Erfurter Bischof Neymeyr: „Die AfD ist keine rechtsextreme Partei“

Erfurts katholischer Bischof spricht im TLZ-Interview über die Flüchtlingsfrage, das Abschalten der Dombeleuchtung zu AfD-Demos, Abschiebungen, Bundeskanzlerin Merkel und das Zölibat.

Seit einem Jahr im Amt: Ulrich Neymeyr kam aus dem Westen im Herbst 2014 als neuer Bischof ins hiesige Bistum. Seinen Sitz hat er in Erfurt. Foto: Peter Michaelis

Seit einem Jahr im Amt: Ulrich Neymeyr kam aus dem Westen im Herbst 2014 als neuer Bischof ins hiesige Bistum. Seinen Sitz hat er in Erfurt. Foto: Peter Michaelis

Foto: zgt

Herr Bischof, die evangelischen Kirchen, aber auch die katholische Kirche engagieren sich sehr stark in der Flüchtlingspolitik. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, und der Vorsitzende der Evangelischen Kirchen Deutschlands, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, sprechen sich dabei sogar ab. Beide haben die Politik konkret aufgefordert, den Status von syrischen Flüchtlingen nicht zu verschlechtern. Sind die Kirchen da nicht viel zu tagespolitisch unterwegs, anstatt sich auf die großen Fragen des Glaubens und von Krieg und Frieden zu konzentrieren?

Das Wichtigste ist zunächst, dass sich die Kirchen zusammen mit den vielen Ehrenamtlichen, die es in der Gesellschaft gibt, ganz konkret um die Flüchtlinge kümmern. Das wird getragen von der christlichen Grundbotschaft. Es sind ja Menschen, die zu uns gekommen sind, Menschen, die unser Gründer Jesus Christus uns besonders ans Herz gelegt hat. Er hat sich sogar mit ihnen identifiziert, als er gesagt hat: „Ich war fremd und obdachlos und Ihr habt mich angenommen.“ Von daher haben wir auch einen besonderen Auftrag. Etwas anderes ist es, zu einzelnen konkreten Fragen in der Flüchtlingspolitik Stellung zu beziehen. Das muss man von diesem Grundauftrag unterscheiden.

Aber die Kirchen beziehen ja ständig Stellung zu politischen Detailfragen. Länder wie Österreich, Norwegen oder Dänemark haben jetzt beispielsweise den Nachzug von Familienangehörigen von Flüchtlingen erschwert. Die deutschen Kirchen sind strikt dagegen, aber sind das alles unchristliche Regierungen?

Nein. In dieser Frage geht es für mich gar nicht um das Prädikat christlich oder unchristlich, sondern es geht darum, dass wir aus unserer christlichen Perspektive in der politischen Meinungsbildung mitwirken. Unser Grundanliegen ist, dass Flüchtlinge bei uns als Nächste betrachtet werden und wie wir den Menschen hier konkret helfen können. Und dann müssen wir fragen: Wie können wir verhindern, dass die Menschen überhaupt von zu Hause flüchten müssen?

Alois Glück, der ehemalige Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, hat gesagt, jetzt immer noch mehr Flüchtlinge aufzunehmen, sei nicht christlich, sei unchristlich, weil es zu einer Überforderung unserer Gesellschaft führt. Liegt Glück Ihrer Meinung nach falsch?

Auch hier tue ich mich schwer, mit dem Prädikat christlich oder nicht christlich zu operieren. Aber ich sehe natürlich auch, dass manche Menschen bei uns mit der Situation rein praktisch überfordert sind. Deswegen sage nicht nur ich, sondern sagen auch die anderen katholischen Bischöfe, dass wir auch Menschen in ihre Heimat zurückbringen müssen, wenn sie hier keinen Anspruch auf Asyl haben. Herr Glück hat sich übrigens gegen eine Einschränkung des Familiennachzugs ausgesprochen, weil das die Spaltung von Familien bedeutet. Aber wenn wir Katholiken uns für einen Familiennachzug einsetzen, heißt das natürlich nicht, dass diejenigen automatisch als unchristlich zu bezeichnen wären, die sagen, dieser Familiennachzug überfordert Deutschland. Das ist Teil der gesellschaftlichen Debatte, die politisch ausgefochten werden muss, an der wir als katholische Kirche selbstverständlich teilnehmen.

