Rote Locken als Markenzeichen: Tina Tandler spielt Saxophon für Roland Kaiser

Gotha/gera  Gerade erst hat sie mit Roland Kaiser bei der „Kaisermania“ am Dresdner Elbufer auf der Bühne gestanden, nun bereitet sie sich auf ein Konzert auf dem Zingster Museumshof und eine weitere Konzertreihe mit Roland Kaiser im September und Oktober vor: Tina Tandler, gebürtig in Gotha, zählt zu Deutschlands meistbeschäftigten Saxophonistinnen. Die TLZ bekam die Musikerin mit der roten Lockenmähne jetzt für ein Interview ans Telefon.

Die rote Lockenmähne ist ihr Markenzeichen: Tina Tandler, geboren in Gotha und aufgewachsen in Gera, ist Foto: Pavel Konrad

Foto: zgt

Gerade erst hat sie mit Roland Kaiser bei der „Kaisermania“ am Dresdner Elbufer auf der Bühne gestanden, nun bereitet sie sich auf ein Konzert auf dem Zingster Museumshof und eine weitere Konzertreihe mit Roland Kaiser im September und Oktober vor: Tina Tandler, gebürtig in Gotha, zählt zu Deutschlands meistbeschäftigten Saxophonistinnen. Die TLZ bekam die Musikerin mit der roten Lockenmähne jetzt für ein Interview ans Telefon:

Frau Tandler, ich muss noch einmal auf die letzten beiden „Kaisermania“-Konzerte am 7. und 8. August in Dresden zu sprechen kommen: An beiden Abenden waren es fast 40 Grad. Wie geht das, unter solchen Bedingungen zweieinhalb Stunden nonstop auf der Bühne zu stehen und zu spielen?

Um ehrlich zu sein: Das war schon hart. Am ersten Tag ging es noch, aber am zweiten merkt man dann schon, dass der erste einem noch in den Knochen steckt. Dann hat man ein bisschen zu kämpfen, denn es war wirklich irre heiß – und das macht das Instrumente-Spielen nicht leichter. Aber anderer-seits ist es so: Wenn es erst einmal läuft, die Musik los geht und das Publikum anfängt, Stimmung zu machen, dann vergisst man das.

Dabei haben Sie ja nicht nur ein paar Einsätze, sondern spielen fast die ganze Zeit.

Ja, nach dem großen Opening haben die Bläser zwar mal drei Songs Pause, aber ansonsten spielen wir die ganze Zeit.

Wie ist das eigentlich für Sie, bei diesen Konzerten jeweils vor 12 500 Leuten zu spielen?

Na toll!

Aber das passiert Ihnen doch nicht alle Tage.

Nein, das passiert uns allen nicht alle Tage. Das ist, glaube ich, auch für Roland speziell, dass so viele Menschen auf dem Platz sind und alle vier Konzerte ausverkauft waren. Aber es ist nicht nur so besonders, dass dort so viele Leute sind. Mir hat ein Kollege gesagt: Du musst mal von der Bühne runtergehen, sonst verstehst du gar nicht, was da eigentlich los ist auf dem Platz – und den Spaß habe ich mir gemacht. Und obwohl ich zugeben muss, dass ich großen Respekt vor Menschenaufläufen habe, kann ich sagen: Das fühlte sich total gut an. Die Leute sind so herzlich und friedlich miteinander. Natürlich ist da auch mal ein Betrunkener dazwischen, der seine Arme nicht mehr so richtig im Griff hat. Aber die Grundstimmung ist sehr warm, sehr angenehm. Da liegen sich Leute in den Armen, sind glücklich und singen – das macht für mich das Besondere aus.

Und nächstes Jahr geht der Wahnsinn weiter: Es sind – kaum dass der Vorverkauf begonnen hat – erneut zwei Zusatzkonzerte angesetzt worden, also insgesamt vier.

Ja, das habe ich auch gehört. Ehrlich gesagt, sind wir nach den Konzerten erst einmal auseinandergestoben, und jeder versucht, ein bisschen Erholung für sich zu kriegen. Ich wollte eigentlich ein paar Tage länger in Dresden bleiben, hatte auch überlegt, mal nach Prag zu fahren, aber es war einfach zu heiß. Und da man doch nach ein paar Stunden in der Hitze wieder anfängt, sich im Hotel zu verstecken, habe ich das abgehakt.

