„Oh Pfarrer, mein Pfarrer“: So verabschiedet Weimar Carsten Kämpf

Weimar  Pfarrer Carsten Kämpf hat seinen Abschiedsgottesdienst in Weimar hinter sich. Und er findet nochmal deutliche Worte für die erzkonservativen Kreise in der Herz-Jesu-Gemeinde. Die hat sich selbst Bischof Neymeyr nicht entgehen lassen. Doch auch er steckte Kritik ein.

Pfarrer Carsten Kämpf bei einem Gottesdienst auf dem ehemaligen Lagerbahnhof am KZ Buchenwald. Foto: Michael Grübner

Pfarrer Carsten Kämpf bei einem Gottesdienst auf dem ehemaligen Lagerbahnhof am KZ Buchenwald. Foto: Michael Grübner

Foto: zgt

Der Abschiedsgottesdienst für Pfarrer Carsten Kämpf geriet zu einem Fanal des Aufbruchs: Bischof Ulrich Neymeyr erteilte den erzkonservativen Kreisen innerhalb der Herz-Jesu-Gemeinde eine deutliche Absage: „Bestrafen Sie diesen unseligen Internetblog mit Missachtung.“ Gleichzeitig distanzierte er sich von der Piusbruderschaft, die in Thüringen offenbar Fuß fassen will.

Es war ein Moment, der allein Carsten Kämpf gehörte. Als seine Predigt endete, applaudierten die Menschen, sie erhoben sich von den Kirchbänken und spendeten minutenlang Beifall. Wenn man profane Vergleiche bemüht, dann erinnert man sich unweigerlich an jene Szene des Films „Der Club der toten Dichter“, in dem eine ganze Klasse ihrem Lehrer Respekt zollte und auf die Tische stieg. Dieses dann zu vernehmende „Oh Captain, mein Captain“ verwandelte sich am Sonntag, 30. August, in ein unausgesprochenes „Oh Pfarrer, mein Pfarrer“. Es war ein zutiefst emotionaler Beweis für den Rückhalt, den Kämpf in der Gemeinde genoss, an dem er manchmal aber auch zweifelte.

Die Herz-Jesu-Kirche war bis auf den letzten Platz gefüllt, am Eingang standen die Menschen, weitere Stühle mussten hineingeschleppt werden. Dass Ulrich Neymeyr nach Weimar kam, war nicht zu erwarten. Kämpf beklagte sich in einem Interview mit unserer Zeitung, den Rückhalt beim neuen Erfurter Bischof verloren zu haben. Gestern stellte sich dieser nun eindeutig hinter den Pfarrer und distanzierte sich von dem Blog „Pulchra ut Luna – Katholisch in Weimar“, deren Betreiber seit Jahren dem Weimarer Pfarrer das Leben erschwerten. Für seine Worte bekam Neymeyr spontanen Applaus, wenngleich er sich später beim Sektempfang im Otto-Neururer-Haus auch Kritik gefallen lassen musste. Zu spät habe er als Bischof öffentlich Position bezogen.

Kämpf selbst betonte, den Bischof nicht erwartet zu haben. Dass er am Sonntagmorgen plötzlich in der Sakristei gestanden habe, gehöre zu „den Überraschungen des Lebens, mit denen man leben müsse“. Er hielt seine Predigt nicht hinter einem Pult, sondern stellte sich mit einem Mikrofon in der Hand in den Mittelgang der Kirche. „Wenn wir uns nur ans Gesetz halten, werden wir herzlos“, urteilte er auch über die Rolle der Traditionalisten. Das Herz werde verschmutzt, doch auf das genaue Gegenteil komme es an. Es müsse rein sein. „Mit herzlicher Verbundenheit stehe ich vor der Gemeinde. Und ich freue mich, dass die Gemeinde ihr Herz öffnet.“ Neymeyrs Worte waren am Ende des Gottesdienstes zu hören. Und bis dahin blieb Kämpf durchaus kritisch und distanziert. „Ich bin dankbar, dass ich das sagen durfte. Auch wenn mein Chef da ist“, betonte er.

Es war kein Zufall, dass sich die Auswahl der Texte und Lieder oft mit jener Situation beschäftigten, die Kämpf als Mobbing bezeichnete und die seine Gesundheit in Mitleidenschaft zog. So hieß es in einem Psalm auf die Frage „Herr, wer darf Gast sein in Deinem Zelt?“ unter anderem: „Der von Herzen die Wahrheit sagt und mit seiner Zunge nicht verleumdet; der seinem Freund nichts Böses antut und seinen Nächsten nicht schmäht.“

Neymeyr distanzierte sich von der reaktionären Piusbruderschaft, die seit 1988 von Rom getrennt ist und zu der die Betreiber es umstrittenen Blogs offenbar Kontakte pflegen. Dass es in Hopfgarten seit Dezember 2014 ein Messzentrum der Bruderschaft gibt, ist für Neymeyr auch ein Indiz dafür, dass die ul­trakonservative Gemeinschaft in Thüringen Fuß fassen will. Vor der Gemeinde warb der Bischof dafür, trotz des Konflikts einen guten Weg des Miteinanders zu gehen. Dies tat er auch mit Blick auf den Nachfolger Kämpfs: Der bisherige Jugendseelsorger im Bistum, Timo Go­the, wird am 6. September in der Pfarrkirche in sein Amt als Pfarradministrator für Weimar und die Filialgemeinden Bad Berka und Buttstädt eingeführt.