Polen beispielsweise ist ein sehr katholisches Land, weigert sich aber weitgehend, Flüchtlinge aufzunehmen. Diese Politik wird auch von den katholischen Bischöfen in Polen mitgetragen. Wie zerstritten ist die katholische Kirche in dieser Frage?

Wir haben da leider Gottes auch unter den katholischen Bischöfen keine europäische Einmütigkeit. Wir diskutieren und streiten darüber, kommen aber nicht auf einen Nenner.

In den meisten europäischen Ländern wird Angela Merkel für ihre Flüchtlingspolitik der offenen Grenzen heftig kritisiert. Kriegen Sie diesen Vorwurf auch von Bischöfen und Kardinälen aus anderen Ländern zu hören?

Nicht als Vorwurf, sondern als Hinweis auf die Konsequenzen, die es für Deutschland haben soll, dass wir jetzt so viele Flüchtlinge aufnehmen…

… Bislang sind in diesem Jahr schon mehr als 950 000 Flüchtlinge in Deutschland registriert worden, zudem halten sich vermutlich noch mehrere Hunderttausend nichtregistrierte bei uns auf. Wie viele Flüchtlinge, glauben Sie, kann Deutschland denn noch aufnehmen?

Da kann ich keine konkrete Zahl nennen, aber man merkt ja schon jetzt bei einer Million Flüchtlingen, dass das an die Kapazitätsgrenzen geht. Unsere Systeme der Registrierung, Versorgung und Verteilung der Flüchtlinge sind eindeutig überlastet. Aber wenn es so viele Asylbewerber gibt, denen zu Hause Gefahr für Leib und Leben droht, dann müssen wir sie bei uns aufnehmen und wir müssen Möglichkeiten finden, damit fertig zu werden. Hier sind natürlich auch die europäischen Partner gefragt. Ein Land allein ist mit der Situation der Flüchtlinge sicherlich überfordert.

Papst Franziskus hat seine Kirche dazu aufgerufen, in jeder katholischen Gemeinde und quasi in jedem Pfarrhaus Flüchtlinge aufzunehmen. Wie viele Flüchtlinge sind denn in den Gemeinde- und Pfarrhäusern Ihres Bistums bis jetzt aufgenommen worden?

Aktuell sind in 13 Pfarrhäusern und kirchlichen Wohnungen Flüchtlinge untergebracht. In den bewohnten Pfarrhäusern ist es oft nicht möglich, Flüchtlinge aufzunehmen, weil nicht genügend Platz da ist. Trotzdem gibt es immer wieder Pfarrer, die Flüchtlinge bei sich zu Hause aufnehmen.

Fordern Sie die Pfarrer des Bistums auf, der Vorgabe des Papstes umfangreicher als bisher nachzukommen?

Wir weisen natürlich immer wieder darauf hin, aber seien Sie sicher: Die konkrete Aufforderung des Papstes ist schon in jedem Pfarrhaus angekommen.

Dreimal haben Sie der AfD das Licht ausgeschaltet, als die Partei mit Veranstaltungen vor dem Erfurter Dom gegen die aktuelle Flüchtlingspolitik protestiert hat. Das war auch innerhalb der katholischen Kirchengemeinden umstritten. Haben sich Katholiken bei Ihnen deswegen beschwert oder gab es gar Kirchenaustritte?

Es haben einige Leute ihren Kirchenaustritt angekündigt. Ob sie das tatsächlich gemacht haben, weiß ich nicht, weil es immer etwas dauert, bis wir die Kirchenaustritts-Zahlen bekommen.

Werden Sie die AfD auch in Zukunft im Dunkeln protestieren lassen?

