Rimini Protokoll in Weimar: Mein Kampf, dein Kampf, unser Kampf

Weimar  Das Theaterkollektiv Rimini Protokoll inszeniert zum Weimarer Kunstfest ein Dokumentarstück über Hitlers Hetzschrift. Rezension über ein Theater-Experiment.

H wie Hitler-Experiment: Anna Gilsbach (hinten), Matthias Hageböck (MItte) und Volkan Türeli stehen in „Mein Kampf Band 1&2“ auf der Bühne. Foto: Candy Welz

H wie Hitler-Experiment: Anna Gilsbach (hinten), Matthias Hageböck (MItte) und Volkan Türeli stehen in „Mein Kampf Band 1&2“ auf der Bühne. Foto: Candy Welz

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Ein goldener Reichsadler ist auf das blaue Cover gedruckt. Zwischen den Buchdeckeln: Hunderte Seiten rassistischer Hetze. Auf der Bühne des Weimarer E-Werks haben die Schauspieler eine neue Ausgabe von Hitlers „Mein Kampf“ ausgedruckt und in eine Buchpresse geklemmt. Das Stück „Mein Kampf Band 1&2“ des Theaterkollektivs Rimini Protokoll ist eine Art Versuchslabor, in das die Zuschauer eingeladen sind. Die Versuchsleiter: sechs Laiendarsteller, die das „verbotene Buch“ auf seine Substanz prüfen, es durchleuchten, den Umgang mit der Schrift an seine Grenzen bringen. Erklärtes Ziel: Hitlers Propagandaschrift zu entmystifizieren.

Recht viel Aufmerksamkeit hatte es vor der Aufführung gegeben, die Feuilletons berichteten mit einer Mischung aus Skepsis und Vorfreude: Mehr als nur ein Hauch Skandalgeruch lag in der Luft. „Mein Kampf“ – ein Theaterstück mit diesem Titel spielt mit dem Tabu. An ihm kleben die Abgründe der Menschheitsgeschichte. Mein Kampf, dein Kampf, unser Kampf also?

Die Lichterkette im Weihnachtsbaum leuchtet rot. Darunter liegen die „Mein Kampf“-Ausgaben in glänzender Folie verpackt. Im Hintergrund: ein großes Bücherregal (Bühne und Video: Marc Jungreithmeier, Grit Schuster) Die Erzählung beginnt Weihnachten 1964: Sibylla Flügge, damals ein Teenie, schenkt ihren Eltern ein selbst zusammengestelltes Dossier mit den wichtigsten Stellen aus Hitlers Schrift. „Gekürzt von Sibylla Flügge“ steht darin. Mit 15 hatte sie sich ein Exemplar gekauft und im Bett unter ihrem Che-Guevara-Poster gelesen. Flügge, heute Rechtswissenschaftlerin, steht in geblümter Bluse und heller Stoffhose auf der Bühne und erinnert sich: „Das Buch zieht einen richtig rein.“

R wie Rausch ist das erste Kapitel des Stücks, das persönliche Geschichten und Erinnerungsfragmente der Darsteller collageartig zusammenklebt. Eine lineare Erzählung gibt es nicht – Buchstaben, die an die Schrankrückwände projiziert werden, geben Stichworte vor: R wie Rausch also.

Alon Kraus, Enkel jüdischer Flüchtlinge, ist für das Stück extra aus Israel angereist. Er ist eine Art Nazi-Freak: Auf Youtube schaut er sich den Eichmann-Prozess an. Als Student half ihm „Mein Kampf“ aus einer Phase der Faulheit heraus: „Andere brauchten Speed, ich brauchte dieses Buch“, sagt er. Ein Jude, der „Mein Kampf“ braucht. Skurril, absurd erscheint das. Wie überhaupt viele Erlebnisse, von denen die Laiendarsteller berichten.

