Damit Oberhof als Touristenziel eine Zukunft hat – Probleme jetzt angehen

Oberhof  Bei den großen Projekten in Oberhof hat sich zuletzt vieles positiv entwickelt. Im touristischen Alltag geht es um Parkplätze, Fahrpläne und Schilder

Oberhof ist der bekannteste Wintersport- und Touristenort im Thüringer Wald. Millionen von Euro werden in die Kommune investiert, um sie auch abseits der Wintersportmonate zu einem Ausflugsziel zu machen. Die Übernachtungszahlen gehen jedoch kontinuierlich zurück.

Oberhof ist der bekannteste Wintersport- und Touristenort im Thüringer Wald. Millionen von Euro werden in die Kommune investiert, um sie auch abseits der Wintersportmonate zu einem Ausflugsziel zu machen. Die Übernachtungszahlen gehen jedoch kontinuierlich zurück.

Foto: Sascha Fromm

Wenn man es besser wüsste, könnte man annehmen, Claudia Scheerschmidt habe die Touristengruppe bestellt, die sich am Parkscheinautomaten am Grenzadler in Oberhof zu schaffen macht. Eben noch hat sie Sätze gesagt wie: „Und dann kommt der Gast und steht vor diesem Automaten und merkt, dass er nicht genügend Kleingeld dabei hat.“ Dann war sie in das Rennsteighaus gestürmt, das an diesem Parkplatz steht – um zu demonstrieren, dass es dort nicht möglich ist, einen Schein in Kleingeld zu wechseln. Nun stehen drei mittelalte Touristen vor dem Automaten. Und lesen. Und stehen. Und lesen. Und beginnen zu kramen.

Zwei Frauen haben Nordic-Walking-Stöcke in den Händen, die ihnen alsbald lästig werden, als sie in ihren Portemonnaies nach Münzen suchen. Der Mann geht nach ein paar Minuten zu seinem Auto, lehnt sich hinein und kramt dort nach weiterem Kleingeld. Nach etwa fünf Minuten ist der Automat gefüttert, der Parkschein im Auto platziert. Die zwei Frauen und der eine Mann brechen in den Wald auf. Endlich entspannen!

Dinge entwickeln sich in der kleinen Stadt positiv

Ganz anders als Scheerschmidt. Denn bei der SPD-Politikerin hat sich viel Unmut angesammelt. Sie ist tourismuspolitische Sprecherin der sozialdemokratischen Fraktion im Thüringer Landtag und war jahrelang ehrenamtliche Bürgermeisterin von Oberschönau, das direkt an Oberhof grenzt. Der Parkplatz am Grenzadler liegt zwar auf der Gemarkung Oberhofs, aber die Gastwirtschaft „Thüringer Hütte“, unmittelbar neben dem Parkplatz, steht auf Oberschönauer Gebiet.

Vieles, sagt Scheerschmidt, was in den vergangenen Monaten in Oberhof passierte, sei richtig und wichtig gewesen. „Ich will“, hatte sie schon am Telefon ein paar Tage vor diesem Termin erklärt, „ganz deutlich sagen: Hartmut Schubert macht da oben einen tollen Job.“

Schubert ist ebenfalls SPD-Mitglied und seit Ende 2018 der Oberhof-Beauftragte der Landesregierung. Alle Verantwortlichkeiten dafür, dass Oberhof als Touristenziel eine Zukunft hat – auch nach den für 2023 geplanten Weltmeisterschaften im Biathlon und Rennrodeln – laufen bei ihm zusammen. Schubert hat in den vergangenen Wochen bei vielen Gelegenheiten gesagt, nach seiner Wahrnehmung entwickelten sich die Dinge in der kleinen Stadt positiv. Beispielsweise beim geplanten Bau eines Luxus-Familienhotels.