Wir haben noch nicht entschieden, wie es weitergeht, sollte es im Januar wieder AfD-Veranstaltungen am Dom geben. Sicher ist aber, dass wir eine große Unterstützung und Zustimmung für das Ausschalten des Lichts erhalten haben. Auch der Katholikenrat des Bistums hat uns dabei unterstützt Zudem unterstützt der Katholikenrat, dass sich das Bistum am Bündnis für Mitmenschlichkeit beteiligt hat. Im Katholikenrat sind alle Pfarreien des Bistums vertreten.

Ist für Sie die AfD eine rechtsextreme Partei?

Nein. Was ich an den Kundgebungen der AfD auszusetzen habe ist, dass Flüchtlinge da ausschließlich als Problem gesehen werden und nicht als hilfsbedürftige Menschen, die zu uns kommen. Gerade in dieser emotional aufgeheizten Atmosphäre, die wir zurzeit haben, muss immer wieder auch deutlich werden: Es sind Menschen, die aus lebensbedrohlichen Situationen hierher kommen.

Wie Sie sagten: nicht alle! …

… Aber selbst diejenigen vom Balkan, die sich dem Flüchtlingstreck angeschlossen haben, um aufgrund der wirtschaftlichen Situation in der Heimat ihr Glück zu versuchen, die wir jetzt wieder zurück schicken müssen, sind ja auch Menschen. Man muss sich mal in die Situation hineinversetzen, wie unzufrieden ein Mensch mit seinem Zuhause sein muss, wenn er sich zu Fuß in ein unbekanntes Land aufmacht. Auch jeder, den wir zurückschicken müssen, hat es verdient, hier als Mensch behandelt zu werden.

Halten Sie die Menschen, die an AfD-Veranstaltungen teilnehmen, für rechtsradikal?

Das sicher nicht. Aus vielen Zuschriften, die ich erhalte, weiß ich, dass sie das nicht sind. Viele Menschen haben sich an AfD-Kundgebungen beteiligt, weil sie den Eindruck hatten, dort sei der einzige Raum, in dem man auch Kritik an der Flüchtlingspolitik und an der Willkommenskultur äußern dürfe. Viele hatten die Befürchtung, die Flüchtlingspolitik würde bedeuten: Es kommen alle!

Angela Merkel hat eindeutige Signale in alle Welt ausgesendet, dass alle Flüchtlinge über unsere offene Grenze kommen können. Halten Sie das für richtig?

Aus heutiger Perspektive ist das nicht richtig, weil es Menschen dazu motiviert, sich jetzt erst recht auf den Weg zu machen. Die, die sich jetzt zum Kommen animiert fühlen, fehlen ja auch, um die Situation in ihrem eigenen Heimatland zu verändern und mitzugestalten. Das gilt besonders für die Balkanstaaten oder afrikanische Staaten, denen jetzt eine junge, agile Generation verlorengeht. Von daher kann es nicht das Ziel sein, dass alle hierher kommen.

Aber ziemlich viele sind unterwegs!

Ich glaube aber nicht, dass die Kanzlerin allen Flüchtlingen einen Freibrief ausstellen wollte. Ich hatte mit einem gewissen Staunen verfolgt, als die Kanzlerin in einem Fernsehinterview einem jordanischen Mädchen direkt ins Gesicht sagte: Du kannst nicht hier bleiben, du musst mit deiner Familie wieder nach Hause. Das Mädchen begann zu weinen, und die Kanzlerin ging nicht direkt auf ihr Schicksal ein. Dafür wurde Merkel öffentlich geprügelt, weil sie so eiskalt wirkte. Als sie sich dann von den Bildern von Flüchtlingsströmen im Budapester Bahnhof erweichen ließ, war es dann aber auch wieder falsch!

Staatspolitisches Handeln darf sich vielleicht nicht an Begegnungen mit Flüchtlingsmädchen oder Bildern von Flüchtlingsströmen orientieren, sondern an der Gesamtverantwortung!

