Von Lachgewittern und Körperkrisen: Jenaer Rosenthal-Stipendiatin analysiert den Witz

Vom Schenkelklopfer bis zum Kieken, vom espritvollen Schmunzeln bis zur gut platzierten Pointe, der Witz ist ein Vermögen. Das zeigt Anna Bromley in einem mit dem Berliner Künstler Michael Fesca entwickelten Radioessay.

Anna Bromley und Michael Fesca. Foto: Nihad Nino Pusija

Anna Bromley und Michael Fesca. Foto: Nihad Nino Pusija

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Jena. Auffahrendes Lachen, brüllende Körperkrisen und affektiertes Gelächter tönen aus den Lautsprechern im Herrenzimmer der Villa Rosenthal, während es sich eine kleine Besuchergruppe auf Kissen bequem macht. Nicht wirklich ist der Besucher versucht, mitzulachen, denn die Lachgewitter werden von einem Cello karikierend imitiert.

Geradezu ernst und wissenschaftlich widmen sich die Performance-Künstler dem Phänomen des Lachens und dabei speziell der Reaktion auf einen Witz. Dieser wird im heutigen Abendfernsehen "als Konsumprodukt ausgeschlachtet". Häufig wird dem Zuschauer bei amerikanischen Serien sogar durch Lach-Einspieler angezeigt, wann es angebracht wäre, die körperliche Reaktion zu zeigen - ein Mitlachen wird intendiert, das aber bei vielen, so zeigte die Diskussion nach der Performance, eher zu einer inneren Distanz führt.

Hängt das Lachen über einen Witz mit Wissen zusammen? Das Wort "witzig" kommt schließlich von Wissen und wurde bis ins 17. Jahrhundert als ein Synonym zu "Esprit" verstanden. "Wer witzig ist, ändert seinen Sprechstil", ist eine zentrale Feststellung der künstlerischen Analysen. Witz braucht Timing; Lachen ist die körperliche Reaktion auf einen Witz und nach Sigmund Freud damit ein "raffiniert formulierter Stimulus". Dabei kamen Michael Fesca und Anna Bromley zu dem Schluss, dass Bildwitz zwar alleine genossen werden kann - denken Sie nur an die Karikaturen in unserer Zeitung - gesprochener Witz aber nur zu zweit und eben nur mit gutem Timing funktionieren kann.

Die Künstler illustrieren ihre Idee vom Rhythmus des Witzes an einer Szene aus dem Film "Ninotschka" von Ernst Lubitsch, wo das Erzählen eines Witzes facettenreich misslingt. Witze setzen sie in Vergleich mit Jazzstandards. Es kommt auf die Interpretation an, ob ein Witz einen Groove auslöst - ein Lachgewitter.

So ist Lachen für sie vor allem ein Körperwissen, es habe weniger mit Intellekt zu tun als mit dem Sprachrhythmus: "Gewitzte handeln aus einem Körperwissen des gekonnten Timings heraus. Sie weichen in einer Art, die sich irgendwie gut anfühlt, vom allgemeinen Taktempfinden ab und zelebrieren ein Neben-dem-Takt-sprechen, ein Off-the-Beat-Sprechen, das im Lachen seinen körperlichen Break findet." So darf beispielsweise der Witz-Erzähler erst Lachen, wenn der Zuhörer die Pointe verstanden und deshalb bereits zu lachen angefangen hat. Lacht der Erzähler zu früh, verpufft der Witz. So ist ein Witze-Erzähler für Anna Bromley ein Virtuose - nicht ohne Grund hat die deutsche Sprache den Ausdruck "jemand ist gewitzt." Es gebe aber eben auch die Form des "blindlings Lachens" - des Mitlachens, ohne verstanden zu haben, worum es eigentlich geht. Der Körper reagiert auf das Lachen der anderen. "Freudiges Lachen ist eine Art Kollaps." Aber einer, der dem Körper guttut.

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