Lebensmitteleinzelhandel, Restaurants und Co.: Eine Branche mit vielen schwarzen Schafen

Erfurt  Verschimmelte Ware, ungelernte Kräfte, Verbrauchertäuschung: Die Thüringer Lebensmittelkontrolleure kämpfen mit zahlreichen Problemen. Wir haben mit einer Lebensmittelkontrolleurin gesprochen.

Lebensmittelkontrolle in einer Fleischerei. 

Lebensmittelkontrolle in einer Fleischerei. 

Foto: Landratsamt/Brit Wollschläger/Archiv

Doris Blechschmidt, seit 1982 Lebensmittelkontrolleurin in Erfurt, steht seit 2014 an der Spitze des Thüringer Landesverbandes der Lebensmittelkontrolleure. Wir sprachen mit ihr über die Inspektion von Töpfen, Theken und Tiefkühltruhen.

Was war das Schlimmste, was Ihnen in jüngster Zeit bei einer Kontrolle unterkam?

Mmmh, lassen Sie mich nachdenken… Das Heftigste war ein Einzelhandelsgeschäft in Erfurt, aus dem wir säckeweise überlagerte Lebensmittel geholt haben. Wir hatten einen Hinweis erhalten, dass dort Ware angeboten wird, die komisch aussieht und teilweise sogar verschimmelt ist. Da bin ich sofort hin – und es war wirklich schlimm. Nicht nur, dass verschimmeltes Obst auslag, auch verpackte Ware war schon reihenweise verschimmelt. Außerdem waren bei etlichen Lebensmitteln die Mindesthaltbarkeitsdaten von Hand überschrieben worden und es konnten keine Lieferscheine vorgelegt werden. Der Laden war zur Hälfte mit vergammelter Ware bestückt.

Wie haben Sie reagiert?

Die Notbremse gezogen und die sofortige Schließung veranlasst. Die abgelaufene Ware musste aussortiert und entsorgt und der ganze Laden gereinigt werden. Nach ein, zwei Tagen hat sich der Besitzer dann bei uns gemeldet und gesagt, dass alles fertig ist. Wir mussten das Geschäft dann wieder öffnen lassen.

Hat der Besitzer daraus wenigstens Lehren gezogen?

Nein, ich habe diesen Einzelhandel danach noch mehrfach schließen müssen – immer aus demselben Grund. Die Besitzer sind beratungsresistent, und Verbraucherschutz ist ihnen egal. Das ist übrigens einer der wenigen Betriebe, bei dem es zum Entzug der Gewerbeerlaubnis kam. Das muss immer beim Landesverwaltungsamt beantragt werden und ist ein langwieriger Prozess.

Und jetzt ist der Laden endgültig dicht?

Nein. Denn am Tag, an dem dem Besitzer das Gewerbe entzogen wurde, hat es die Schwägerin auf ihren Namen angemeldet und einfach weitergeführt. Auch bei ihr wiederholen sich die Mängel und es wird wie gehabt weitergemacht.

Das ist jetzt aber eine krasse Ausnahme, oder?

In dieser Form vielleicht. Aber Tatsache ist, dass es in der Gastronomie und im Lebensmittelhandel sehr viele Leute gibt, denen die Sach- und Fachkunde fehlt, die nur den schnellen Euro machen wollen. Der Verbraucherschutz und die Qualität der Lebensmittel sind Nebensache.

Was war denn vor der Wende anders?

Die materielle Ausstattung und die baulichen Voraussetzungen waren in der DDR mangelhaft. Dafür waren aber die Qualifikationen und Organisation der Betriebe besser und der Arbeitsdruck war geringer. Zudem gab es in der Gemeinschaftsverpflegung ein generelles Vorkochverbot, um Erkrankungen nach dem Verzehr der Speisen vorzubeugen. Fast jeder Betrieb, jeder Kindergarten und jede Schule hatte eine Kantine, in der täglich frisch gekocht wurde. Es stand mehr Personal zur Verfügung und es gab zum Beispiel in der Gastronomie genügend Fachkräfte: einen Gaststättenleiter, Servicepersonal, einen Koch, einen Beikoch, eine Spülkraft. Klar, es gab natürlich auch mal nachlässige Mitarbeiter, die ein Essen, das nicht mehr hätte angeboten werden dürfen, trotzdem rausschickten. Aber das waren Ausnahmen. Heute dagegen arbeiten nur noch wenige Gastronomen mit qualifiziertem Personal und bieten ihren Leuten gute Arbeitsbedingungen. Und diese Gastronomen stehen in harter Konkurrenz mit denen, die nur ungelernte Kräfte haben und sie auch noch schlecht bezahlen.

Ist denn der Nachweis der Sach- und Fachkunde nicht eine Voraussetzung, um zum Beispiel eine Gaststätte zu eröffnen?

Der Gesetzgeber schreibt zwar eine gewisse Sachkunde vor, aber kaum einer weiß, wo es die Lehrgänge dafür gibt. Früher musste jeder, der einen Lebensmittelbetrieb eröffnen wollte, sein Vorhaben mit der Behörde abstimmen. Doch heute geschieht das, ohne dass die Planung mit uns abgestimmt und die erforderliche Sachkunde im Umgang mit Lebensmitteln nachgewiesen wurde. Auch eine Abnahmekontrolle fordert das Gesetz nicht. Heute genügt es, 18 Jahre alt zu sein, das Gewerbe anzuzeigen – und schon können Sie loslegen und morgen eine Großgastronomie mit 1000 oder 5000 Plätzen betreiben.