Mag sein, aber in die Flüchtlingsfrage kam in dem Moment Bewegung, als deutlich wurde, Flüchtlinge sind Menschen. Das war, als das Bild von dem toten Jungen am Strand der Türkei um die Welt ging. Da lag der Fokus auf einmal nicht darauf, dass dort 1000 oder 2000 Leute ertrunken sind, sondern es war dieser eine Junge, dessen Schicksal die Menschen emotionalisierte. Einzelschicksale bewegen, aber natürlich muss eine Politikerin auch den Gesamtkontext sehen und die Folgen ihres Handelns bedenken.

Bei manchen Menschen ist der Eindruck entstanden, dass derjenige, der kritische Bemerkungen zur Flüchtlingspolitik öffentlich äußert, sofort in die rechte Ecke gestellt wird…

… Das ist noch nie so gewesen. Ich selbst habe beispielsweise schon im September in einem dpa-Interview gesagt, dass ich einen Abschiebestopp in diesem Winter angesichts der hohen Flüchtlingszahlen nicht für richtig halte, um die Menschen aufnehmen zu können, die an Leib und Leben bedroht sind. Diese Meinung wurde akzeptiert. Ich habe das Gefühl, dass derzeit alle Optionen der Flüchtlingspolitik öffentlich diskutiert werden können, ohne dass deswegen jemand in die rechtsextreme Ecke gestellt wird

Provokant gefragt: Es kann also auch noch jemand ein guter Katholik sein, der angesichts der täglich vielen 1000 Flüchtlinge beispielsweise die Schließung der Grenze fordert?

Ich kann jeden Innenpolitiker verstehen, der sagt, wir müssen wissen, wer sich in unserem Land aufhält. Ich kann verstehen, dass es Sicherheitsbedenken gibt, wenn Flüchtlinge unregistriert ins Land kommen. Aber wir dürfen das auch nicht überdramatisieren, denn in Deutschland haben sich schon immer illegale Ausländer aufgehalten, und die stellen auch kein riesiges Sicherheitsproblem dar.

Die Thüringer CDU hat sich, anders als die katholische Kirche, nicht an dem Bündnis für Mitmenschlichkeit beteiligt. Kritisieren Sie das?

Ich fand es sehr bedauerlich, weil es ja gerade ein Anliegen des Bündnisses war, über die Grenzen der Parteipolitik hinaus zu gehen. Im Manifest des Bündnisses steht ausdrücklich drin, dass es Probleme im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise gibt, die im Diskurs geklärt werden müssen. Deswegen hätte auch jemand mitmachen können, der eine restriktivere Asylpolitik möchte.

Die CDU hatte die Vermutung, die ganze Aktion würde inhaltlich von linken Gruppen dominiert und sah ihre Position nicht hinreichend berücksichtigt…

… Hätte ich den Eindruck gehabt, dass das Bündnis parteipolitisch in irgendeine Richtung tendiert, hätte das Bistum nicht mitgemacht. Für die anderen Religionsgemeinschaften gilt das sicher auch.

Und die AfD hat nicht mitgemacht, weil sie erst gar nicht gefragt wurde?

Ja, aber die CDU war von Anfang an mit Parteivertretern dabei. Später klang es dann so, als sei die CDU erst hinterher angesprochen worden.

Aus all dem ziehe ich das Fazit: Auch wer gegen die aktuelle Flüchtlingspolitik ist, ist als Katholik noch in den Reihen der Kirche willkommen!

Zunächst einmal ist es eine Frage, mit welcher Haltung Katholiken die Diskussion führen. Weiß und akzeptiert er, dass es Menschen aus bedrohlichen Situationen sind, die zu uns kommen? Spricht er mit Mitgefühl und Mitleid über diese Menschen? Aber keinem, der meint, unser Land sei überfordert, wird vorgeworfen: Du bist kein Christ oder Katholik mehr!

Es wird immer wieder gesagt, mit Papst Franziskus habe es einen sozialpolitischen Linksruck in der katholischen Kirche gegeben. Sehen Sie das auch so?

