Thüringen museal (20): Die Seele der alten Bauernhäuser

Im Freilichtmuseum Hohenfelden warten mehr als 30 historische Gebäude darauf, erkundet zu werden. Man lernt dabei viel über das Leben der einstigen Bewohner. Am Wochenende haben TLZ-Leser freien Eintritt.

Hölzerne Stützen vor der Fassade tragen einen Teil der Dachlast: Das Umgebindehaus wurde 2013 aus Langenbuch nach Hohenfelden umgesetzt. Foto: Peter Michaelis

Hölzerne Stützen vor der Fassade tragen einen Teil der Dachlast: Das Umgebindehaus wurde 2013 aus Langenbuch nach Hohenfelden umgesetzt. Foto: Peter Michaelis

Foto: zgt

„Im Dorfe oder Am Eichenberg?“ – Das ist hier die Frage. Das Thüringer Freilichtmuseum Hohenfelden hat zwei Standorte, und die Entscheidung, welchen man zuerst besucht, nimmt einem niemand ab. Oder doch? – „Wenn Sie mit dem Auto von Weimar kommen“, sagt Franziska Zschäck am Telefon, „nehmen Sie gleich den Abzweig zum Eichenberg. Ich warte dort an der Kasse auf Sie.“

Die Kasse ist in einem schmucken Fachwerkhaus mit angebauter Scheune untergebracht, dessen äußere Hülle auf ein Gebäude zurückgeht, das 1571 in Geunitz bei Kahla erbaut worden ist. Hier gibt es neben den Eintrittskarten auch Museumsbroschüren, Thüringer Honig und Flaschenbier aus der Apoldaer Museumsbrauerei.

„Sie verpassen nichts“, empfängt mich die Direktorin mit einem Lächeln, das zu diesem sonnigen Junitag passt. „Die Eintrittskarte hat zwei Abschnitte, die zum Besuch beider Standorte berechtigen. Viele Besucher nehmen sich in aller Ruhe erst den einen Teil vor, fahren nach Hause oder kehren auf den Campingplatz zurück, und kommen irgendwann wieder, um sich noch den anderen Teil anzuschauen.“

Franziska Zschäck spricht, wenn sie die Museumsensembles im Dorfe und auf dem Berg meint, von „unten“ und „oben“. Unten sind, eingebunden in das Dorf Hohenfelden, der Pfarrhof mit seinem Taubenturm, die alte Schule, das Brau- und das Tagelöhnerhaus sowie der Bauern-Hof Nr. 66. Oben haben sich auf der Hangwiese aus verschiedenen Orten Thüringens umgesetzte, betagte ländliche Gebäude breitgemacht: unter ihnen der Güglebener Hof (1604 erbaut), der Utzberger Hof (1683) oder die Blockscheune aus Stanau (1697).

Was für eine Idylle! Wir sitzen an robusten Holztischen unter den Bäumen, trinken Kaffee aus dem Limonadenpavillon, und über uns ziehen am ansonsten blauen Himmel ein paar Schäfchenwolken über den 475 Meter hohen Eichenberg hinweg. Schaut man in die Runde, fühlt man sich in längst vergangene Zeiten zurückversetzt. Nur der Pavillon (entstanden um 1890) will – stilistisch – nicht recht dazu passen. „Der stand bis 1999 in Friedrichroda, also im Thüringer Wald, und wurde nicht mehr genutzt. Da gab es die Alternative: Feuerwehr oder Museum.“

Feuerwehr bedeutet Abriss, erklärt die Diplom-Ethnographin. Man entschied sich dagegen, und so wurde die mit Schiefer gedeckte Mini-Ausflugsgaststätte nach Hohenfelden versetzt, wo sie ihren Gästen heute wieder Erfrischungen und Stärkungen anbietet.

Thüringen hat so viele alte Dörfer, die man sich erwandern kann; was bietet der Besuch im Freilichtmuseum, was man anderswo nicht bekommt? „Bei uns finden Sie ganz Thüringen auf einem Fleck“, sagt Zschäck. „Sie können hier in alle Häuser hineingehen, selbst in die ganz alten, vom Keller bis auf den Dachboden, und an Ort und Stelle erfahren, wie man dort gelebt hat.“

Die Gebäude werden ganzheitlich präsentiert, in ihrer historischen Situation; das heißt, es werden Bauerngärten, Streuobstwiesen, Felder und dergleichen angelegt, historisch belegte Tierarten gehalten und entsprechende Pflanzen angebaut. „Zudem können Sie bei uns manches entdecken, was es nicht mehr gibt, beispielsweise eine Blumentopf-Töpferei wie die aus Tonndorf oder unser Hirtenhaus.“

Jeden Sonntag ab 14 Uhr finden Handwerksvorführungen und Sonderführungen statt, und das Jahresprogramm des größten Freilichtmuseums Thüringens ist mit Höhepunkten gespickt: Traktoren- und Oldtimertag (12. Juli), Thüringer Schäfertag mit Landesmeisterschaft im Hüten (1. August), großes Erntefest (27. September) und zum Saisonausklang am 24. Oktober ein Schaubrauen.