Dem „Mein Kampf“-Familienerbstück von Matthias Hageböck, Buchrestaurator der Anna- Amalia-Bibliothek, fehlt das fliegende Blatt – und verschleiert somit, wer sein Besitzer war. Hageböck suchte nach Stilblüten und findet, dass Hitlers Sprache schon irgendwie „Unterhaltungswert hat“. Die Juristin Anna Gilsbach, die sich beruflich mit den rechtlichen Grundlagen für eine Veröffentlichung einer Neuausgabe beschäftigt hat, liest „Mein Kampf“ als PDF auf ihrem Smartphone. Der Musiker Volkan T hat eine ganz besondere Ausgabe gefunden: einen „Mein Kampf“-Manga auf Türkisch. Und der seit Geburt blinde Christian Spremberg schiebt eine Ausgabe in Braille-Schrift in einem Einkaufswagen über die Bühne.

An und für sich sind das gute Ansatzpunkte, um eine ausgefallene Geschichte zu erzählen und das deutsche Schandbuch von allen, auch ungewöhnlichen Winkeln aus zu betrachten. Die Regisseure Daniel Wetzel und Helgard Haug vom Theaterkollektiv Rimini Protokoll haben sich genau das gewagt und sich für die Aufführung beim Weimarer Kunstfest mit großem Rechercheaufwand an die Arbeit begeben. Aktueller Anlass ist das Ablaufen des Urheberrechts an „Mein Kampf“ zum Ende des Jahres und die angekündigte, kommentierte Neuauflage.

Schon im Vorfeld zur Aufführung haben sich die Macher alle Mühe gegeben, die Brisanz des eigenen Projekts zu betonen. Es war von der „Macht“ dieses Buches die Rede und der Dringlichkeit, den Bann zu brechen, der über Hitlers Hetzschrift liege. Allerdings ist der Autor in Film und auf Bühnen bereits bis zur Unkenntlichkeit ausgeleuchtet worden. „Rumhitlern“ ist inzwischen ungefähr so originell wie eine Merkel-Parodie.

Trotzdem gab es ernsthafte Annäherungen: George Tabori hat 1987 die Wiener Jahre Hitlers, seine Wandlung vom erfolglosen Postkartenmaler zum Monster in seiner Groteske „Mein Kampf“ gezeigt. Auch das Buch selbst ist keineswegs unbeachtet geblieben. Der türkischstämmige Kabarettist Serdar Somuncu etwa hat in szenischen Lesungen in den 90ern Ausschnitte bei weit über 1000 Auftritten in Schulen und Theatern vorgeführt. 250 000 Besucher sahen die satirische Abrechnung mit dem kruden Machwerk, das im Grunde nie gelesen wurde. Was aber ist das Neue? Warum dieser Theaterabend?

Mythos, Macht, Verdrängung – legt man das ganz große Besteck mal beiseite, bleibt ein anregender, informativer und zuweilen bewegender Theaterabend, der durch und durch dokumentarisch angelegt ist: Es werden Experten befragt, Paragrafen aus Gesetzbüchern zitiert und Auszüge aus der Hetzschrift gelesen, außerdem eine Debatte in der Knesset nachgespielt. Dabei sind humorvolle Szenen über das ganze Stück gesät: So wird eine Abwandlung der „Reise nach Jerusalem“ mit einer „Mein Kampf“-Ausgabe gespielt, elementare Fragen bei einem „1,2 oder 3 – letze Chance vorbei“–Spielchen mal eben im Vorbeihüpfen beantwortet oder das Thema „V wie Volksverhetzung“ in einem Rap-Video von Volkan T verhandelt. Es ist eine guttuende Distanzlosigkeit, mit der „Mein Kampf“ seziert wird. Eine wirkliche Grenzüberschreitung trauen sich die Darsteller aber nicht. Der Skandal bleibt aus.

So platzt zwar keine Bombe, gezeigt werden aber die vielen kleinen Splitter und Verwerfungen, die dieses Buch bei den Menschen hervorgerufen hat. Der Applaus ist langanhaltend, solide und vielleicht auch ein wenig erschöpft von so viel Kampf.

Samstag und Sonntag, jeweils 20 Uhr

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