Ich sehe das nicht politisch. Es gibt jetzt eine deutliche Betonung der klaren Sicht auf die Menschen in Armutssituationen.

Die gab es doch eigentlich schon immer in der katholischen Kirche. Auch Benedikt XVI. hat dies immer wieder betont!

Aber Papst Franziskus legt durch Zeichen und Gesten einen ganz besonderen Schwerpunkt hierauf und er sagt, dass sich an der Hilfe für die Armen die Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche entscheidet. Das liegt natürlich auch an seinen Erfahrungen in Lateinamerika, wo die Armut viel größer ist als bei uns in Europa.

Was sagen Sie dann beispielsweise Katholiken aus dem europäischen Mittelstand, die nun fürchten, die Kirche sei nicht mehr für sie da?

Wenn man aufmerksam die Bibel liest, dann sieht man, dass auch Jesus eine Vorliebe für die Armen hatte, ohne dass er deswegen die Reichen verstoßen hätte. Er hat aber auch deutlich gesehen, dass der Reichtum eine Gefahr für den Menschen ist. Es besteht die Gefahr, dass Menschen zu sehr an ihrem Reichtum hängen und nichts davon hergeben wollen. Deswegen hatte schon Jesus eine Sympathie für die Armen. In dieser Linie steht Franziskus.

Was muss also jemand aus dem Mittelstand oder ein Unternehmer tun, wenn er ein guter Katholik sein will? Muss er dann noch mehr abgeben an die Armen als bisher?

Das machen ja die meisten Unternehmer, von denen ich auch in Thüringen zu einigen guten Kontakt pflege. Ein guter Unternehmer schafft Arbeitsplätze für Menschen und davon können dann ganze Familien leben. Die meisten Unternehmer unterstützen großzügig sozial-caritative Projekte, wenn sie um Hilfe gebeten werden. Wenn jemand ein erfolgreiches Unternehmen führt, dann kann auch ein schönes Vermögen zusammenkommen, aber dann hat man auch die Möglichkeit, mehr zu helfen. Deswegen ist der Reichtum an sich nichts Verwerfliches.

Der neue Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Thomas Sternberg, ist der Meinung, je weniger sich die katholischen Bischöfe in Fragen der Seelsorge einig seien, desto stärker mischten sie sich in politische Themen ein. Also die Tagespolitik als Flucht vor dem innerkirchlichen Glaubensstreit?

Diesen Eindruck habe ich nicht. Zunächst einmal haben sich Bischöfe schon immer auch in politischen Fragen zu Wort gemeldet. Die Flüchtlingskrise ist zudem auch eine Krise der Politik und steht deswegen ganz oben auf der Tagesordnung. Alle Menschen reden darüber. Es gab selten ein Thema, das die Menschen politisch so bewegt hat. Deswegen ist es verständlich und selbstverständlich, dass auch die katholischen Bischöfe diesbezüglich aktiv werden. Das ist aber kein Ablenken von den seelsorgerischen Herausforderungen, vor denen die katholische Kirche steht.

Geht die katholische Kirche jetzt den Weg der evangelischen Kirchen in Deutschland, die sich in der öffentlichen Wahrnehmung immer weniger um Glauben und Seelsorge kümmern, dafür aber immer politischer werden?

Das sehe ich grundsätzlich nicht so. Der Eindruck mag im Moment entstehen, weil die Asylpolitik stark im Fokus steht und die katholische Kirche in der Flüchtlingshilfe engagiert ist. Die vielen Menschen, die sich ehrenamtlich für Flüchtlinge einsetzen, bilden sich dabei auch eine politische Meinung. Derjenige, der Flüchtlinge kennt oder ihnen gar hilft, spricht ganz anders über sie als viele andere. Dann meldet er sich zu Wort und hat auch das Recht dazu. Wir Bischöfe werden oft gefragt, was meint ihr denn dazu? Man fragt uns das, weil auch die Katholiken sehr unterschiedliche Meinungen zu dem Thema haben.