Aber nächstes Jahr müssen Sie unbedingt noch einen Song auf die Playlist nehmen: nämlich „Haut an Haut“…

Wir haben ihn letztes Jahr gespielt. Ich liebe den Song, denn da ist ein total geiles Saxophon-Solo drin.

Genau deshalb. Wie sind Sie denn eigentlich in die Band geraten, die Roland Kaiser begleitet?

Das war 2007 und sehr lustig: Ich kam nachts von einem Konzert und habe meinen Anrufbeantworter abgehört. Und da hatte jemand eine Nachricht hinterlassen, die ungefähr so lautete: „Ja, hallo, hier ist das Management von Roland Kaiser. Wir suchen eine Saxophonistin.“ Und ich dachte: Christoph, du Idiot! Denn mein Kollege Christoph Reuter ist dafür berühmt, dass er immer so alberne Sachen macht. Deshalb habe ich mich gar nicht weiter damit befasst und bin schlafen gegangen. Am nächsten Nachmittag habe ich gedacht, dass ich den AB noch einmal abhören muss, um zu sehen, dass ich nichts vergessen habe, und dann festgestellt: Ach, das ist ja gar nicht die Stimme von Christoph. Und dann habe ich dort angerufen und gehört, dass es durchaus ernst gemeint war. Jemand aus der Band kannte mich und hatte mich empfohlen.

Das ist keine feste Band, oder?

Doch, die meisten sind seit zwölf, dreizehn, vierzehn Jahren dabei. Das macht eine solche Band auch aus: Dass sich die Musiker gut kennen. Ich arbeite jetzt seit drei Jahren mit den beiden Bläsern zusammen. Vorher war ich pure Solistin. Aber mit den Bläsern, das ist natürlich viel schöner. Ich kann mit den beiden Jungs gut arbeiten. Wir proben viel, spielen auch vor den Konzerten immer noch einmal eine halbe Stunde zusammen. Denn es lebt viel davon, dass man einfach ein richtig gut eingespieltes Team ist. Wenn es auf der Bühne dann laut ist durch die vielen Menschen und die anderen Instrumente, ist man einfach gut bedient, wenn man ganz genau weiß, was man zusammen machen will in dieser kleinen Gemeinschaft von drei Bläsern, die wie ein Organismus arbeiten müssen. Nicht wie drei Solisten.

Was haben Sie da eigentlich auf der Bühne immer vor sich stehen? Noten?

Das sind iPads, auf denen die Bläsersatz-Noten stehen. Im Grunde ist es zu klein, um das wirklich lesen zu können. Aber es reicht dem Gehirn, um sich zu erinnern, wie die Phrasierungen und Abläufe und so weiter sind. Ich mag es eigentlich nicht, mit Noten auf der Bühne zu sein, aber in dem Falle ist es unvermeidbar.

Da wir ja hier ganz unter uns sind, frage ich gleich mal: Wie ist eigentlich Roland Kaiser?

Das ist ein ganz bodenständiger Typ, der seinen Job über alles liebt und einfach ‘ne gute Show macht.

Und das trotz seiner 63 Jahre ohne einen Schweißtropfen auf der Stirn.

Ja, er hat wirklich eine irre Kondition. Als ich nach der Pause 2011 das erste Mal wieder miterlebt habe, wie er diese zweieinhalb Stunden am Stück singt, da war ich baff, knallbaff.

Sie haben mit Kerschowski schon Rock gemacht, spielen aber auch Jazz, Blues und Klassik – kurzum: Sie haben eine riesige Bandbreite. Hat denn den Grundstein dafür das Studium an der Weimarer Musikhochschule gelegt?

