt sich "Martinsgans". Wer mehr wissen will, gerät sofort in eine Saga der europäischen Wechselseitigkeiten: Karolingerreich, deutsch-französische Beziehung etc etc. Kirchenräume sind die Schatzhäuser dieser "longue duree", wie es die Sozialhistoriker nennen. Kirchenräume sind die europäischen Knotenpunkte par excellence, weil sie ihre endgültige Bedeutungsfasson lang vor der Nationalisierung der europäischen Gesellschaft erhalten haben und insofern auch Vorboten der Zukunft sind. Sie haben eine zentrale Bedeutung für das kulturelle Gelingen der Zukunft - auch wenn ihre Hüter dies selbst vielleicht gar nicht so genau wissen, in all der Sorge um Dächer, die man nicht reparieren kann, um abrutschende Stützmauern, um Restaurierungsleistungen, die auf Grund schwindender Kirchensteueraufkommen nicht mehr möglich sind.

Die Kirchen als Ausgangspunkt unseres Bildgedächtnisses: Rein statistisch übertrifft die Anzahl der Kunstwerke, die seit dem Beginn der christlichen Zivilisation für Kirchenräume geschaffen worden sind, alle anderen Genres. Ich bin deshalb nicht einverstanden mit unserem Bildungssystem, das die christliche Ikonographie und ihren Ort, die Kirchen, auf weite Strecken exotisiert hat, so dass es Sache elitärer Experten geworden ist, sich da noch auszukennen, der Kunsthistoriker und der Denkmalpfleger, die von Amts wegen damit beschäftigt sind. Kirchen als Erinnerungsräume: Hier kann man unsere Gesellschaft nur dringend an einen Satz von Thomas Mann erinnern: "Erben, das ist auch ein Talent."

(...) Ich habe immer mit dem gehadert, was strenge Kirchenmenschen über die laxen Christen zu sagen belieben: "Immer an Weihnachten, immer an Ostern, da fällt Euch unsere Kirche ein, Ihr Randständigen! Wenn die Matthäuspassion ertönt oder das Weihnachtsoratorium, wenn Kultur bei uns stattfindet, dann seid ihr da, sonst aber nicht!" Ich halte das für ein Missverständnis, weil das "Heilige" in einem langen Verwandlungsprozess ja auch in die großen Schöpfungen der religiös inspirierten Kultur, z. B. die Matthäuspassion oder das Weihnachtsoratorium eingegangen sind - die beide ihre überwältigende Gefühlsmacht nicht zuletzt aus den Choral-Zitaten wohlbekannten emeindegesangs ziehen. Der Ereignisraum Kirche ist für mich die "erste Adresse" für die spezifisch christlich geprägten Kulturformen, vor allem der geistlichen Musik also.

Es gibt ein Buch von einem französischen Dominikaner über Mozart, das den schönen Titel trägt "Dieu est la Musique". Darüber kann man streiten, ob das einfach so gleichgesetzt werden kann. Aber es gibt uns einen Hinweis auf, wie wir es mit dem Vorschlag halten sollen, welcher mit dem Hinweis auf die in der Kirchengeschichte wohlbekannte Praxis dafür plädiert, den Kirchenraum auch für alle Phänomene der Populärkultur zu öffnen.

Wie sieht es aus mit dem "neuen geistlichen Lied"?

Wie sieht es aus mit dem "neuen geistlichen Lied"? Wie sieht es aus mit der Teenagerparty in der Kirche? Soll sie im Gemeindesaal neben der Kirche nur stattfinden dürfen, oder fordert das Programm von "Kirche mitten im Leben", dass alles auch vor dem Altar stattfinden darf? Meine Antwort zielt nicht auf einen Katalog erlaubter bzw. unerlaubter ästhetischer Formen. Sondern auf eine "Unterscheidung der Geister" nach dem Rang. Sehnsucht nach Begegnung mit Exzellenz, mit dem Herausragenden, dem Erschütternden, Ringen um "das Höchste" - das alles ist die Geschichte unserer Religion. Religion ist das Gegenteil von Banalität. Wenn ich das sage, liegt mir jeder kulturelle Hochmut fern. Ich will nur daran erinnern, dass unsere jüdisch-christliche Religion immer in Rangfolgen gedacht hat, immer das Himmlische als das Aller-Höchste, als das Schwierigste gekannt hat, um das die größten Anstrengungen unternommen werden. Das Axiom von der Ebenbildlichkeit Gottes grenzt ein und aus nicht nur im Ethischen, sondern auch im Ästhetischen. Der Kirchenraum muss sich hüten vor Banalisierung. Er darf das Schwierigste, Unzugänglichste der Künste in sich bergen wie auch das überwältigend Verständliche, wenn es denn auch in formaler Hinsicht überwältigend ist. Das Heilige in sichtbare, hörbare und spürbare Phänomene zu übersetzen: Das ist die historische Aufgabe der Kirchenräume.