Was halten Sie von der des Öfteren geäußerten Einschätzung: Die Konservativen in der Gesellschaft zahlen die Kirchensteuer und die Linken machen die Politik in der Kirche.

Wer macht denn die Politik? Wenn ich sehe, wer sich in den Katholikenräten oder auch in den katholischen Verbänden engagiert, dann sind da sicherlich nicht steinreiche Leute, aber Menschen, die gesellschaftlich arriviert sind, die ein geregeltes Einkommen haben und entsprechend auch Kirchensteuern zahlen. Diejenigen, die in den Kirchen Politik machen und politisch ihre Stimme erheben, sind Kirchensteuerzahler, seien sie nun „Konservative“ oder „Linke“.

Ist es eigentlich noch zeitgemäß, dass der Staat für die Kirchen die Kirchensteuer eintreibt und man erst ein Katholik in Deutschland sein kann, wenn man das zulässt?

Der Ursprung der Kirchensteuer ist ja eine Reaktion auf die Enteignung der Kirchen Anfang des 19. Jahrhunderts. Als Ausgleich dafür haben die Kirchen das Recht bekommen, von ihren Mitgliedern einen Beitrag einzufordern, über die staatlichen Finanzämter. Die machen das übrigens nicht kostenlos, sondern werden dafür bezahlt. Das ist ein gerechtes System, weil jeder neun Prozent seiner Einkommenssteuer an die Kirche abführt. Wer mehr verdient, zahlt mehr. Wer kein Einkommen oder ein geringes hat, zahlt nichts. Da das Steuergeheimnis gilt, wissen wir in der Kirche übrigens nicht, was unsere Mitglieder im Einzelnen verdienen.

Aber es treten doch Menschen wegen der Kirchsteuer aus der Kirche aus. Ohne sie gäbe es sicherlich mehr Katholiken!

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass mir jemals ein Katholik gesagt hat, er könne sich die Kirchensteuer nicht mehr leisten Es gibt Bestrebungen, keine Kirchensteuer zu zahlen, wenn man mit dem Kurs der Bischöfe nicht einverstanden ist. Austritte aus der katholischen Gemeinschaft werden meiner Bobachtung nach eher damit begründet, dass man mit der einen oder anderen Entscheidung in der katholischen Kirche nicht einverstanden ist.

Sie waren gerade beim Papst im Vatikan. Was gibt es Neues aus Rom?

Papst Franziskus hat einen sehr angenehmen Stil. Bis jetzt war es so, dass der Papst jedem Bischof eine kurze Audienz von einer Viertelstunde gewährte. Diesmal aber konnten sich die etwa 60 deutschen Bischöfe und Weihbischöfe in drei Gruppen aufteilen und jede dieser Gruppen hatte eine Stunde Zeit, mit dem Papst zu sprechen. Das Gespräch war sehr offen und Franziskus hat fast alles, was gesagt oder gefragt wurde, auf Deutsch verstanden. Nur ganz selten musste er mal bei seinem Dolmetscher nachfragen.

Was wurde erörtert?

Es ging natürlich um die Flüchtlingsproblematik, und es ging um mögliche Ergebnisse der Synode. Es ging aber auch um die ökumenische Situation in Deutschland. Und wir haben ganz offen über die Frage gesprochen, ob wir auch Nicht-Priester, also getaufte und gefirmte Christen, im kirchlichen Leben vor Ort verantwortungsvoller einbinden können.

Ist es noch ein weiter Weg bis zu einem gemeinsamen Abendmahl von katholischen und evangelischen Christen?

Ja, ich glaube, der Weg wird noch sehr lang sein. Die grundsätzliche Frage ist eben, ob man das gemeinsame Abendmahl gewissermaßen als das Ziel betrachtet, das man dann gemeinsam feiern kann, wenn Katholiken und Protestanten wirklich zu einer Gemeinschaft gefunden haben, oder ob man sagt: Das gemeinsame Abendmahl ist eine Stärkung auf diesem Weg.