Es fehlt an ganz vielen kleinen Dingen

Als Schubert vor Kurzem in Erfurt dabei war, als eine Image-Kampagne für Oberhof vorgestellt worden war – die den Ruf der Region bei Thüringern selbst verbessern soll –, hatte die Landrätin von Schmalkalden-Meiningen, Peggy Greiser, entschieden mit dem Kopf genickt, als Schubert betonte, die positive Entwicklung liege auch daran, dass das Klima unter den Männern und Frauen besser geworden sei, die in und für Oberhof arbeiteten.

Doch so sehr Scheerschmidt diesem Blick auf das Große auch zustimmt, so sehr ärgert sie sich über die vielen kleinen Dinge, die aus ihrer Sicht in Oberhof noch immer schief laufen. Und dies, obwohl seit Jahren klar ist, wie sehr sich die Stadt, die Region, ja der Tourismus dort verändern müssen, wenn man sich hier oben im Wettbewerb mit anderen Mittelgebirgsregionen behaupten will. „Es fehlt hier oben nicht an Millionen von Euro“, sagt Scheerschmidt. „Es fehlt an ganz vielen kleinen Dingen, die der Gast aber als erstes merkt. Das ist das, wo wir uns seit Jahren im Kreis drehen.“

Kai Wagner nickt, wenn Scheerschmidt ihren Unmut offen ausspricht. Er ist der Inhaber der „Thüringer Hütte“. Die Sache mit den Parkgebühren am Grenzadler ist dabei aus Sicht von Scheerschmidt und Wagner nur ein Beispiel dafür, wie sehr es in Oberhof oft im Kleinen hakt, bei Dingen, die „nicht viel Geld kosten, nur ein bisschen guten Willen“, wie Scheerschmidt das formuliert. Der Parkscheinautomat nimmt nur Münzen, bei einer Parkgebühr von zwei Euro pro Stunde. Wer ein paar Stunden wandern und unterwegs einkehren will, der muss zehn Euro in Münzen dabei haben, um sein Parkticket lösen zu können; besser zwölf Euro, um sich einen zeitlichen Puffer zu verschaffen. So viel Kleingeld, sagen Scheerschmidt und Wagner, hätten viele Touristen nicht bei sich. Und – was auch möglich ist – die Parkgebühren per Smartphone-App zu bezahlen, „ist nichts für 60- oder 70-Jährige“, sagt Scheerschmidt. Es gebe aber viele Wanderer in diesem Alter.

Veralteter Fahrplan sorgt für Unmut

Ein anderes Beispiel, von dem Scheerschmidt erzählt, handelt von einem Busfahrplan. Sie hat E-Mails und Fotos mit in Wagners Gasthof gebracht, die ihre Darstellung untermauern. Monatelang hing am Busbahnhof der Stadt ein veralteter Fahrplan. „Da standen Busse nach Schmalkalden dran, die es gar nicht mehr gab“, sagt Scheerschmidt. Erst als sie sich Ende Juli beim zuständigen Verkehrsunternehmen beschwert habe, sei der aktuelle Fahrplan nach einigen Tagen in Oberhof angebracht worden. Die Beschwerde von Scheerschmidt, so sagt sie es und so ist in einer E-Mail dokumentiert, war nach Darstellung des Verkehrsunternehmens „die erste und bisher einzige Beschwerde“ deswegen. Scheerschmidt sagt: Das stimmt nicht. Sie wisse von mindestens einer anderen Frau, die sich mehrfach auf den veralteten Fahrplan aufmerksam gemacht habe; ohne dass sich etwas änderte. Scheerschmidt sagt. „Der Punkt ist doch: Wenn in Oberhof ein Vierteljahr lang ein ungültiger Fahrplan aushängt, kann ich doch nicht einfach sagen: Nichts passiert, es gab nur eine Beschwerde.“

Außerdem ist da die Sache mit dem Rennsteighaus: Im Internet ist zu lesen, das Rennsteighaus am Grenzadler stehe seit 2014 ganzjährig für Gäste und Sportler zur Verfügung. Dort gebe es Ruhemöglichkeiten, Toiletten und Duschen sowie Spinde. „Während der Öffnungszeiten der Tourist-Information können Sie außerdem den Bike- und Wachsraum nutzen. Sie erhalten nicht nur Informationen zu Loipen oder Wanderwegen, sondern können auch Kartenmaterial käuflich erwerben.“ Das Haus sei ein „beliebter Servicepunkt vor und nach Einstieg in die Loipe, einer ausgedehnten Rad- oder Wandertour“.

