Übergriff von Neonazis auf dem Erfurter Anger? Zeugen gesucht

Fast verheilt ist inzwischen das blaue Auge ihres Freundes, doch Frust und Verärgerung sind mit Jennifer Werner nach Hamburg gereist. Ihr letzter Tag an der Willy-Brandt-School of Public Policy in Erfurt war für sie und ihre Mit-Absolventen ein großes Fest - bis es am frühen Sonntagmorgen zu einer tätlichen Auseinandersetzung mit Neonazis gekommen sei.

Die Erfurter Polizei wehrt sich gegen den Vorwurf, auf dem rechten Auge blind zu sein. Archiv-Foto: Peter Michaelis

Die Erfurter Polizei wehrt sich gegen den Vorwurf, auf dem rechten Auge blind zu sein. Archiv-Foto: Peter Michaelis

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Erfurt. Mitten auf dem Anger seien sie, drei Freundinnen und ihr Freund zunächst angepöbelt worden: "Ihr könnt froh sein, dass ihr Deutsche seid", habe ein Mann ihnen entgegen gerufen, zur Einkehr in ein Schnellrestaurant amerikanischen Ursprungs "viel Spaß beim Besatzer" gewünscht und den Hitlergruß gezeigt. Nach dem Essen sei die Pöbelei vor dem Restaurant weitergegangen. "Jetzt reicht's aber", habe ihr Freund gerufen - und eine Faust aufs Auge bekommen. Schreiend seien sie davongelaufen. "Ich bringe dich um", habe der später als 20-Jähriger identifizierte Mann gerufen. Nur das Eingreifen couragierter Passanten habe Schlimmeres verhindern und den wild um sich schlagenden Angreifer von ihrem Freund trennen können, so Jennifer Werner.

Aufgebracht und schockiert seien sie gewesen und irritiert vom Verhalten der Polizei: Die habe sich nicht dafür interessiert, dass der Hitlergruß gezeigt und rechtsextreme Sprüche gemacht worden seien. "Schlimmer noch: Sie haben mit dem Angreifer gelacht - und uns aufgefordert, nicht von Nazis zu sprechen, weil wir damit die Gruppe provozieren würden." Sie hätten sich nicht wie Opfer gefühlt, sondern seien von der Polizei wie Täter behandelt worden, kritisiert Jennifer Werner, die sich gestern mit dem Vorfall an die Öffentlichkeit wandte. Die Zeit in Erfurt sei insgesamt eine tolle gewesen, will sie nicht die kleine Gruppe vom Sonntagmorgen zum Anlass nehmen, ihren Studienaufenthalt in schlechtes Licht zu stellen, sagt sie. Es sei jedoch in den zwei Jahren in Erfurt auch in der Stadtbahn öfters vorgekommen, dass sie angepöbelt und beleidigt worden seien, weil sie sich als internationale Studierende auf Englisch unterhielten.

Die Polizei bestätigte auf Anfrage, dass es zu einer tätlichen Auseinandersetzung gekommen sei; einer, wie es sie an jedem Wochenende in Erfurt mehrfach gebe. Personen beider beteiligter Parteien seien alkoholisiert gewesen, es sei zu einer Schlägerei gekommen. Als die Polizei, alarmiert vom Türsteher des Restaurants, am Tatort erschien, habe keiner der insgesamt zehn Beteiligten etwas zum Geschehen sagen wollen, so Eckhart Deutschmann, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der Landespolizeiinspektion Erfurt. "Es wurden wechselseitig Anzeigen erstattet", weiß er aus Aktenlage zu berichten. "Wir brauchen Zeugen und deren Aussagen, um gegebenenfalls weitere Straftatbestände auszuermitteln", sagt er.

Die habe es Sonntag früh nicht gegeben. Gebe es aber einen rechtsextremen Hintergrund, werde dieser "100-prozentig verfolgt. Wir sind als Polizei keinesfalls auf dem rechten Auge blind", weist Deutschmann jeden Vorwurf in dieser Richtung zurück. "Jedes an eine Hauswand geschmierte Hakenkreuz wird von uns zur Anzeige gegen Unbekannt gebracht. Wenn wir in einem Fall wie diesem dagegen nicht handeln würden, wäre dies ein krasser Widerspruch", stellt sich der Polizeihauptkommissar vor seine Kollegen. Die seien sensibilisiert, sich im Fall der Fälle auch mit dem Staatsschutz in Verbindung zu setzen. Für die Studierenden bedauert er den Vorfall: "Das wirft kein gutes Licht auf unsere Stadt, die doch eine Studentenstadt ist."

"Es hilft nicht, die Öffentlichkeit zu bemühen: Wir brauchen die Zeugenaussagen", pflichtet auch Jürgen Loyen, Chef der Landespolizeiinspektion, seinem Pressesprecher bei.

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