Das ist ein Witz.

Nein, überhaupt nicht. Es ist so. In der Gastronomie brauchen sie keinen Beruf, keine Ausbildung, keine Vorkenntnisse. Wer es sich zutraut, der macht es einfach. Und der darf es dann auch.

Und weil das so ist, haben die Lebensmittelkontrolleure immer häufiger etwas zu bemängeln.

Ja, aber das ist nur einer der Gründe. Weitere sind Verbrauchertäuschung und Kennzeichnungsmängel. So werden Lebensmittel mit minderer Qualität dem Verbraucher als super gut angeboten. Das geht beim Parmesan los, der kein Parmesan ist, und hört beim Schafskäse, der aus Magermilch und Pflanzenfett besteht, noch lange nicht auf. Ebenso Formfleisch, das als Schinken deklariert wurde oder Wurst mit Separatorenfleisch. Wird das dann nicht auf der Speisekarte oder dem Schild an der Ware kenntlich gemacht, ist das eine Irreführung und Verbrauchertäuschung und muss untersagt und geahndet werden.

Früher war das Angebot an Lebensmitteln ja sehr überschaubar. Wie hat sich das mit der Wende für die Lebensmittelkontrolleure geändert?

Nach der Wende war es hier im Osten ein bisschen Wildwest. Da haben zum Beispiel hier in Erfurt auf dem Markt Händler Frischgeflügel ungekühlt direkt aus dem Kofferraum verkauft. Verkaufswagen, die zuhause schon längst dicht machen mussten, tauchten bei uns wieder auf. Viele Unternehmen aus den alten Bundesländern haben nach der Wiedervereinigung hier ihr Glück versucht. Wir Lebensmittelkontrolleure mussten uns mit anderen Spielregeln und neuen Gesetzen auseinandersetzen. Und damit, dass es vor allem ums Geld geht und der Verbraucherschutz zweitrangig ist.

Das Sortiment an Produkten ist immens und jedes Jahr kommen tausende und neue Produkte aus aller Welt hinzu. Aber wir sollen sie alle im Auge behalten und sollen auf lokaler Ebene globale Warenströme kontrollieren. Ein Ding der Unmöglichkeit.

Wie viele Betriebe muss ein Lebensmittelkontrolleur im Schnitt prüfen?

Hier in Erfurt sind wir sieben Kontrolleure, und jeder hat in seinem Kontrollgebiet etwa 400 Betriebe – von der kleinen Imbissbude bis zur Großbäckerei – zu überwachen. Alle drei bis fünf Jahre werden die Kontrollgebiete getauscht.

Und diese Betriebe suchen Sie in einem bestimmten Kontrollrhythmus auf?

Ja. Dieser Turnus basiert auf einer Risikobewertung. Die Küche in einem Altenheim oder einem Kindergarten hat zum Beispiel eine hohe Risikoklasse, die in einem Getränkemarkt eine niedrige. Im Ergebnis der Kontrolle und der festgestellten Mängel vor Ort wird der nächste Kontrolltermin ermittelt. Aber wir sind bundesweit zu wenige, um die Plankontrollen und die Kontrollen nach Risikobewertung durchzuführen. In Thüringen schaffen wir momentan etwa 45 Prozent der Plankontrollen.

Weil es zu wenige Kontrolleure für zu viele Betriebe gibt?

Ja. Es wären weitere Planstellen erforderlich, aber daran sparen die Städte und Kommunen. Ein weiterer Grund sind die bereits geschilderten Umstände bezüglich des gesetzlichen Rahmens und der nachlassenden Zuverlässigkeit der Lebensmittelunternehmer, die zu einem höheren Kontrollaufwand führen.

Was halten Sie von Plattformen wie „Topf Secret“?

Grundsätzlich ist es gut, dass Bürger Einsicht in die Protokolle behördlicher Kontrollen verlangen dürfen, wovon auch schon rege Gebrauch gemacht wird. Außerdem werden seit einiger Zeit bundesweit auf der Grundlage des § 40 Absatz 1 a des Lebensmittel-, Bedarfsgegenstände- und Futtermittelgesetzbuches schwerwiegende Verstöße die zu einem Bußgeld über 350 Euro führen könnten, auf den Internetseiten der Verwaltungen veröffentlicht.

Seit fünf Jahren stehen Sie an der Spitze des Landesverbandes der Lebensmittelkontrolleure. Welche Aufgabe hat der Verband?

Wir sind ein Berufsgruppenfachverband für alle Lebensmittelkontrolleure in Thüringen. Wir setzen uns für die fachliche Fortbildung unserer Mitglieder ein, vertreten die Kollegen in wichtigen Gremien und gegenüber Behörden und Körperschaften des öffentlichen Rechts. Und wir vertreten die Interessen unserer Berufsgruppe. Im Verband sprechen die Lebensmittelkontrolleure sozusagen mit einer Stimme. Als Verband werden wir auch zu Gesetzesentwürfen und anderen Entscheidungen angehört und geben Stellungnahmen ab.

Können Sie nach all dem, was Sie im Berufsleben schon zu sehen bekommen haben, eigentlich noch ganz entspannt irgendwo essen gehen?

In Erfurt gibt es viele Restaurants, Gaststätten, Imbissbetriebe und Kantinen, in denen man gut essen kann. Aber es gibt eben auch die anfangs erwähnten schwarzen Schafe.

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