Warum muss man dieses Ziel überhaupt erreichen angesichts der großen Unterschiede zwischen Katholiken und Protestanten?

Wieder zu einem gemeinsamen Abendmahl zu kommen ist wichtig, weil wir alle in den verschiedenen christlichen Denominationen Christen sind. Da drängt es einen doch zu sagen: Dann wollen wir auch in einer christlichen Gemeinschaft eins sein, weil wir so auch besser Zeugnis geben können, weil wir dann überzeugender sind.

Wann kommt Papst Franziskus nach Deutschland?

Das war kein Thema.

Die katholische Kirche steht auch in Ihrem Bistum vor große strukturelle Veränderungen, Pfarreien sollen fusioniert werden, offensichtlich weil das Geld knapper wird…

… nein…

… und die Folge wird sein, dass sie die Nähe zu den Gläubigen verlieren!

Der Grund ist nicht das Geld, sondern die rückläufige Zahl von Gläubigen und Priestern, also von Pfarrern.

Die Konsequenz ist dieselbe: Sie schwächen die lokale Verwurzelung der katholischen Kirche!

Man darf die Situation nicht schönreden, aber Tatsache ist doch, dass eine Pfarrei eben einen Priester an der Spitze braucht. Das zwingt uns einfach dazu, die Gebiete, für die ein Pfarrer zuständig ist, zu vergrößern. Ich hoffe sehr stark, dass das die Präsenz der Kirche vor Ort nicht schwächt und wir am Ende nur noch einige wenige Kirchenzenten in unserem Bistum haben.

Welche Rolle spielen katholische Laien, um die Kirche aufrecht zu erhalten?

Meine vielen Besuche auch in vielen kleineren Gemeinden, etwa in Eichsfeld-Dörfern, stimmen mich sehr zuversichtlich. Getaufte und Gefirmte gestalten dort sehr aktiv das kirchliche Leben. Das geht soweit, dass Laien sogar einem Gottesdienst vorstehen. In unserem Bistum gibt es schon seit 50 Jahren Diakonatshelfer, die priesterlose Gottesdienste feiern.

Welche Rolle spielt das Zölibat beim Priestermangel?

Der Zölibat spielt sicherlich eine Rolle, aber nicht unbedingt die ausschlaggebende. Ich glaube, es wird für junge Menschen immer schwieriger, sich mit der Aufnahme eines Studiums schon für einen bestimmten Beruf zu entscheiden. Das muss man aber tun, wenn man katholische Theologie studiert, weil man außerhalb der Kirche nur vage Möglichkeiten hat, eine Beschäftigung zu finden.

Ihrer Meinung nach sollte die katholische Kirche am Zölibat festhalten?

Ja.

Wie stehen Sie dazu, wiederverheiratete Geschiedene zur Eucharistiefeier zuzulassen?

Wenn ein Geschiedener in einer neuen guten, stabilen Beziehung lebt und er deutlich sieht, warum die erste in die Brüche gegangen ist, und wenn auch für mögliche Kinder aus der ersten Beziehung gut gesorgt ist, dann sollte er auch die Möglichkeit haben, wieder an der Eucharistie teilzunehmen. Das ist meine persönliche Meinung, weil der Geschiedene dadurch ja auch gestützt und gestärkt wird auf seinem Glaubensweg. In der Bischofssynode wurde das kontrovers diskutiert, jetzt muss der Papst eine letzte Entscheidung treffen.

Das könnte das Leben von vielen Millionen Katholiken dramatisch verändern!

Das könnte so sein, aber mir schwebt vor, dass es für Geschiedene keinen Automatismus gibt, wieder an der Eucharistie-Feier teilzunehmen. Das muss ein begleiteter Prozess sein. Die Geschiedenen müssten mit ihren Seelsorgern sprechen und man müsste sich dann ehrlich anschauen, was in der ersten Ehe war und wie jetzt die zweite läuft. Es müsste ein wirklich gutes, klärendes Gespräch stattfinden.

Aber niemand weiß, wie sich der Papst entscheiden wird?

Ja.