Luther als Comic-Figur: Mosaik-Stücke der Reformationsgeschichte

Erfurt/Eisenach  Luther ist nicht nur ein Thema für die Kirche, sondern auch den Staat: Den Jubiläumsbeauftragten Thomas A. Seidel graust es bei Quietsche-Enten, aber nicht beim Comic.

Luther als Pappaufsteller, der als Comic-Figur für ein Mosaikheft werben soll, das sich kindgerecht mit dem Reformator befasst. Es gibt Foto: Hendrik Schmidt

Luther als Pappaufsteller, der als Comic-Figur für ein Mosaikheft werben soll, das sich kindgerecht mit dem Reformator befasst. Es gibt Foto: Hendrik Schmidt

Foto: zgt

Thomas A. Seidel ist der Beauftragte der Thüringer Landesregierung zur Vorbereitung des Reformationsjubiläums „Luther 2017“ und als evangelischer Theologe von Haus aus Luther-Kenner.

Herr Seidel, ich habe in den vergangenen Wochen nicht nur einmal von Thüringern gehört: Warum müssen wir eigentlich 2017 so groß Luther feiern?

Wirklich?

Ja.

Kann ich mir gar nicht vorstellen. (lacht)

Der Gedanke, der dahinter steckt, ist doch: Warum ist das nicht nur ein kirchliches, sondern auch ein staatliches Ereignis?

Weil es kaum ein historisches Ereignis gibt, das nicht nur die Kirche, sondern eben auch die gesamte Gesellschaft und Kultur so nachhaltig verändert und geprägt hat wie die Reformation – und dies insbesondere in den Ländern, in denen die lutherische Reformation so stark gewirkt hat. Und das sind die drei mitteldeutschen Luther-Länder: Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen. Insofern gibt es einen Grund zu feiern für den Freistaat ebenso wie für die gesamte Bundesrepublik.

So eine Staatsfeier braucht ja Vorlauf...

Ja, der Deutsche Bundestag hat dazu bereits 2011 einen einstimmigen Beschluss gefasst – und das hat ja nun wirklich Seltenheitswert – dass das 500-jährige Reformationsjubiläum „ein Ereignis von Weltrang“ ist und als solches auch gestaltet und gefeiert werden kann und soll.

„500 Jahre Reformation“ wird von vielen auf „500 Jahre Luther“ verkürzt. Und manches nimmt doch durchaus Züge des Personenkults an, oder?

Ich kann gut verstehen, wenn manche Projekte und Events als Lutherkult wahrgenommen werden. Aber wir haben uns von Seiten des Freistaates Thüringen bemüht, immer wieder darauf hinzuweisen, dass es um eine Reformationsdekade geht und dass Martin Luther zwar unter den Reformatoren unbestritten der prominenteste ist und weltweit zu den bekanntesten deutschen Persönlichkeiten zählt, aber ohne das „Luther-Team“ hätte die Reformation nicht diese Wirkung gehabt. Ohne das Zusammenwirken vieler Männer und auch nicht weniger Frauen in Deutschland und Europa hätte diese Erneuerungsbewegung, dieser Mobilisierungsschub, keine solche Kraft entfaltet.

Zu Luthers Zeiten gab es revolutionärere Persönlichkeiten. Aber er hat sich durchgesetzt. Was lässt sich von Luther politisch lernen?

Gerade für Weimar ist das bedeutsam, denn dort sind in den Predigten zum Verhalten gegenüber der Obrigkeit die Grundzüge seiner politischen Ethik entstanden, die eine Langzeitwirkung haben – bis hinein in unser modernes Staat-Kirche-Recht. Martin Luther unterscheidet sich in dieser Frage stark von Thomas Müntzer, seinem revolutionären Gegenspieler: Zwar hat er mit Müntzer die Unterdrückung und Gewalt der Fürsten gegenüber den Bauern kritisiert, aber die Konsequenzen sind ganz unterschiedlich. Luther verteidigt ausdrücklich das Gewaltmonopol des Staates. Selbst wenn ein Fürst ungerecht sein sollte, begründet das noch keinen Aufruhr.

Schon in der Bibel steht: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist.

