Schauspielhaus Erfurt: Dornröschenschlaf beendet

Altstadt  Das Kulturquartier lädt ins Schauspielhaus und erweckt das geschichtsträchtige Haus für eine Nacht. Es besteht Hoffnung auf eine Fortsetzung.

Mit Manuel Schuler (oben) und Stefan Kirmse sind hier zwei der drei Tänzer des Tanztheaters Erfurt in Aktion. Sie zeigen das Stück „Momente“ – möge es keine Momentaufnahme bleiben. Foto: Maik Ehrlich

Mit Manuel Schuler (oben) und Stefan Kirmse sind hier zwei der drei Tänzer des Tanztheaters Erfurt in Aktion. Sie zeigen das Stück „Momente“ – möge es keine Momentaufnahme bleiben. Foto: Maik Ehrlich

Foto: zgt

„Machen Sie mit und bringen Sie wieder Leben ins Haus“, rief Karlheinz Hütter den 200 Menschen zu, die nach der ersten Aufführung aus dem großen Theatersaal gingen und auf die Menschen im Foyer trafen, die die nächste Aufführung sehen wollten.

„Vorhang auf, Bühne frei“, stand groß auf den Zetteln, die der Metallrestaurator am Sonnabend im Schauspielhaus verteilte. Karlheinz Hütter war einer vielen Überzeugten, die sich im Verein Kulturquartier Erfurt engagieren. Nicht nur er gab den Besuchern wichtige Informationen an die Hand, was der Verein mit dem geschichtsträchtigen Haus vorhat.

Doch den Gästen wurden nicht nur Konzepte, Baupläne und Finanzierungsmodelle vorgestellt. Für die Gäste hatte der Verein auch ein kurzweiliges Kulturprogramm zusammengestellt. Drei Mal wurde ein gut 30-minütiges Bühnenprogramm vor jeweils 200 Zuschauern gezeigt. Dreimal spielte Mahalo auf seiner Ukulele. Drei Mal bot das Tanztheater Erfurt eine moderne Choreographie. Drei Mal ließ Claudia Schwarze vom Kammermusikverein Erfurt klassische Musik erklingen. Drei Mal nahm die Schotte mit einem witzigen Auszug aus einer Theatereigenproduktion die Herzen der Besucher im Sturm. Drei Mal überraschte der Kinoklub am Hirschlachufer mit einem unterhaltsamen Kurzfilm.

Welch ein Abend. Zwölf Jahre war das Schauspielhaus für die Öffentlichkeit geschlossen und dann hauchte der Verein Kulturquartier Erfurt ihm wieder Leben ein.

Knapp 1000 Gäste kamen am Sonnabend in den Klostergang, zeigten sich sehr angetan und verweilten teilweise bis 3 Uhr am Sonntagmorgen. Geht es nach dem Willen der Beteiligten und der Gäste, bleibt so ein Abend keine Eintagsfliege, sondern wird vielleicht schon in etwas mehr als zwei Jahren Alltag.

Das Kulturquartier möchte aus dem Schauspielhaus einen Ort für Kunst, Kultur und Kreativwirtschaft machen. Dort sollen Theateraufführungen, Musikkonzerte und Kinoabende ebenso eine Heimstätte finden wie Künstlerbüros, Ateliers und gastronomische Einrichtungen.

Das Kulturquartier hat den Auftrag vom Stadtrat, ein Nutzungs- und Betreiberkonzept zu entwickeln. Eigentümer- und Betreibergesellschaft soll eine vom Kulturquartier initiierte Genossenschaft sein. „Genossenschaft und Verein sollen das Schauspielhaus gemeinsam zu einem Ort von Bürgern für Bürger entwickeln“, erzählte Tely Büchner.

Die Vereinsvorsitzende vom Kulturquartier war überwältigt von der Resonanz auf die Veranstaltung: „Meine Erwartungen wurden übertroffen.“ Der Funke sprang über. Viele bekundeten die Bereitschaft, der Genossenschaft beitreten und somit einen Beitrag für das Startkapital leisten zu wollen

„Der Verein baut keine Luftschlösser. Die Konzept erscheint schlüssig. Ich kann mir vorstellen, dass das funktioniert“, meinte Dietmar Taube, der früher gern und oft ins Schauspielhaus gegangen ist.

Doch nicht nur bei ihm spielte die Geschichte des Hauses eine Rolle: „Natürlich bin ich mit gemischten Gefühlen gekommen. Aber ich freue mich, dass der Versuch unternommen wird, das Haus lebendig zu machen. Ich drücke alle Daumen, dass dieser Neuanfang wirklich ein Neuanfang wird“, sagte Ekkehard Kiesewetter. Der 81-Jährige wirkte dort zwanzig Jahre als Schauspieldirektor und drückte am Sonnabend Tely Büchner zum Abschied herzlich.

Aber auch auf die jüngere Generation, die die glorreichen Zeiten des Schauspielhauses nicht erleben konnte, wirkt das Haus. „Ich wollte hier schon immer einmal rein. Selbst als geschlossenes Haus faszinierte mich das Schauspielhaus“, sagte Georg Schröter (18) vom Kinder- und Jugendtheater „Die Schotte“.

Und während sich Manuel Schuler von Tanztheater Erfurt mit seinen Kollegen Kai Siegel und Stefan Kirmse neben dem Saal für die nächste Choreographie mit Liegestützen und Auf-der-Stelle-Laufen warm hielt, versucht sich der 33-Jährige schon auszumalen, wie es mal in dem Gebäude aussehen kann. Wellige Fußböden und abblätternde Deckenfarben sind momentan wohl die geringsten baulichen Mängel. „Dennoch kann ich es kaum erwarten, hier mal ein ganzes Stück zu präsentieren“, erklärte Manuel Schuler.

Bevor der Abend im Schauspielhaus richtig Fahrt aufnahm, war den Veranstaltern und Mitwirkenden in Anbetracht des Terrors in Paris ein Innehalten wichtig. Und aufgehängte französische Flaggen drückten nachhaltig die Verbundenheit mit dem französischen Volk aus.