Das einst schickste Feriendomizil der NVA im Thüringer Wald wird jetzt abgerissen

Frauenwald  Das Ende der maroden Anlage in Frauenwald ist eine der größten Ausgleichsmaßnahmen für Bau der 380kV-Trasse

Zuletzt ist nicht mal mehr im Herzen der Anlage auch nur ein kleines bisschen von dem Glanz geblieben, der sich zu DDR-Zeiten im Innere dieser Mauern erleben ließ.

Zuletzt ist nicht mal mehr im Herzen der Anlage auch nur ein kleines bisschen von dem Glanz geblieben, der sich zu DDR-Zeiten im Innere dieser Mauern erleben ließ.

Foto: André Heß

Es war die modernste Ferienanlage der NVA, jetzt gehört ihr Abriss zu den größten Ausgleichsmaßnahmen für den Bau der 380kV-Trasse: Gut 40 Jahre nach seiner Eröffnung bietet das einstige Erholungsheim Auf dem Sonnenberg in Frauenwald einen traurigen Anblick.

Zuletzt ist nicht mal mehr im Herzen der Anlage auch nur ein kleines bisschen von dem Glanz, ja vielleicht sogar dem Luxus, geblieben, der sich zu DDR-Zeiten im Innere dieser Mauern erleben ließ. Stattdessen liegt ein alter Schultisch in der Grube, die mal ein Schwimmbad war. Und zwei Autoreifen auf verrosteten Stahlfelgen. Dazu undefinierbarer Schutt, Schutt und noch mehr Schutt. An die Wänden des Beckens sind Graffitis gesprüht worden.

1,4 Millionen Euro für Rückbau eingeplant

Die Immobilie in Frauenwald, die heute eine Ruine ist, war zu DDR-Zeiten eines der größten Erholungsheime der Nationalen Volksarmee – kurz: NVA – und trug den Namen Auf dem Sonnenberg. Udo Beßer, ein 2008 pensionierter, ehemaliger NVA- und späterer Bundeswehr-Offizier, hat ein Buch über das Erholungsheim in Frauenwald und das gesamte Militärerholungswesen der ostdeutschen Streitkräfte geschrieben. Mit dem "gigantischen Plattenbau" sollte die angebliche Überlegenheit des Sozialismus auch in der Architektur zum Ausdruck kommen. Die "modernsten Gesichtspunkten der 1970er Jahre" kamen zum Tragen. Natur und Landschaft spielten keine Rolle.

Das einstige Vorzeigeheim sieht inzwischen aus, als sei in ihm Krieg geübt worden: zerborstene Fensterscheiben, zerbrochene Fließen, eingestürzte Deckenelemente, abgebröckelter Putz. Jetzt soll das einstige Erholungsheim komplett abgerissen werden. Bis Ende 2017, sagt ein Sprecher des Netzbetreibers 50Hertz, Dirk Manthey, solle die Immobilie dem Erdboden gleichgemacht sein. Wenn alles klappt wie geplant. Vielleicht auch bis Anfang 2018, wenn nicht alles klappt, wie geplant. Zum Beispiel, wenn die Fledermäuse kommen. "Wenn die drin sind, ist erst mal Baustopp", sagt Manthey. Aus Naturschutzgründen. Deshalb werde alles versucht, den Tieren während der Abrissarbeiten keine Nischen in dem Gebäude zu öffnen, in die sie einziehen könnten.

Dass sich mit Manthey der Vertreter eines Unternehmens aus der Energiebranche mit den Plänen für die letzte Lebensphase des NVA-Heims in Frauenwald so gut auskennt, hat damit zu tun, dass der Abriss des Gebäudes eine sogenannte Ausgleichsmaßnahme ist, zu der sich der Netzbetreiber verpflichtet hat. Weil er für den Bau der 380kV-Trasse quer durch Thüringen eine Schneise durch die Thüringer Landschaft gezogen hat. Um die Zerstörung der Natur zu kompensieren, wird eine vergangene Verschandelung der Landschaft zurückgenommen. Die dazu notwendigen Bauarbeiten, sagt Manthey, gehörten zu den aufwendigsten und teuersten, die 50Hertz im Zuge des Baus der Stromtrasse – die offiziell Südwest-Kuppelleitung heißt – vornehme. Für den zweiten Bauabschnitt der Trasse sei es sogar die größte Einzel-Kompensationsmaßnahme überhaupt. Etwa 1,4 Millionen Euro kostet der Abriss des Ex-Heims nach Angaben Manthey das Unternehmen; etwa sieben Millionen Euro insgesamt gibt der Netzriese für Ausgleichsmaßnahmen im Zusammenhang mit dem zweiten Bauabschnitt der 380kV-Trasse aus.

