Thiemes Theaterferien: Was kann der „Titan“ beim FC Bayern reißen

Frank Quilitzsch spricht mit Thomas Thieme über Christiano Ronaldo, den Videobeweis und einen Fußball-Titanen mit neuem Aufgabenbereich.

Frank Quilitzsch (links) hält regelmäßigen telefonischen Kontakt zu Thomas Thieme.

Frank Quilitzsch (links) hält regelmäßigen telefonischen Kontakt zu Thomas Thieme.

Foto: Sabine Brandt

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Herr Thieme, wo sind Sie?

Thomas Thieme: Auf der Blumeninsel Madeira.

Am Hafen?

In Funchal ist doch alles am Hafen, es ist eine Hafenstadt.

Dann haben Sie sicher schon dem Cristiano-Ronaldo-Museum Ihre Aufwartung gemacht...

Ich bin zum achten Mal hier und habe das Museum tatsächlich schon fünf Mal besucht. Wissen Sie, was mich am meisten fasziniert? Das viele Gold! Die Vitrinen sind toll beleuchtet, und wenn du reinkommst, glänzt es überall, dagegen ist das Dresdner Grüne Gewölbe – das ja jetzt auch ein bisschen dezimierter ist – eine Abstellkammer. Diese goldenen Bälle, diese Pokale und diese unglaublichen Fotos – großartig!

Ich war voriges Jahr in der Ronaldo-Schatzkammer, fühlte mich aber eher geblendet – von der Eitelkeit des großen Fußballers.

Auch das gehört zu Cristiano Ronaldo.

Bleiben wir gleich beim Fußball: Drin oder nicht drin? – Nach Ableben unserer Torwartlegende Hans Tilkowski darf die Frage, ob das Wembley-Tor regulär war, ein letztes Mal gestellt werden. Was sagen Sie?

Für wen wurde das Tor gegeben?

Na, für die Engländer.

Dann war der Ball natürlich nicht drin.

Tja, kein Videobeweis.

Lieber Herr Quilitzsch, ich habe doch dieses Wembley-Tor immer hergenommen, um die Schönheit dieses Ballsports ohne Videobeweis zu preisen. Unwägbarkeit durch einen sich irrenden Schiedsrichter – wann begreifen die Führungsgremien der Fifa und des DFB endlich, dass das, philosophisch betrachtet, zum Spiel dazugehört? Aber es geht ja nur ums Geld.

Von Tilkowski ist es nur ein Katzensprung zum „Titan“, der gerade als Edel-Praktikant beim FC Bayern angeheuert hat. Ist Oliver Kahn der richtige Nachfolger für Karl-Heinz Rummenigge?

Na ja, so kompetent sind wir beide nicht, da hätten wir vielleicht Hans Meyer fragen sollen. Aber von der Persönlichkeit her halte ich Oliver Kahn sogar für geeigneter als Rummenigge. Er ist offener, lebendiger. Ich freue mich auch deshalb über die Berufung von Kahn, weil ich beim FC Bayern den Verlust von starken Typen beobachte. Zu Zeiten von „Mia san mia“ waren mir die Münchner sympathischer. Die Ausfälle von Ribéry, die Launen von Robben, die Schlitzohrigkeit eines Élber oder die enormen Körperaktionen von Kahn – das alles scheint vorbei zu sein. Ich vermisse bei den Bayern den anarchistischen Glanz. Und der größte Verlust im Bereich des Entertainments ist natürlich Uli Hoeneß, der immer für eine Überraschung gut war...

Er würde nicht wieder an die Spitze drängen, hatten Sie vermutet, nachdem Sie ihn als Freigänger kurz vor den Dreharbeiten zum Hoeneß-Film getroffen hatten.

Ich hatte damals diesen Eindruck. Er war 20 Kilo leichter, kein bisschen großmäulig, eher zurückhaltend für seine Verhältnisse. Was mir enorm gefiel, weil ich Uli Hoeneß ganz anders kannte. Aber wenn ich ihn heute sehe, stumm, mit Schal und verdrießlichem Gesicht, denke ich, es muss etwas mit ihm passiert sein. Wie schreibt doch Goethe in „Faust II“: „Du glaubst zu schieben, und du wirst geschoben.“

Thomas Thieme: Ich Hoeneß Kohl. Gespräche mit Frank Quilitzsch, Klartext-Verlag, 244 Seiten mit Abb., 19.95 Euro

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