Das hätte Müntzer auch bestätigt. Aber er war noch stärker Apokalyptiker als Luther und vertrat die Position, es liege an uns Menschen, das Paradies vom Himmel auf die Erde zu ziehen – und sei es mit Gewalt. Und an der Stelle widerspricht Luther und hält dagegen, was auch für heutiges politisches Handeln gilt: Es geht bei allem Bemühen um eine gerechtere Gesellschaft nicht um die Realisierung eines Paradieses auf Erden.

Das gemeine Volk wurde gezwungen, die jeweilige Religion seines Herrschers anzunehmen. Wie erklärt sich dieser Durchgriff auf das, was wir heute für Privatsache halten?

Das war für die damalige Zeit im Ergebnis des Augsburger Religionsfriedens von 1555 durchaus eine Innovation und ein Beitrag zur Humanisierung des Rechts. Es wurde versucht, die Spannungen zwischen Religionsgruppen dadurch zu beseitigen, dass man Gebiete vereinheitlichte, homogenisierte – und die Minderheit zur Auswanderung zwang. Das ist zum Beispiel in Frankreich im 16. und 17. Jahrhundert mit den Hugenotten passiert und im Böhmen des 18. Jahrhunderts im Zuge der Rekatholisierung mit den von dort vertriebenen Evangelischen. Das ist aus heutiger Sicht gewiss keine gute Lösung.

Und wie sah Martin Luther diese Homogenisierung?

Er war der Ansicht, wie viele damals, dass eine Gesellschaft nur dann als friedlich denkbar und lebbar ist, wenn sie in den religiösen Bekenntnissen und auch ethnisch homogen ist. Eine multikulturelle Gesellschaft war für diese Zeit völlig undenkbar. Das bezog sich auch auf das Verhältnis zu den Juden. Hier ist Martin Luther besonders scharf zu kritisieren, da er vor allem am Ende seines Lebens schrecklichste Dinge über die Juden sagt. Aber auch hier finden wir dieses Bild von einer homogenen Gesellschaft. Luther stand da keineswegs allein. Er sah sich damit durchaus in enger Verbindung beispielsweise zu den großen Humanisten wie Erasmus von Rotterdam. Der hatte schon etliche Jahre früher gefragt, warum Deutschland nicht endlich, wie die Franzosen einige Zeit zuvor, seine Juden ausweise...

Mit der Forderung nach der Homogenität hätte Martin Luther im vergangenen Winter bei den Demonstranten auf dem Erfurter Domplatz gewiss auch Zustimmung erhalten...

Ja, das ist ganz offenkundig ein altes und zugleich auch ein aktuelles Thema. Diese Demonstrationen unter den Pegida- oder Thügidaflagge...

... auf den Domplatz hatte die AfD eingeladen...

... oder auf Einladung der AfD haben auch diesen Aspekt. Ich plädiere dafür, bei solchen Erscheinungen zumindest so weit den kritischen Blick nicht zu verlieren und die politische Urteilskraft zu schulen, als wir es aktuell eben auch mit Entheimatungsprozessen zu tun haben, die sowohl die Flüchtlinge als auch hiesige Menschen, in unterschiedlicher Weise, be­treffen.

Inwiefern?

Die Menschen, die zu uns kommen, werden ihrer Heimat beraubt. Sehr unterschiedliche Lebensweisen und Kulturen stoßen aufeinander. Und auch die Menschen hier in den neuen Ländern hatten nach 1989 gravierende Anpassungsleistungen zu erbringen. Das heißt, hier sehen Menschen das Vertraute, ihre Heimat, in eigentümlicher Weise bedroht. Ein grundlegender Konsens sollte für alle gelten: Gewalt ist in jedem Fall schärfstens abzulehnen. Wenn Menschen das Gefühl haben: Hier verändert sich etwas gravierend und das bedroht mich, wie real das auch im Einzelnen sein mag, muss man dies als Problem und als Anfrage an staatliches Handeln ernst nehmen. Weder verteufeln noch vertuschen hilft uns weiter. Wichtig ist es, eine Sprache zu finden, die ein gewaltfreies, streitbares Miteinander möglich macht und wechselseitiges Vertrauen schafft.

