„Smart oder süchtig?“ Der Umgang mit Handys, Apps und Internet

Erfurt/Weimar  Ob zu Hause, in der Schule, allein oder in der Clique: Handys und Smartphones sind aus dem Alltag der meisten Kinder nicht mehr wegzudenken. Zwei Informationsabende unter dem Motto „Smart oder süchtig?“ widmen sich in Erfurt und Weimar diesem Thema.

Eine Woche ohne Handy oder Smartphone - kaum denkbar für Jugendliche. Eltern und Interessierte können ihre Fragen zum Thema am Donnerstag in Erfurt und in zwei Wochen bei einer Veranstaltung in Weimar den Experten stellen. Foto: Armin Weigel

Foto: zgt

Wer kein Smartphone hat, wird schnell ausgegrenzt und gilt als uncool. Doch nicht nur Mobbing stellt ein Risiko im Zusammenhang mit den kleinen Telefonen dar, sondern auch Online-Zwang oder Spielsucht.

Zwei Informationsabende unter dem Motto „Smart oder süchtig?“ widmen sich in Erfurt und Weimar diesem Thema. Die TLZ sprach vorab mit Medienpädagogin Iren Schulz von der Uni Erfurt, die zu den Referenten der Veranstaltung gehört.

Frau Schulz, sind Smartphones eher nützlich oder gefährlich für Kinder?

So pauschal lässt sich das nicht sagen. Fest steht, dass Smartphones mit all ihren Möglichkeiten für Kinder auf jeden Fall zu viel sind. Grundsätzlich sind Handys und Smartphones aber eine große Erleichterung im Familienalltag, etwa wenn Eltern ihre Kinder erreichen wollen. Im eingeschränkten, kontrollierten Maße stellen Smartphones keine Gefahr dar.

Worin könnten diese Einschränkungen bestehen?

Generell sollten Kinder langsam an Handys und Smartphones herangeführt werden. Es sollten nicht gleich alle Apps heruntergeladen werden, die es gibt. Auch könnte der Internetzugang deaktiviert oder nur zeitweise aktiviert werden. Es geht jedoch nicht nur darum, dem Kind alles zu beschränken und zu verbieten, sondern begleitend auch zu erklären, warum es wichtig ist, dass man nicht überall seine Adresse und seinen Klarnamen angibt, oder warum Apps die Kontaktdaten und Fotos vom Handy abgreifen.

Irgendwann haben die Kinder auch gelernt, die technischen Sperren zu überwinden...

Genau. Insgesamt kann man sagen: So wie sinnvolle Erziehung auch nicht nur auf Kontrolle, Verboten und Bestrafung basieren darf, geht es auch bei Handys und Smartphones immer darum, Vertrauen zum Kind zu haben, ins Gespräch zu kommen und Interesse zu zeigen. Ich finde folgenden Vergleich schön: Früher sind Eltern ihren Kindern auch nicht ins Kinderzimmer hinterhergestiegen und haben nach dem Tagebuch gesucht, um da alles durchzulesen. Das sollte heute auch für Facebook und Smartphones gelten.

Gibt es Erkenntnisse, wie viele Kinder handysüchtig sind?

Das ist schwer zu sagen, auch ist der Suchtbegriff mit Vorsicht zu genießen. Die Frage ist, welche Kriterien man da heranzieht. Bis heute sind sich die Wissenschaftler nicht darüber einig. Übrigens ist die Medien-, Internet- oder Computerspielesucht nicht als Sucht anerkannt, für deren Behandlung dann eben auch die Krankenkassen aufkommen könnten. Grundsätzlich glaube ich, dass nur wenige Jugendliche und noch weniger Kinder wirklich süchtig sind. Dennoch ist jeder Betroffene einer zu viel, weshalb Prävention umso wichtiger ist.

Über die Eltern haben wir gesprochen. Welche Arten der Prävention gibt es noch?

Erwachsene sollten sich bewusst machen, dass sie eine große Vorbildfunktion haben. Kinder und Jugendliche wachsen in einer Gesellschaft auf, in der alle Tag und Nacht mit dem Bildschirm vorm Gesicht herumlaufen - das gucken die sich natürlich ab. Wenn beim Abendbrot die Erwachsenen die ganze Zeit bei Whats-App schreiben, bei Twitter herumsurfen oder auf Facebook posten, dann ist es nicht verwunderlich, wenn das abfärbt.

Ab welchem Alter bekommen Kinder heutzutage ein Handy?

Ein großer Türöffner ist der Schuleinstieg - wobei nicht pauschal gesagt werden kann, ab wann so etwas sinnvoll ist. Ein Smartphone mit allem Drum und Dran ist sicherlich erst ab einem Alter von zehn, elf Jahren angebracht. Nämlich dann, wenn die Kinder auch in der Lage sind, diese Anschaffung zu reflektieren und das Ausmaß zu verstehen, was dieser kleine Kasten alles mit sich bringt. Ein Handy, mit dem man nur telefonieren und SMS schreiben kann, kann man dem Kind vielleicht schon mit sechs, sieben Jahren überlassen. Die Studien zeigen aber, dass es damit auf jeden Fall schon vorher losgeht.

Auch wenn man mit dem Begriff Sucht vorsichtig sein sollte, ohne Handy geht es heutzutage kaum noch. Welche negativen Auswirkungen kann das auf den Alltag der Kinder und Jugendlichen haben?

Das hat eine ganze Menge Auswirkungen. Neurologen untersuchen zum Beispiel, welche Folgen es hat, wenn die Kinder abends im Bett noch die ganze Zeit mit ihrem Smartphone ’rummachen und auch nachts noch Nachrichten hereinkommen und der Bildschirm angeht. Da wird der Schlaf- und Biorhythmus gestört, man kommt gar nicht mehr zur Ruhe. Negativ ist auch, wenn mit den Möglichkeiten des Smartphones Mobbing betrieben wird oder sich neue Kosten- und Datenschutz-Fallen auftun.

Und was sagt die Sozialwissenschaft?

Spannend finde ich: Wenn Jugendliche ihr Handy mal nicht haben, sind sie sehr verunsichert. Wer nicht permanent seine Nachrichten checkt, weiß nicht, wo sich die Freunde treffen und was heute abgeht. Es geht aber nicht nur um Organisation von Beziehungen, sondern auch um emotionale Integration. Sich immer wieder rückzuversichern, dass man geliebt und „geliked“ wird, dass man wichtig und sichtbar ist – dafür brauchen vor allem Jugendliche ihre Smartphones.

Ihr Vortrag ist mit „Was Hänschen nicht lernt...“ überschrieben. Was genau sollte Hänschen denn lernen?

Was Hänschen in punkto Medienkompetenz nicht lernt, das wird Hans sich schwer erarbeiten müssen. Das heißt, die Förderung von Medienkompetenz kann nicht früh genug beginnen. Da sind nicht nur die Kinder und Jugendlichen gefragt, sondern auch ihre Eltern und Lehrer. Und überhaupt schaffen digitale Medien wie das Smartphone die Möglichkeit, das Generationen voneinander lernen. Die Kinder wissen über die Technik Bescheid, die Erwachsenen besitzen eher Weitsicht und soziale Erfahrungen – das sollte man unbedingt als eine Bereicherung betrachten und nutzen!

Donnerstag (12.03.2015), 19 bis 21 Uhr, Festsaal des Rathauses Erfurt; 26. März, 19 bis 21 Uhr, Saal der Stadtverwaltung, Weimar; Eintritt frei.

Zu den Kommentaren