Weimarer Reden 2015: Hüthers Plädoyer für "Etwas mehr Hirn, bitte"

Der Neurobiologe Gerald Hüther eröffnete die Weimarer Reden im ausverkauften Deutschen Nationaltheater Weimar mit einem humorvollen und zündenden Appell.

Plädiert für selbstbestimmtes und spielerisches Lernen: Professor Gerald Hüther bei seiner humorvoll vorgetragenen Weimarer Rede im bis auf den letzten Platz besetzen Nationaltheater. Foto: Maik Schuck

Plädiert für selbstbestimmtes und spielerisches Lernen: Professor Gerald Hüther bei seiner humorvoll vorgetragenen Weimarer Rede im bis auf den letzten Platz besetzen Nationaltheater. Foto: Maik Schuck

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Weimar. Er sei sich nicht sicher, ob gute Zensuren in der Schule wirklich das Wichtigste für ein Kind sind. Vielleicht sind ja Eigensinn und der Wille, Widerstände zu überwinden, viel wichtiger - das zeige sich aber meist erst nach Jahren. Eines sei jedoch sicher: "Wir können das Gehirn eines Kindes nicht formen. Das kann nur das Kind selbst."

Schon beim Vorgespräch auf offener Bühne plädierte der bekannte Neurobiologe und Wissenschaftsautor Gerald Hüther für ein selbstbestimmtes und spielerisches Lernen - und zwar ein Leben lang. "Jeder kann es", rief er den Zuhörern im ausverkauften Deutschen Nationaltheater (DNT) zu. "Woran das zumeist scheitert? Daran, dass man immer wieder gesagt bekommt, wo es langgeht."

Zum Auftakt der diesjährigen Weimarer Reden am Sonntag, den 8. März - dem Internationalen Frauentag - gab es von Weimars Oberbürgermeister Stefan Wolf (SPD) eine Rose für die Moderatorin Liane von Billerbeck. Fünfzig Prozent Frauenquote, auch bei den nominierten Rednern liegen die Veranstalter, Stadt Weimar und das DNT, richtig.

Einen besseren Auftakt als Hüthers Plädoyer für "Etwas mehr Hirn, bitte" - so der Titel seines neuen, heute in den Handel kommenden Buches - hätte man sich kaum wünschen können. Entspannt, schlagfertig und humorvoll präsentierte sich der Ex-Jenaer, der zunächst sein Redemanuskript in der Tasche ließ und in der Sesselecke Fragen beantwortete. Aber auch hinterm Pult diente ihm die Ausarbeitung nur als Leitfaden, an den er weitere, zum Teil spontan vorgetragene Ausführungen knüpfte.

Der Mensch sei kein Einzelwesen, so seine These, und daher auch sein Hirn ein "soziales Konstrukt". Jeder könne viel mehr aus seinem Leben machen, wenn er nicht dauernd "funktionieren" müsste. Bisher sei aber noch kein praxistaugliches Gesellschaftsmodell gefunden worden, dass die freie Entfaltung des Einzelnen im Verbund ermögliche. Und doch sei schon viel geholfen, wenn es gelänge, einander nicht als Objekte zu betrachten.

Mit vier Argumenten versuchte Hüther seine Zuhörer davon zu überzeugen, dass es möglich sei, dem Ernst des Lebens spielerisch zu begegnen. Immer wieder lockerte er seine Ausführungen mit skurrilen Beispielen und Anekdoten auf.

Das Experiment mit der Küchenschabe habe es bewiesen: "Um etwas auswendig zu lernen, braucht man kein Gehirn!" Hüther erzählte z.B., wie sie zu DDR-Zeiten auf der Suche nach den "Gedächtnismolekülen" mit amerikanischen Schaben experimentiert hätten. Es sei gelungen, diese auf eine bestimmte Reaktion zu trimmen. Anschließend seien ihre Gehirne untersucht worden - leider fand man die Moleküle nicht. Dann habe ein Hilfsassistent denselben Versuch mit einer kopflosen Schabe wiederholt, und sie habe genauso reagiert.

Was lernen wir daraus? Es gehe nicht um kopf- und geistloses Auswendiglernen, so der Neurobiologe. Es gehe darum, das Gehirn so zu nutzen, dass Potenziale freigesetzt werden. Am besten spielerisch. "Warum verlieren wir Erwachsenen immer beim Memory gegen unsere Kinder? - Weil wir uns zu sehr zwingen."

"Wer spielt, konsumiert nicht. Wer spielt, gebraucht nicht. Wer spielt, begegnet dem Anderen als einem echten Gegenüber", sagte Hüther. Deshalb betrachte er das Spiel in einer von der ins­trumentellen Vernunft des Ökonomismus beherrschten Welt als eine "subversive Kraft".

"Spielen öffnet Räume unbedingter Sinnhaftigkeit, gerade weil kein Zweck dabei verfolgt und kein Nutzen avisiert wird. Spielen öffnet Räume für Kreativität, genauer: für Co-Kreativität - im gemeinsamen Spiele können Möglichkeiten erprobt und Potenziale entfaltet werden. Spielen ermöglicht Entwicklung und Innovation." Und an die älteren Zuhörer gewandt, versicherte der Redner, dass auch ein 85-Jähriger noch spielend Chinesisch lernen könne. Das sei keine Frage des Alters, sondern der Begeisterung. Freude am Denken sorge im Gehirn für frische Vernetzung.

Die Freiräume mündiger Bürger ausdeutend, stehen die diesjährigen Weimarer Reden unter dem Motto "Die Welt als Spiel? Chancen und Risiken unserer Freiheit". Auch an den nächsten drei Sonntagen, jeweils 11 Uhr, werden im DNT verschiedene Facetten des Themas beleuchtet. Die Reihe wird von den Stadtwerken Weimar und der Thüringer Netkom gesponsert. Wie in den Vorjahren präsentiert die TLZ wieder wichtige Auszüge aus den Vorträgen in ihrer Wochenendbeilage "Treffpunkt".

Nächsten Sonntag, 11 Uhr, DNT Weimar: Michael Zürn: "Ist die Politik ein Spiel? Nutzen und Elend der Spieltheorie in den Sozialwissenschaften"

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