Doch an diesem Tag ist im Rennsteighaus auch „während der Öffnungszeiten der Tourist-Information“ niemand anzutreffen. Mal wieder nicht, sagt Scheerschmidt. Wagner bestätigt das. Seit Wochen komme jemand zum Auf- und Zuschließen, sonst sei dort niemand drin, sagt er. Gäste können somit keine Informationen zu Wanderwegen erhalten, niemand kann Scheine in Münzen wechseln oder Kartenmaterial verkaufen. „Wer so was erlebt“, sagt Scheerschmidt, „kommt genau einmal nach Oberhof und dann nie wieder.“ Schon im Mai habe sie auf diese Diskrepanz zwischen den Angaben im Netz und den Zuständen im Rennsteighaus hingewiesen. „Seitdem hat es nicht mal jemand geschafft, die Internetseite anzupassen.“

Übernachtungszahlen in Oberhof sind seit Jahren rückläufig

Dann wäre da noch ein Schild, das auf den Hochseilgarten in Oberhof verweist, den es nicht mehr gibt… Die Sache mit den Pendelbussen zwischen Parkplätzen… Weiteres mehr...

All das ist aus Sicht von Scheerschmidt und auch Wagner dafür verantwortlich, dass die Übernachtungszahlen in Oberhof seit Jahren rückläufig sind, wenn auch mutmaßlich mehr Tagestouristen in die Stadt kommen, die in der Übernachtungsstatistik nicht berücksichtigt werden. „Ich sehe doch“, sagt Wagner, „was ich in meinen Büchern habe.“ Im Winter liefen die Geschäfte für ihn noch immer gut. Doch in allen anderen Monaten seien seine Gästezahlen selbst bei schönem Wetter rückläufig. „Früher war der Mai genial“, sagt Wagner. „Heute so lala.“ Die Gastronomen würden – vielleicht sogar mehr denn je – von der Wintersaison leben; trotz aller Versuche, die Region zu dem zu machen, was im Fachjargon „Ganzjahresdestination“ heißt. Also einen Ort, zu dem Touristen das gesamte Jahr über kommen.

Scheerschmidt und Wagner sind sich einig, woher einige Probleme rühren: Einerseits würden zu viele Menschen in Oberhof schon zu lange an zentralen Positionen sitzen. Viele seien inzwischen betriebsblind. Andererseits seien die organisatorischen Strukturen – mit Zweckverband und Gesellschaft und Kommune – zu kompliziert und würden überdies ständig umgestaltet. Da würden Verantwortlichkeiten hin und her und hin und her geschoben.

Nach dem Gespräch steht noch eine dreiköpfige Touristengruppe vor dem Rennsteighaus am Grenzadler. Eine Frau mit ihren beiden Enkeln im Grundschulalter. Die Tür ist geschlossen. Die Frau legt die Hand kurz an die Türstange, rüttelt daran, aber nicht fest genug, denn mit ein bisschen Kraft lässt sie sich aufziehen. Dann ziehen die drei weiter. Womöglich zur Thüringer Hütte, weil sie eigentlich nur im Rennsteighaus die Toilette benutzen wollen...

Übernachtungszahlen für Oberhof

  • 2018: 364.186 Übernachtungen bei 146.655 Gästeankünften
  • 2017: 389.249 Übernachtungen bei 161.478 Gästeankünften
  • 2016: 384.090 Übernachtungen bei 144.483 Gästeankünften
  • 2015: 429.746 Übernachtungen bei 159.470 Gästeankünften
  • 2014: 453.985 Übernachtungen bei 156.383 Gästeankünften
  • 2013: 428.020 Übernachtungen bei 157.125 Gästeankünften
  • 2012: 454.347 Übernachtungen bei 141.979 Gästeankünften

Quelle: Thüringer Landesamt für Statistik

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