Wenn die Künstler mit den Schülern: Echs(x)periment in Erfurt

160 Schüler aus drei Erfurter Schulen widmeten sich vier Tage einem besonderen "Echs(x)periment. Was dahinter steckt ist das Kulturagentenprogramm. Und das endet dieses Schuljahr. Wie geht's weiter?

Jungs können nur toben? Von wegen: Malte (links) und Lukas, Fünftklässler der Friedrich-Ebert-Schule Erfurt, ritzen mit viel Ausdauer ihren eigenen Entwurf zum Thema Krokodil in eine Emaille-Platte. "Echs(x)periment Werkstatt" heißt das Projekt der Kulturagentin Uta Schunk in den Künstlerwerkstätten Erfurt. Foto: Maik Ehrlich

Jungs können nur toben? Von wegen: Malte (links) und Lukas, Fünftklässler der Friedrich-Ebert-Schule Erfurt, ritzen mit viel Ausdauer ihren eigenen Entwurf zum Thema Krokodil in eine Emaille-Platte. "Echs(x)periment Werkstatt" heißt das Projekt der Kulturagentin Uta Schunk in den Künstlerwerkstätten Erfurt. Foto: Maik Ehrlich

Foto: zgt

Rieth. Malte und Lukas beugen sich über ihre Emaille-Platten und ritzen mit Schaschlik-Stäbchen in die frische Farbe. Jeder Strich bringt die darunterliegende Farbschicht zum Vorschein. Die beiden Fünftklässler aus der Friedrich-Ebert-Schule übertragen Strich für Strich eine selbst angefertigte Zeichnung auf die Emaille-Platte.

Sie zeichnen ihre eigenen Entwürfe ein zweites Mal, nur das jetzt kein Strich mehr korrigiert werden kann. Was weg ist, ist weg. Malte und Lukas sind hochkonzentriert bei der Sache und meistern filigran ihr Pensum. "Wow, ich bewundere eure Geduld", sagt Kulturagentin Uta Schunk. Sie hat das Projekt "Echs(x)periment Werkstatt" ins Leben gerufen.

Schüler gehen mit ihren Lehrern und professionellen Künstlern in den Künstlerwerkstätten auf eine ästhetische Forschungsreise. Zuerst besuchten sie die "Crocworld", einen privaten Krokodil-Zoo im Erfurter Norden. Dort beobachteten sie Krokodile und Echsen aus nächster Nähe. Wieder in den Künstlerwerkstätten angelangt, ging es in verschiedenen Gruppen künstlerisch ans Werk.

Die Profi-Künstler Johannes Kaiser, Mandy Rasch, Rosmarie Weinlich, Diana Hartung-Gräßer und Nora Kühnhausen nahmen die Kinder unter ihre Fittiche: Sie ritzten Emaille-Kunstwerke, hämmerten Messing-Schmuck, formten Krokodile zum Anfassen, erzeugten Gipsreliefs oder schrieben Krokodil-Comics.

Gut 160 Schüler aus der Friedrich-Ebert-Schule, aus der Thomas-Mann-Schule und der Kooperativen Gesamtschule forschen, kreieren, zeichnen, basteln jeweils vier Tage außerhalb der Schule.

Die Schüler nähern sich kreativ einem naturwissenschaftlichen Gegenstand, sammeln ästhetische Erfahrungen und lernen effektiv, weil sie alle Sinne mit einbeziehen.

Das Modellprojekt Kulturagenten läuft zum Schuljahresende aus. In Erfurt waren die Künstlerin Katrin Sengewald und die Kunstlehrerin Uta Schunk als Kulturagenten in vier Schulen vier Jahre lang aktiv: in der Friedrich-Ebert-Schule, Thomas-Mann-Schule, Kooperativen Gesamtschule und Friedrich-Schiller-Schule. Thüringenweit waren es 30 Schulen, deutschlandweit 140.

Hinter dem bundesweiten Programm steht das gemeinnützige Forum K & K. Initiiert und gefördert wird es durch die Kulturstiftung des Bundes und durch die Stiftung Mercator, kofinanziert in Thüringen durch den Freistaat in Zusammenarbeit mit dem Thüringer Ministerium für Bildung, Jugend und Sport. Zum Schuljahresende läuft das Modellprojekt aus.

Katrin Sengewald und Uta Schunk sind sich einig, dass das Projekt fortgeführt werden muss. Schule müsse umdenken. Um den Lernprozess effektiver zu machen, komme Schule nicht umhin, Kunst und den handwerklichen Ansatz stärker einzubeziehen, so Uta Schunk.

Katrin Sengewald verweist auch darauf, dass ein Wegfall des Programms die Künstler treffen würde, die sich in den vergangenen vier Jahren immer besser vernetzt hätten. "Wir sehen die Notwendigkeit des Kulturagenten-Projektes. Es wäre gut, wenn es fortgeführt wird", meint auch Grit Becher, Leiterin der Künstlerwerkstätten Erfurt.

Gestern war zumindest das Thüringer Büro der Kinder- und Jugendstiftung mit Sitz in Jena bereit, sich zur Kulturagenten-Zukunft zu äußern. Es seien zwar noch keine konkreten Gespräche mit dem Freistaat Thüringen geführt. Der ehemalige Thüringer Bildungsminister Christoph Matschie (SPD) habe aber signalisiert, dass das Kulturagentenprogramm gut bewertet wurde. "Wir sind guter Dinge, dass es weitergeht", sagt Kristin Pröger aus Jena.

Dazu schreibt Maik Ehrlich in einem Kommentar der Thüringischen Landeszeitung:

Die kleinsten Krokodile sind 1,20 Meter lang, die größten 6,50 Meter. Nur zehn Prozent der frisch geschlüpften Krokodile überleben. Und überhaupt darf man Krokodile nicht als Echsen bezeichnen. Hätten Sie das gewusst? Die Fünftklässler der Friedrich-Ebert-Schule haben darüber hinaus noch weitere Fakten zu Kroko und Co. verinnerlicht. Nicht etwa, weil sie in der Schule eine Extraschicht Biologie einlegten, sondern weil sie vier Tage der Schule fernblieben und an einem künstlerischen Projekt im Rahmen des Kulturagentenprogramms teilgenommen haben. Mit dem vierjährigen, nun auslaufenden Modellprogramm wurden zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Schüler nähern sich Kunst und Wissen auf neuen Wegen. Es wäre schade, wenn das Kulturagentenprogramm nicht fortgesetzt wird. Die Beteiligten sendeten schon positive Signale. Nur sollten bald die Verträge unterzeichnet werden. Das Schuljahr ist bald rum.

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