Mit traditioneller chinesischer Medizin zu mehr Ruhe

Jena  In Jena hat sich ein Netzwerk für Traditionelle Chinesische Medizin gegründet. Was leistet diese und wo liegen die Grenzen?

Sie wollen sich betont bodenständig zeigen: TCM ist für die Heilpraktikerinnen, Ernährungsberaterinnen, Qigong-Lehrerinnen und Physiotherapeutinnen des Jenaer TCM-Netzwerkes kein spiritueller Firlefanz, sondern eine Jahrtausende alte Heilkunst, die dem Menschen zu mehr Wohlbefinden und Gesundheit verhilft. Foto: Jördis Bachman

Sie wollen sich betont bodenständig zeigen: TCM ist für die Heilpraktikerinnen, Ernährungsberaterinnen, Qigong-Lehrerinnen und Physiotherapeutinnen des Jenaer TCM-Netzwerkes kein spiritueller Firlefanz, sondern eine Jahrtausende alte Heilkunst, die dem Menschen zu mehr Wohlbefinden und Gesundheit verhilft. Foto: Jördis Bachman

Foto: zgt

Diesen Frauen wird regelmäßig die Zunge entgegengestreckt. Beleidigt sind sie deshalb aber nicht. Es gehört vielmehr zu ihrer Arbeit und verrät ihnen viel über den Gesundheitszustand ihrer Patienten: etwa über Verdauungsprobleme, Schlafstörungen, Blasenentzündung oder Blutarmut. Für all diese Funktionsstörungen und für viele weitere dürften die acht Frauen, die dem Jenaer Netzwerk für Traditionelle Chinesische Medizin angehören, im Ernstfall Indizien auf der Zunge entdecken. Die Begutachtung der Zunge ist ein wesentliches Element in der Diagnostik der Chinesischen Medizin.

Die einen winken bei Traditioneller Chinesischer Medizin – kurz: TCM – kopfschüttelnd ab und verorten die mehr als 2000 Jahre alte fernöstliche Heilkunde im esoterischen Firlefanz. Andere sehen TCM als eine sinnvolle – und in manchen Fällen auch letzte – Möglichkeit, verschiedene chronische Erkrankungen wie Kopfschmerzen/Migräne, Rückenschmerzen, Gelenkbeschwerden, Tinnitus, Neurodermitis oder Allergien in den Griff zu bekommen.

Die Menschen gar nicht erst krank werden lassen

Die Wirkung von Akupunktur wird heutzutage selbst von der Schulmedizin nicht mehr bestritten. Doch TCM beinhaltet mehr: „Es ist ein ganzheitliches Konzept, das nicht unbedingt nur auf Heilung, sondern auch auf Prävention ausgerichtet ist“, sagt Dr. Birgit Neumann. Die Medizinerin führt seit nunmehr fünf Jahren eine eigene Praxis für Akupunktur und Manuelle Medizin. „Ein altes chinesisches Sprichwort besagt, dass der ein guter Arzt ist, der die Menschen gar nicht erst krank werden lässt. Genau das ist mit Prävention in diesem Falle gemeint.“

Birgit Neumann hat vor zwei Jahren das TCM-Netzwerk Jena ins Leben gerufen mit dem Ziel, alle fünf Säulen der TCM anbieten zu können. Das sind Ernährungslehre (Diätetik), Kräuterheil- beziehungsweise Arzneimittelkunde, Akupunktur, als Bewegungslehre Qigong und Tai Chi und eine spezielle Massageform: Tuina. Mittlerweile gehören acht Frauen dem Netzwerk an, die auf ganz unterschiedlichen Gebieten der TCM tätig sind.

„Es geht bei TCM unter anderem darum, stagnierende Energie wieder in Fluss zu bringen“, sagt Angelika Hartmann. Die Heilpraktikerin hat ebenfalls ihre eigene Praxis in Jena. „Zu mir kommen beispielsweise Menschen mit Rückenschmerzen, Frauen mit Menstruationsbeschwerden oder auch Leute, die kurz vor einem Burn-Out stehen“, sagt sie. Dass ihre Behandlungen Wirkung zeigen, werde vor allem daran deutlich, dass die Patienten immer wiederkommen. „Man bekommt die Rückmeldung, dass es den Menschen gut tut.“ Auch Paare mit Kinderwunsch können sich an Angelika Hartmann wenden. Tritt die erhoffte Schwangerschaft ein, begleitet sie die Paare auch durch die Schwangerschaft und darüber hinaus.

Was die Frauen über die Leiden der Patienten berichten, dürfte vielen bekannt vorkommen: Stress, ein sich drehendes Gedankenkarussell, Müdigkeit, Erschöpfung, Verdauungsprobleme. Es sind vor allem Zivilisationskrankheiten, die viel mit der modernen Lebensweise zu tun haben, die auf Geschwindigkeit und Effektivität ausgerichtet ist. Es klingt naheliegend, sich in der beschleunigten Gesellschaft auf eine alte Heilkunde zu konzentrieren, in der es um Ruhe und Entspannung geht. Die acht Frauen scheinen die Welt entschleunigen zu wollen.