Vielleicht kennen Sie die Kirchen-Szene aus dem Film von Tony Richardson "Tod in Hollywood" (nach dem Roman von Evelyn Waugh). Da findet eine Hochzeit und ein Begräbnis nach dem anderen statt, im Fließbandverfahren, und eine Neonschrift hinter der Orgel zählt die jeweils verbleibenden Sekunden wie beim Countdown. Kirchen, die in solchem Sinne ein Event das andere hetzen lassen, verfehlen ihre Aufgabe, die auch in der Gewährung von Stille und produktiver "Leere" bestehen kann. Ich denke, dass Kirchen in einer zeitgenössischen Übersetzung des mittelalterlichen "Kirchenasyls" auch ästhetische Tabuzonen sein könnten, "unberührbar" für alles, was der so verstandenen "Ehre Gottes" zu nahe tritt. Wer erinnerte nicht die Kathedralen Italiens mit den Hinweisen, dass man dort nicht entblößt hineingehen soll und dass dort geflüstert wird und nicht gelärmt? Selbstverständlich ist die Allmacht Gottes durch nackte Haut nicht zu beleidigen. Dennoch haben Religionen einen tiefen Sinn dafür, dass dieser innererste Raum des Heiligen, das Gotteshaus, freigehalten werden muss vom Abgleiten in die Alltags-Welt. Kirchenbauten könnten Fluchtburgen guter Musik, guter Sitten, Fluchtburgen des Friedens, Fluchtburgen eines menschlichen Zeitgefühls sein.

Ich höre den Einwand, dass in der amerikanischen Kirchenmusik der schwarzen Baptistengemeinden des amerikanischen Südens, in der leidenschaftlichen Gospel-Musik die Differenz zwischen Pop und Religion schwer auszumachen ist? Dem beuge ich mich demütig, sage aber: Aretha Franklins "I say a little prayer for you" ist in der Tat ein Liebeslied, das bei geringen Textänderungen auch als Kirchenlied durchginge - und nicht zufällig stammt die Sängerin wie übrigens auch die eine Generation später zu Ruhm gekommene Whitney Houston aus dem Milieu des "Southern Baptism". Nicht die Kontrafaktur des Weltlich-Erotischen mit der himmlischen Liebe - die gibt es auch im Weihnachtsoratorium bei "Bereite Dich, Zion..." - scheint mir das Problem zu sein, sondern die Übertragbarkeit ästhetischer Traditionen in ein fremdes Milieu. Mag sein, dass mich ein vergleichender Blick in die Geschichte der geistlichen Musik eines besseren belehrte. Ich halte es aber immerhin der Mühe wert, die Anstrengung zu unternehmen, eine über Jahrhunderte gewachsene religiöse Kultur bis zum Beweis der Untauglichkeit erst einmal "bei sich bleiben" zu lassen. Wobei ich auf der anderen Seite gestehe, dass das Pfingstwunder natürlich eine andere Botschaft hat, nämlich: Ihr dürft alle Sprachen verwenden. Sie sehen, hier bin ich ein wenig ratlos, kann keine endgültige Antwort geben.

Ein Thema gibt es, bei dem der Kirchenraum fast eine Alleinzuständigkeit hat, gemeinsam mit dem Friedhof. Es geht um die Antwort auf die letzten Dinge. "Wir haben hier keine bleibende Statt, aber eine zukünftige suchen wir." Die Kirche ist ein Schiff, es fährt aus der Vergangenheit in die Zukunft, es ist Ort der Transzendenz, der Erfahrung, dass das Leben weitergeht auch ohne uns. Und dass es dafür bestimmte Auskünfte gibt, welche Gedanken, Rituale, Formen des Innehaltens, des Schweigens, des Gebetes man dabei verwenden kann.

Ich glaube, dass diese Aufgabe von den Kirchen sehr viel deutlicher wahrgenommen werden müsste: in der Frage der Benutzung dieser Räume, in der Frage ihrer Innenausstattung, auch in der Frage der Bildwerke, die in der Kirchengeschichte nie l'art pour l'art, sondern immer "Gesprächsbildwerke" gewesen sind.

Es gibt in der Frage nach der Zukunft der Kirchen und ihres Ortes in der Stadt, im Leben und in der Politik eine Frage, welche aus der Gesellschaft kommt. Wenn das "Kirchenschiff" das ideale Vehikel sein kann, die "höchsten" wie die "letzten" Dinge zu transportieren, dann antwortet dies auf eine städtebauliche Diskussion, die seit dem Ende der Funktionalismus-Euphorie entbrannt ist. Sie dreht sich darum, wer in den Städten für den Ort des "Bedeutenden" die Verantwortung trägt. Es ist heute fast vergessen, dass das "Bauhaus" einst mit einem Holzschnitt von Lyonel Feininger in die Welt trat mit dem Titel: "Kathedrale des Sozialismus2. Eine Kirchenmetapher also ist der Startschuss gewesen für eine neue Architektur, die zunächst Askese, Konzentration auf das Einfachste im Visier hatte. Eine Architektur der "franziskanischen" Armut, der franziskanischen Ästhetik könnte man mit einiger Überspitzung sagen. Und unschwer ist es, zwischen den Zisterzienserbauten und dem Neuen Bauen eine vergleichende Verbindung herzustellen.