Religiöse und gesellschaftliche Homogenität hatten wir in Deutschland ja bis weit nach dem Zweiten Weltkrieg in vielen Gegenden. Bis dahin gab es viele Ortschaften und Gebiete, die rein katholisch oder evangelisch waren. Durch Flucht, Vertreibung und Neuansiedlung hat sich vieles verändert...

Ja. Doch diese Entheimatung als Beispiel für die aktuelle Flüchtlingskrise anzuführen, trifft das Problem nicht wirklich. Es macht doch einen erheblichen Unterschied, wenn Katholiken aus dem vormaligen so genannten Ostgebieten in das evangelische Mitteldeutschland kamen oder wenn heute vorwiegend junge Männer, zumeist Muslime unterschiedlicher, zum Teil verfeindeter Glaubensrichtungen, aus Afrika, dem Nahen Osten oder Asien zu uns kommen. Die Auseinandersetzungen nach 1945 wegen der neu Hinzugekommenen waren schon nicht gering, obwohl sie alle Deutsch sprachen und die Basis einer gemeinsamen Kultur und Geschichte hatten. Wir hatten trotzdem für etliche Jahre eine Abschottung der Aufnahmegesellschaft in Ost- wie Westdeutschland oder auch das Bestreben der Minderheit, ihre Herkunftskultur um jeden Preis aufrecht zu erhalten.

Und Luther heute: eine Playmobil-Figur. Ein Marketing-Artikel. Was kommt noch?

Eine Luther-App: „Luther to go“, „Luther zum Mitnehmen“. Die Thüringer Tourismus GmbH (TTG) macht‘s möglich, mit dem eigenen Smartphone die besonderen Geheimnisse des Thüringer Lutherweges zu entdecken. Klar ist: Die Aufmerksamkeit für unsere Region wächst. Das hat mir jüngst die TTG-Chefin Bärbel Gröne­gres bestätigt. Wir wollen natürlich Thüringen auch über das Reformationsjubiläum 2017 hinaus bekannt machen als eine wunderbare Kulturlandschaft, die vieles zu bieten hat mit Luther, Bach, Goethe, Schiller, Bauhaus... Derzeit ist für das Jahr 2017 ein Merian-Sonderheft in Arbeit zu den touristischen Schätzen im Lutherland-Thüringen.

Ich seh‘ schon das Pokémon in der Lutherstube sitzen... Wo ist für Sie die Schmerzgrenze bei der Luther-Kommerzialisierung?

Schmerzgrenzen sind von Mensch zu Mensch verschieden... Bei mir ist es beispielsweise die Luther-Quietsche-Ente...

... die man beim Entenrennen auf der Gera in Erfurt einsetzen könnte... Quietschen Sie da?

Für mich ist dies nicht gerade geschmackvoll oder passend. Aber wenn meine Enkelkinder damit gerne spielen würden, würde ich es ihnen nicht aus Hand schlagen. „Kinder sind ein köstlicher Schatz“, hat Luther gesagt und er hat recht damit. Da muss man eben die eigenen Vorlieben ein wenig hintan stellen.

Es gab ja mal in Erfurt zur Theater-Eröffnung eine Lu­theroper, da wurde der Lu­therhaushalt so dargestellt, als seien Katharina von Bora und ihre ehemaligen Mitschwe­stern den leichten Mädchen zuzurechnen. Sex sells...

Ich finde das völlig daneben. Gute Theatermacher meinen ja mittlerweile Gott sei Dank nicht mehr, dass ein Stück erst dadurch interessant wird, indem man pseudofaschistisch poltert oder den Stoff pornografisch aufmacht. Und so gibt es gewiss spannendere Zugänge zur Reformation und zu Martin Luther. Auf den neuen Film zu Katharina von Bora dürfen wir zum Beispiel gespannt sein.

Dann lassen Sie uns mal über gelungene Hinführungen zu Luther sprechen. Haben Sie da ein Beispiel?

Ja. Kennen Sie die „Mosaik“-Hefte?

Klar.

In der neuen Reihe haben sich die Abrafaxe des Reformationsgeschehens angenommen. Das wird auf eine ganz großartige, kindgemäße Weise erzählt – mit sehr schönen Zeichnungen. Und man merkt: Die Macher haben sich sehr intensiv mit dieser Zeit befasst. Da wird aus der Perspektive von Michael aus Mansfeld, eines lustigen und talentierten Lehrlings bei Lucas Cranach, die Reformationsgeschichte erzählt.