„Vor allem für die Anamnese und das Gespräch muss man sich in der TCM viel Zeit nehmen“, sagt Birgit Neumann. „Das tun wir auch alle. Das Gespräch mit den Patienten ist in der TCM bereits ein wichtiger Bestandteil des Heilungsprozesses. Oft können sich Allgemeinärzte oder Fachärzte gar nicht die Zeit für ein intensives Patientengespräch nehmen. In der TCM ist das anders.“ Dabei wollen die Frauen, die dem TCM-Netzwerk Jena angehören, keinesfalls in Konkurrenz zur Schulmedizin treten. Simone May beispielsweise ist Mitbegründerin des TCM-Netzwerkes und Inhaberin der „Praxis eins“ in Jena. Sie ist seit 1995 staatlich geprüfte Physiotherapeutin und seit 1999 geprüfte ShenDo-Shiatsu-Praktikerin. Dazu gehört unter anderem die Anwendung der so genannten fünf Elemente-Kur. Sie weist klar darauf hin, dass ShenDo-Shiatsu keine Therapie ist und nicht den Heilpraktiker oder den Arzt ersetzt.

Auch bei Tieren wird Akupunktur angewendet

„Wir wollen mit unserem Wissen eher ergänzend wirken und mit den Schulmedizinern zusammenarbeiten. Leider ist das nicht immer einfach, da nicht alle Ärzte der TCM gegenüber aufgeschlossen sind“, sagt Birgit Neumann. „Es ist auch wichtig, dass man seine Grenzen kennt“, ergänzt sie.

Die Grenzen der TCM scheinen dabei nicht beim Menschen gezogen zu werden. Birgit Bügener ist Tierheilpraktikerin. Sie hat eine eigene Naturheilpraxis für Tiere in Langenorla und bietet in ihren Therapiekonzepten entsprechend der Problematik des Tieres neben Pflanzenheilkunde unter anderem auch Akupunktur an. „Tiere reagieren sehr authentisch auf Akupunktur“, sagt sie. „Man sieht sofort eine Reaktion. Pferde beispielsweise lassen die Unterlippe hängen. Das zeigt eine Entspannung an.“ Probleme mit dem Bewegungsapparat, Ekzeme oder so genannte Hotspots bei Hunden werden unter anderem von Birgit Bügener behandelt.

Auch Diplomingenieurin Hedi Kappler beschäftigt sich mit den fünf Elementen, doch in einem etwas anderen Sinne als die übrigen Mitglieder des Jenaer Netzwerkes. Sie arbeitet nicht direkt am Menschen. Hedi Kappler ist Innenarchitektin. Betrachtet man ihren Webauftritt, gibt es kleine Details, die verraten, dass Hedi Kappler auch Feng-Shui-Beraterin ist. Sie hat eine Ausbildung am Deutschen Feng-Shui-Institut in Freiburg absolviert – ja, so etwas gibt es. „Feng-Shui orientiert sich an den Gesetzmäßigkeiten der Natur. Es geht im Grunde darum, die Energie an den richtigen Punkte zu lenken – sozusagen Akupunktur im Raum.“ So könne die Gestaltung des Raumes Auswirkungen auf die Gesundheit und das Wohlbefinden haben. „Ein Raum kann Harmonie und Gleichgewicht erzeugen, was sich positiv auf den Menschen auswirkt“, sagt Hedi Kappler.

Während Feng-Shui noch ein Nischendasein fristet, ist eine andere fernöstliche Kunst zum Massenphänomen in der westlichen Welt geworden. Die indische Bewegungslehre Yoga hat Hochkonjunktur. Qigong als Bewegungslehre der Chinesischen Medizin dürfte dagegen noch etwas Zeit benötigen, um ähnliche Aufmerksamkeit zu erzielen.

Astrid Seibt hat jahrelang regelmäßig meditiert. „Aber ich wollte irgendwann mehr für meinen Körper tun, nicht nur für meinen Geist“, sagt sie. Sie absolvierte eine Ausbildung bei der Deutschen Qigong-Gesellschaft und gibt bereits seit mehreren Jahren Qigong-Kurse in Jena – und zwar in der Salzgrotte in Winzerla. „Der große Unterschied zwischen Yoga und Qigong ist vor allem, dass man die Bewegungen beim Qigong nicht mit der Atmung kombiniert“, erklärt Astrid Seibt. „Für ‚Qi‘ gibt es keine eindeutige Übersetzung, doch würde man nach einer suchen, dann träfe es wohl ‚Lebensenergie‘ am ehesten. Die Übungen können sowohl entspannend als auch anregend wirken.“

Die fünfte Säule der Traditionellen Chinesischen Medizin deckt Uta Fernkäse ab. Die Ernährungswissenschaftlerin hat sich auf die Diätetik spezialisiert. Vor acht Jahren hat sie selbst begonnen, sich nach TCM zu ernähren. Sie führt Einzelberatungen durch und gibt Kochworkshops. „Natürlich ist es wichtig, dass man die Ernährungsweise auch hier umsetzten kann. Man muss sich nicht zwanghaft auf chinesische Lebensmittel stützen, sondern entsprechende Lebensmittel aus unserer Region finden“, sagt sie.

Regelmäßig treffen sich die Mitglieder des TCM-Netzwerkes zu einem offenen Stammtisch für einen fachlichen und persönlichen Austausch. „Wir freuen uns über Interessierte, die unserem Netzwerk vielleicht betreten möchten“, sagt Birgit Neumann.

www.tcmjena.de

Zu den Kommentaren
Im Moment können keine Kommentare gesichtet werden. Da wir für Leserkommentare in unserem Internetauftritt juristisch verantwortlich sind und eine Moderation nur während unserer Dienstzeiten gewährleisten können, ist die Kommentarfunktion wochentags von 22:00 bis 08:00 Uhr und am Wochenende von 20:00 bis 10:00 Uhr ausgeschaltet.