Ungewöhnlich ist es grundsätzlich nicht, dass Netzbetreiber wie 50Hertz als Ausgleich für den Bau von Stromleitungen statt Bäume zu pflanzen, alte Gebäude abreißen. Solche Wünsche, sagt Manthey, würden immer wieder an die Unternehmen herangetragen. Sowohl in Bad Blankenburg, in Großbreitenbach als auch in Altenfeld gelte deshalb die Formel: neue Leitung gegen Abriss alter Immobilien.

Zur Eröffnung gab es 1978 viele Orden und Prämien

Sollte das einstige Erholungsheim tatsächlich erst 2018 abgerissen sein, fände die Anlage ihr Ende ziemlich genau 40 Jahre nachdem sie mit großem Tamtam eröffnet worden war. Den Schilderungen von Beßer nach war das Heim im Oktober 1978 eingeweiht worden; vom damaligen Minister für Nationale Verteidigung, Karl-Heinz Hoffmann und zwar persönlich, was unterstreicht, welch große Bedeutung die SED- beziehungsweise die NVA-Führung dem Heim zumaßen. Auch andere DDR-Funktionäre seien damals nach Frauenwald gekommen, um die Immobilie zu eröffnen. "Wie immer zu derartigen Anlässen ‚hagelte’ es Orden, Ehrenzeichen und Prämien", schreibt Beßer. Das achtgeschossige Bettenhaus verfügte über 138 Zimmer mit 444 Schlafplätzen, deren Kurzzeit-Bewohner in Frauenwald praktisch jede Annehmlichkeit genießen konnten, die damals innerhalb des Militärerholungswesens der DDR zu finden war: eine Klubgaststätte, ein Tagescafé, einen Kiosk, eine Bibliothek, eine Disco, einen Kinosaal, zwei Fernsehräume, ein Billardzimmer, eine Kegelbahn, einen Tischtennisraum, eine Sauna und das sechs mal zwölf Meter große Schwimmbad. "In diesem Haus gab es keine Langweile", schreibt Hobby-Historiker Beßer. Ein umfangreiches Ausflugsprogramm gehörte dazu. Tagesfahrten gab es nach Angaben von Beßer etwa nach Erfurt, Eisenach und Sonneberg; Halbtagesfahrten unter anderem nach Oberweißbach, Oberhof, Suhl und Lauscha. "Da die Buskapazität begrenzt war, musst man früh erscheinen oder man musste eine Warteschlange in Kauf nehmen", heißt es in den Erinnerungen.

Bis zur Wende – die das Aus für das Militärerholungswesen der NVA im Allgemeinen und für das Haus Auf dem Sonnenberg im Speziellen – bedeutete, verbrachten nach Angaben Beßers insgesamt etwa 90 000 Menschen ihren Urlaub einmal oder mehrmals in dieser Immobilie; unter ihnen auch zahlreiche Kampfpiloten der DDR-Luftwaffe, die ab 1985 zu dreiwöchigen, sogenannten Konditionierungslehrgängen nach Frauenwald geschickt worden waren. Die sollten sie körperlich und geistig besonders fit halten für den sicheren Einsatz im möglichen Ernstfall.

Vergleichbar mit einer Vier-Sterne-Hotel heute

Einst konnten die Gäste in einer Sonderveranstaltung "dem Küchenleiter über die Schulter" schauen. 1979 war der erste deutsche Kosmonaut, Sigmund Jähn, mit seiner Familie hier Urlaubsgast. Die DDR-Teilnehmer der Olympischen Spiele in Lake Placid waren zu einer Auszeichnungsveranstaltung hier empfangen worden. Beßer sagt, dass das modernste Ferienheim der NVA w, "vergleichbar mit einem Interhotel der DDR oder einer heutigen Vier-Sterne-Herberge" war. Für sie alle hat Beßer einen Rat: "Sie sollten diesen Ort heute meiden und sich an die schöne Zeit erinnern."

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