Wo Terroristen Urlaub machen

Franziska Nössig
| Lesedauer: 3 Minuten
Irritierend sind die Titel seiner Arbeiten: "Ferienhaus für einen Terroristen" hat Thomas Schütte ein Modell genannt, das in Bonn sogar als Pavillon begehbar ist. Und dieser wirkt mit seinen farbigen, transparenten Stoffen und dem hellen Holz merkwürdig einladend. Foto: VG Bild-Kunst Bonn

Irritierend sind die Titel seiner Arbeiten: "Ferienhaus für einen Terroristen" hat Thomas Schütte ein Modell genannt, das in Bonn sogar als Pavillon begehbar ist. Und dieser wirkt mit seinen farbigen, transparenten Stoffen und dem hellen Holz merkwürdig einladend. Foto: VG Bild-Kunst Bonn

Foto: zgt

Architekturmodelle und Skulpturen von Thomas Schütte sind ab heute in der Bundeskunsthalle Bonn zu sehen. Die irritierenden Titel seiner Werke werfen mehr Fragen auf, als sie beantworten.

Bonn. Thomas Schütte hat inzwischen vermutlich mehr Häuser entworfen als so mancher Architekt, trotzdem sieht er sich vor allem als Künstler. Die Auseinandersetzung mit der Kunst des Bauens ist in seinen frühen Arbeiten erkennbar und erfährt bis heute eine permanente Weiterentwicklung.

Diesem zentralen Thema im Werk des preisgekrönten Düsseldorfer Künstlers widmet die Bundeskunsthalle Bonn nun eine Sonderausstellung. Ab heute sind etwa 60 Arbeiten von Schütte zu sehen, Architekturmodelle und -ansichten der letzten 30 Jahre sowie begehbare Rauminstallationen, die nach seinen Entwürfen realisiert wurden. Aquarelle und gerade fertig gestellte Skulpturen von Schütte erweitern die Ausstellung um einen weiteren Aspekt seines Schaffens. Denn parallel zu den architektonischen Modellen hat der Künstler, 1954 in Oldenburg geboren, Zeichnungen, Keramiken, Aquarelle, Bronze- und Stahlskulpturen angefertigt. Eine dieser Skulpturen hat Thomas Schütte auch für das Neue Museum in Weimar entworfen. Seit 1998 empfängt der gold glänzende "Große Geist" Museumsbesucher am Fuße der Freitreppe.

Schütte nahm drei Mal an der documenta in Kassel teil und erhielt 2005 den Goldenen Löwen der Biennale von Venedig als bester Einzelkünstler. Außerdem wurde ihm der Düsseldorfer Kunstpreis 2010 zugesprochen. Unter seinen neuen, kurz vor Ausstellungsbeginn vollendeten Skulpturen ist auch die von "Vater Staat", den Schütte als einen alten Mann zeigt. Das Pendant dazu ist sein jugendlich wirkender "Mann im Matsch", der im Original trotz seiner Größe von sechs Metern etwas verloren wirkt. Die Bronzeplastik goss Schütte 2009 für seine Geburtsstadt Oldenburg, in Bonn ist ein 1:1-Modell aus Styropor und Gips zu bewundern.

Bei den begehbaren Räumen handelt es sich um das "One Man House" und das "Ferienhaus für Terroristen". Dieses besteht aus hellem Holz, Pressspan und farbigen Transparentstoffen, die alles andere als wehrhaft und abweisend wirken. Braucht selbst ein Terrorist Urlaub? Oder könnte das Ferienhaus für das Nichtstun als größten terroristischen Akt stehen? Thomas Schüttes irritierende Titel werfen mehr Fragen auf, als sie Antworten geben.

Ähnlich kurios wirkt das "Ein-Mann-Haus", von dem Schütte bisher fünf Exemplare entwickelt hat. In der Ursprungsidee sind es keine praktischen Wohnhäuser, Küche und Bad fehlen. Viel eher sind es kleine, wohlige Kisten zum Ausruhen und sich Zurückziehen. Später hat Schütte die ersten Varianten in größeren Modellen überarbeitet, hat Bad, Bett und Küche eingebaut. Noch immer aber sind es Orte der Abschottung. Die Welt draußen können Bewohner - und Besucher im begehbaren Modell - nur durch ein großes Rundfenster wie durch ein Objektiv betrachten.

Bis 1. November

Homepage Bundeskunsthalle