Und was an dieser ländlichen Architektur und Kultur ist typisch thüringisch? Da muss die in Schleiz aufgewachsene Museumsleiterin erst kurz nachdenken. „Die Schieferdeckung und Schieferwandverkleidung“, sagt Franziska Zschäck, „die Linksdecker“ – womit sie eine Dachziegelart meint – „und dort drüben, die Thüringer Leiter.“ Sie zeigt auf die waagerechte Fachwerkstruktur am Giebel des Güglebener Wohnstallhauses, die seinerzeit nur als Schmuckelement diente – „so etwas konnten sich nur reiche Bauern leisten“.

Eine Attraktion ist auch das sogenannte Umgebindehaus aus Langenbuch (Schleiz), eines der letzten erhaltenen Thüringischen Exemplare dieses Bautyps. Das Haus, das 1685 in dem vogtländischen Dorf in Blockbauweise errichtet wurde, hat eine Besonderheit: Ein Teil der Last des Dachgeschosses wird über Stützen abgeleitet, die vor der Giebelwand stehen. In diesem Gebäude, das jetzt im Zustand nach 1810 präsentiert wird, kann man viel über die Lebensweise der Bewohner erfahren.

Etwa, dass in einer aus Stein gemauerten, fensterlosen Küche gekocht wurde, durch die auch der Rauch des Backofens abging. Hier mag man nicht Magd gewesen sein! Dafür wohnte der Hausherr, ein privilegierter Hammerwerksbetreiber, recht stattlich im einzigen beheizbaren Raum. Wer die Bewohner – es waren zeitweilig bis zu vierzehn Personen – waren und was sie trieben, kann man den Hörstationen auf der Ofenbank und unterm Spitzdach entnehmen.

Das Umsetzen der Häuser – ein Thema für sich. Zschäck lobt „ihre“ Handwerker – zwei Maurer und zwei Zimmerleute. Wie fachmännisch und sensibel die mit der historischen Bausubstanz umgehen! Einige Häuser werden abgerissen und wieder aufgebaut, also Balken um Balken versetzt, andere wandweise. In seltenen Fällen wird das Gebäude im Ganzen transportiert – zum Beispiel wenn es so klein ist wie das Hirtenhaus.

Das 1979 als „Agrarhistorisches Freilichtmuseum“ gegründete Areal ist seither in seinem musealen Bestand kontinuierlich erweitert worden. 2011 kam aus Großmehlra die imposante Bockwindmühle hinzu. 223 Jahre wurde darin Korn zu Mehl gemahlen, ehe der letzte Besitzer 1952 ihre Flügel und auch den Elektromotor stillgelegt hat. „Schade, dass sich bei uns noch kein Freizeitmüller gemeldet hat, der sie zu Schauzwecken wieder in Betrieb nimmt“, seufzt Franziska Zschäck.

Aber es gibt auch so schon viel zu schauen am Eichenberg, wo neuerdings auch zwei Esel grasen. Im Stall duftet das Heu, und die Vögel zwitschern in den Bäumen. Unter den Füßen knarren die Dielen. Es ist, als würde man die Seele der alten Bauernhäuser erspüren.

Leider bleibt heute keine Zeit mehr für „unten“. Aber das Areal um den alten Pfarrhof im Dorfe kann man ja beim nächsten Mal erkunden.

Steckbrief: Freilichtmuseum Hohenfelden

  • Typus: Volkskundemuseum
  • Träger: Kreis Weimarer Land
  • Schwerpunkte: Ländliche Architektur und Lebensweise vom 16. bis zum 20. Jahrhundert, seltene Handwerke
  • gegründet: 1979
  • Ausstellungsfläche: ca. drei Hektar
  • Besucher/Jahr: 25 000
  • Öffnungszeiten: Mo-So 10-18 Uhr
  • Eintrittspreise: 5 Euro (ermäß. 4 Euro), Kinder bis 16 Jahre 2.50 Euro, Kinder in Gruppen 1 Euro (pro Kind), Familientageskarte 10 Euro
  • Audioguide: nur für das Ensemble am Eichenberg
  • Katalog: „Begleiter für den Museumsbesuch“ – sowohl für Erwachsene als auch für Kinder
  • Führungen: nach Voranmeldung
  • Adresse: Im Dorfe 63, 99448 Hohenfelden, Internet: www.thueringer-freilichtmuseum-hohenfelden.de

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