Einer Nordthüringerin wird nach Krebserkrankung die gewünschte Umschulung verwehrt

Sollstedt/Erfurt  Eine Nordthüringerin überwindet den Krebs, kann aber nicht zurück in ihren alten Beruf als Altenpflegerin. Also strebt sie eine Umschulung zur Logopädin an. Die wird ihre aber von der Deutsche Rentenversicherung (DRV) verwehrt.

Maike K. aus Sollstedt bei Nordhausen (nicht mit der abgebildeten Person identisch) soll an einer Depression leiden. Deshalb kann sie aus Sicht der Deutschen Rentenversicherung nach ihrer schweren Krebserkrankung nicht zur Logopädin umgeschult werden. Foto: Marco Kneise

Maike K. aus Sollstedt bei Nordhausen (nicht mit der abgebildeten Person identisch) soll an einer Depression leiden. Deshalb kann sie aus Sicht der Deutschen Rentenversicherung nach ihrer schweren Krebserkrankung nicht zur Logopädin umgeschult werden. Foto: Marco Kneise

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Maike K.* aus Sollstedt bei Nordhausen hat das Leben wahrlich schon übel mitgespielt: Vor 18 Jahren erkrankte die heute 48-Jährige, deren jüngstes Kind damals gerade erst ein Jahr alt war, zum ersten Mal an Krebs, im vergangenen Jahr dann ein zweites Mal. Die Nordthüringerin litt im Vorjahr an einem großen Liposarkom, einem bösartigen Tumor des Weichteilgewebes, und musste drei Operationen und Bestrahlungen über sich ergehen lassen.

Inzwischen geht es ihr wieder gut. Sie fühlt sich sogar so weit wieder hergestellt, dass sie bald arbeiten gehen möchte. Allerdings ist ihr das in ihrem erlernten Beruf als Altenpflegerin nicht mehr möglich. Es wäre körperlich und psychisch zu anstrengend, auch wenn sie diese Tätigkeit in all den Jahren gern ausgeübt hat. „Außerdem pflege ich zu Hause noch meine Mutter. Allein das fordert mich schon sehr.“

Maike K. muss sich also beruflich neu orientieren. Sie selbst könnte sich gut eine Ausbildung zur Logopädin vorstellen. „Da könnte ich auch meine langjährigen Erfahrungen einbringen, zum Beispiel aus der Arbeit mit Wachkoma-Patienten“, sagt die dreifache Mutter, die von sich sagt, dass sie sehr motiviert und voller Tatendrang ist und sich auf ihre zweite Chance freut. Außerdem seien die Perspektiven, als Logopädin eine Stelle zu finden, sehr gut – Logopäden werden gesucht.

Doch der für Maike K. zuständige Kostenträger, die Deutsche Rentenversicherung (DRV), spielt dabei nicht mit. Zwar ist er bereit, ihr eine Umschulung zu finanzieren, nur eben nicht zur Logopädin. Stattdessen bot ihr die Rehafachberaterin der DRV eine Umschulung zur Kauffrau im Gesundheitswesen oder im Büromanagement an – beides Berufe, die für Maike K. nicht in Frage kommen. „Ich finde Büroarbeit schrecklich“, sagt die 48-Jährige. „Jeder, der mich kennt, weiß, dass das nichts für mich wäre. Ich brauche eine Arbeit, bei der ich es vor allem mit Menschen zu tun habe.“

Doch aus Sicht der DRV sprechen bei Maike K. gesundheitliche Einschränkungen dagegen, dass die Nordthüringerin zur Logopädin umgeschult wird. „Es sind Einschränkungen vorhanden, die das unmöglich machen“, sagt Andreas Walther, Sprecher der DRV Mitteldeutschland in Erfurt. Maike K., die bereits den Eignungstest an der Logopädieschule „Die Schule“ in Erfurt bestanden und dort auch einen Platz für das am 1. August beginnende neue Ausbildungsjahr bekommen hat, weiß natürlich, wovon die Rede ist: Als sie von der DRV zur Arbeitserprobung zum SRH Berufsförderungswerk Heidelberg – einer Spezialeinrichtung der beruflichen Rehabilitation – geschickt wurde, wurde sie dort mit zwei Hemmnissen konfrontiert: Zum einen habe sie Probleme beim räumlichen Sehen, was ihr als Logopäden beispielsweise das Erkennen des Lippenverhaltens von Patienten unmöglich machen würde, zum anderen leide sie an Depressionen. Maike K.: „Diese Diagnose wurde 1998 zwar gestellt, doch ich war nicht einen einzigen Tag wegen Depressionen krankgeschrieben. Ich denke, ich war damals am Rande eines Burnouts – vollbeschäftigt in der Altenpflege und mit drei kleinen Kindern.“

„Ich fühle mich diskriminiert“

Dass sie bis zu ihrer schweren Krebserkrankung zwar in der Altenpflege tätig sein konnte und durfte, nun aber plötzlich nicht für die Arbeit mit älteren Menschen als Logopädin geeignet sein soll, will ihr nicht in den Kopf. Genauso wenig, warum schon Blinde zu Logopäden ausgebildet wurden, bei ihr aber das unzureichende räumliche Sehen einer Umschulung im Wege stehen soll.

Maike K. fühlt sich diskriminiert und ausgegrenzt. Und will, wenn alle Stricke reißen, die Ausbildung zur Logopädin nun allein finanzieren. Was schwer genug wird. Denn schon jetzt kommen sie und ihre jüngste Tochter (19) mit dem derzeitigen Krankengeld von rund 800 Euro im Monat nur hin, weil sie mit der Großmutter unter einem Dach leben. Doch die Aussicht, bis zur Rente in knapp 20 Jahren in einem ungeliebten Beruf ausharren zu müssen, raubt Maike K. jeglichen Mut.

Nicht nur sie selbst findet, dass sie für den Beruf der Logopädin geeignet ist, auch ihre Hausärztin und ihr Psychologe meinen das, wie sie selbst sagt. Und seien sprachlos ob der Gründe, die die Deutsche Rentenversicherung gegen die von Frau K. gewünschte Profession ins Feld führt. Zumal auch ein erst im März erstelltes phoniatrisches Gutachten ihr bescheinigt, dass sie gute Voraussetzungen für einen Stimm- oder Sprechberuf mitbringt.

DRV-Sprecher Andreas Walther indes meint, dass sich Frau K. da „in etwas verrannt hat“ und „uneinsichtig“ ist. Die Unterlagen, aus denen er aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht zitieren könne, sprächen eine eindeutige Sprache. Zudem gibt er zu bedenken, dass es sich schließlich um Versichertengelder handelt, die in eine Umschulung fließen, „und die dürfen nicht in den Sand gesetzt werden“. Frau K. habe die Möglichkeit, in Widerspruch zu gehen – aber abgesehen davon, dass dessen Klärung Monate dauern könne, seien ihre Aussichten auf Erfolg eher gering.

(* der vollständige Name ist der Redaktion bekannt)

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