Warum ist es gerade wichtig, Kinder an das Thema heranzuführen?

Wir wollen ja nicht nur irgendwie die Vergangenheit zelebrieren. Es sollte uns gemeinsam daran liegen, Ereignisse, die eine historische Langzeitwirkung haben, vor allem für die nachwachsende Generation nachvollziehbar und spannend zu halten.

Martin Luthers Leben ist eine Geschichte voller dramatischer Situationen, fast wie in heutigen Drehbüchern: Ein Gewitter bei Stotternheim ändert sein Leben. Er schlägt die Thesen an Wittenbergs Kirchentür. Sagen, Märchen, Wahrheit?

Wir beobachten bei Luther wie bei vielen Genies die Neigung zur eigenen Glorifizierung. Luther unterscheidet sich da in Nichts von Goethe, wenn es darum geht, schon zu Lebzeiten an der eigenen Legende mitzubauen. Dazu gehört sein theatralisches Erzählen und Einordnen der eigenen Biografie in den so genannten „Tischreden“. Der verklärte Rückblick auf das Blitz-Ereignis bei Stotternheim oder der Moment, als er auf dem „Locus“ in Wittenberg zu der Erkenntnis kommt, dass wir allein durch Gnade befreit sind und nicht durch unsere eigenen Projekte und Projektionen.

Beim Tintenfass, das er auf der Wartburg Teufeln entgegenschleudert haben soll...

... kommt zur Selbst-Inszenierung des Meisters, dass seine zahlreichen Fans dies dann weiter pflegten.

Inwiefern?

Das ging beispielsweise so weit, dass im 19. Jahrhundert der Tintenfleck auf der Wartburg immer wieder erneuert wurde, weil die damaligen spirituellen oder nicht-spirituellen Touristen immer wieder ein wenig Putz mit der vermeintlichen Luther-Originaltinte mit nach Hause nehmen wollten. Klar ist: Solche Simplifizierungen werden dem Grundanliegen der Reformation nicht gerecht. Aber sie steigern offenbar die Neugier. Menschen waren und bleiben neugierige Wesen. Und das ist ja auch nicht schlecht. Oder?

Zum Thema: Vereinnahmt für die Verankerung im Weltmaßstab

In der DDR gab es die Müntzerstadt Mühlhausen und die Lutherstadt Wittenberg. Wie kam es dazu?

Aus Sicht von Thomas A. Seidel, dem Beauftragten für „Luther 2017“ in Thüringen, stellt sich das so dar: Zunächst wurde Müntzer ideologisch gegen Luther in Stellung gebracht, als der vermeintlich wahre Revolutionär, in dessen Traditionslinie sich die Arbeiterbewegung befinde. „Noch heute sehen das sicher Teile der Partei Die Linke oder auch andere Ex-DDRler so“, ist er sich sicher. Luther war in dieser sehr eng geführten Sichtweise der Fürstenknecht, der das einfache Volk verraten hat.

Später – insbesondere im Zuge des Luther-Jubiläums 1983 – wurde unter Erich Honecker der Versuch unternommen, „dieses Klein-Deutschland namens DDR im Weltmaßstab doch stärker zu verankern und Anschluss zu finden an die komplette deutsche Vergangenheit, inklusive der lutherischen Reformation“, so Seidel im Gespräch mit der TLZ.

Auf die Frage, ob dieser Schwenk im SED-Staat für alle verständlich war, sagt Seidel: „Ich kann mir vorstellen, dass das es den einen oder anderen aufrechten SED-Menschen gehörig verunsichert hat, als plötzlich Luther vom Politbüro aufs nationale Podest gehoben wurde.“

Dass Luther so ein wenig zurechtgebogen wurde, war nicht ganz neu: „Dieses Phänomen der Be- oder Umnutzung Luthers gab es auch vorher. Und die machtinteressengeleitete Anpassungsfähigkeit der kommunistischen Ideologie kann man im 20. Jahrhundert auch an anderen Beispielen studieren“, so Seidel.

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