Die Kirche in der sich ändernden Stadt-Dramaturgie

Wir alle kennen die schleichende Entmoralisierung des Funktionalismus während der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wir kennen den darauf folgenden Triumph einer Ingenieurmoderne, die viel mehr mit rationalistischer Baustoffverwertung, rationalistischer Verwendung des Containerbegriffes zu tun hat als mit dem Kampf um "Wahrhaftigkeit" in der Architektur. Und wir kennen schließlich die Gegenbewegungen der jüngeren Gegenwart: die Postmoderne und die "unterhaltende" Architektur des "Learning from Las Vegas".

Die Kirchen, wir haben es vorhin während unserer kleinen Ballonfahrt gesehen, waren immer Zentrum der Stadt. Sie haben den Stadtraum um sich herum ganz natürlich mit Proportion, mit dialektischer Herausforderungen versorgt. Können sie es heute noch, wo die Zersiedelung, die Trennung der Funktionen, die Entmischung des Stadtraums seit Jahrzehnten überhand nehmen? Die alte europäische Stadt, die von einer Groß-Kirche in der Mitte her dominiert wird, hat die große Leistung erbracht, Bindung und Freiheit im öffentlichen Raum ein Raum-Bild zu geben. Seitdem ist kein anderes, gar besser funktionierendes Modell entstanden. Zufrieden ist mit diesem Zustand niemand.

Der Städtebau, die Architekten hadern miteinander. Auf Kongressen werden die gescheiterten Modelle beerdigt, die "autogerechte Stadt" z. B. Wie sieht die menschenwürdige Stadt der Zukunft aus? Wer die "Global Cities" anschaut, wovon der Berliner Potsdamer Platz einen kleinen Vorgeschmack gibt, der sieht, dass die entfesselte Wirtschaftsarchitektur der "Shopping Arcades" und "Shopping Malls" die traditionelle Trennung zwischen Innen und Außen, zwischen privatem und öffentlichem Raum aufzulösen beginnt. Der Grund dafür, dass dies überhaupt hingenommen wird, so sagen die Soziologen, ist die Tatsache, dass eine entfesselte Medienwelt, eine virtuelle Welt der Vernetzung von allen mit allen und eine damit einhergehende merkwürdige Intimitätsvergessenheit des modernen Menschen die Scheidewand zwischen drinnen und draußen, zwischen dem Öffentlichen, dem Privaten und Intimen längst niedergewalzt hat. Könnten die Kirchen beim Nachdenken über ihre zukünftige Funktion dieses urbanistische Dilemma mitdenken?

Die alte europäische Stadt mit ihrer Dialektik von Kirche und Platz, Bürgerhaus und Schloss, ist der Geburtsort des Individuums, seiner Freiheit und seiner Unverletzlichkeit. Die strenge Zuweisung von Funktionen und Räumen geht der verfassungsrechtlichen Definitionen der "Freiheitsräume" voraus. Man benimmt sich in einer Kirche anders und handelt dort anders als auf der Straße oder im politischen Raum des Rathauses, als in der Werkstatt oder im Bürgerhaus - sie alle haben unterschiedliche Rechtsformen, unterschiedliche Attitüden. Diese alt-europäische Stadt-Dramaturgie wird zur Zeit, im Zuge globaler Veränderungen des Wirtschaftens und des Informationsaustausches, massiv ins Rutschen gebracht - und dagegen gibt es Gegenbewegungen. Die Frage ist, ob in dieser Krise des Städtebaus die "Sehnsucht nach dem Heiligen" fruchtbar gemacht werden könnte. Als Wiedererkennung der unverzichtbar wichtigen Rolle der vorhandenen Kirchen. Sie sind, anders als alle anderen städtischen Räume, immer noch am widerstandsfähigsten gegen die Verwischung der städtischen Funktionen. Als Räume des Heiligen sind sie auch Räume des Authentischen. Dem gilt die Sehnsucht vieler heutiger Städtebewohner, und schon das wäre Begründung genug für den Bau neuer Kirchen an neuem Ort - völlig unabhängig von den Berechnungszahlen irgendeiner "Auslastung". (...)

Die "Petersberger Gespräche"

Am 29. Mai spricht Prof. Dr. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz (Dresden) im Rahmen der "Petersberger Gespräche" über "Eros und Christentum - passt das zusammen?". Die insgesamt fünf Gespräche (jeweils am 29. des Monats) werden vom Förderverein des Collegiatstifts St. Peter und Paul e. V. und der Stiftung Thüringer und Schlösser und Gärten veranstaltet.