Ja, sicherlich. Ich habe ja zum Examen mein erstes klassisches Saxophonkonzert gespielt. Wenn man in Weimar studiert hat, ist man sehr breit aufgestellt gewesen. Da hat man solides Handwerk gelernt, sehr gute Grundlagen mitbekommen. Vielleicht nun nicht den modernstes Jazz, Weimar ist ja eine eher klassisch orientierte Hochschule. Aber das muss man sich dann später eben aneignen. Nach dem Examen habe ich gedacht: So, jetzt spiele ich nur noch Jazz. Aber was man dann wirklich macht und wovon man leben kann, das zeigt das Leben erst. Ich habe ja während des Studiums schon mit Kerschowski gearbeitet – und als es dann mit der Rockmusik vorbei war, habe ich viel für Kinder gemacht, unter anderem mit Angelika Mann. Und auch beim Kinderkanal. Und so kam eins zum anderen. Und als ich dann 2006 gefragt wurde, ob ich Lust hätte, beim Klassik Open Air auf dem Berliner Gendarmenmarkt ein 15-minütiges klassisches Saxophonkonzert zu spielen, hätte ich mir das nie träumen lassen. Ich dachte, warum eigentlich nicht? Und sagte den Veranstaltern, dass ich mir das mal angucken und dann Bescheid geben würde. Dann war ich bei einer Freundin in New York, habe ein bisschen im Internet gedaddelt und plötzlich gesehen, dass ich da schon angekündigt wurde, obwohl ich doch noch gar nicht zugesagt hatte. Das war sehr lustig!

Da standen Sie dann aber unter Druck.

Naja, ich bin jemand, der ziemlich gut organisiert ist. Und ich hatte auch schon angefangen, mich vorzubereiten. Es geht bei so etwas nicht nur um Technik und ums Töne spielen. Bei 15 Minuten Klassik heißt das auch, dass man sich die Kondition erarbeiten muss. Man kann nicht absetzen und mal eben auf den Pianisten zeigen. Da sind höchstens irgendwo mal zwei Takte, wo man durchatmen kann, ohne Töne zu erzeugen. Also bin ich das angegangen wie ein Sportler, bin eine Weile jeden Tag früh um sieben aufgestanden und habe mir diese Kondition draufgeschafft. Und es war letztlich ein supertolles Erlebnis. Aber seitdem ich mich wieder mit Roland Kaiser zusammengetan habe und selbst sehr viel spiele, finde ich für die Klassik nicht mehr die Zeit. Klassik ist wirklich zeitaufwendig. Das schaffe ich momentan nicht.

Sie wollen sich ja auch um Zingst kümmern…

… ja und um meine eigenen Sachen. Ich schreibe ja auch selbst und mit dem Pianisten zusammen, weil ich selbst am besten weiß, was ich spielen will. Ich fand es spannend, mit Orchestern zu spielen, aber das Thema ist erst einmal durch für mich.

Wie hat sich das mit Zingst entwickelt, wo Sie längst regelmäßig auftreten?

Ich bin dort auf dem Museumshof öfter aufgetreten, schon mit dem Musiktheater „Rumpelstil“. Und irgendwann haben mich die Zingster gefragt, ob ich nicht eine Musikreihe etablieren könnte. Ich habe gesagt: Nein, ich bin total voll und will mich nicht verzetteln. Also haben sie mich im Jahr darauf noch mal gefragt – und da habe ich mir gesagt: Mensch, guck dir das doch mal an. Zuerst lief es nur über den Sommer auf dem Museumshof. Aber dann wurde es so erfolgreich, dass die Zingster gesagt haben, dass wir das auch über den Winter machen müssen. Und dann habe ich mir das Kurhaus angeschaut und festgestellt, dass man die Musik dort ohne große Technik für die Leute ganz anders erlebbar machen kann. Ich mag so was: mir für die richtigen Räume die richtigen Leute auszudenken. Tja, und so kam das. Mittlerweile wird meine Konzertreihe im Marco-Polo-Reiseführer als Geheimtipp erwähnt.

Sie sind in Gotha geboren und in Gera aufgewachsen. Können Sie sich noch an diese Zeit erinnern?

An Gotha nicht, denn da bin ich wirklich nur geboren, aber an Gera schon. Da bin ich ja zur Schule gegangen. Und zur Musikschule auch. Mit sechs Jahren habe ich mit Akkordeon begonnen, mit 15 mit Saxophon. Für das Akkordeon hatte ich in Weimar auch schon eine Studienzulassung. Aber ich wollte auf gar keinen Fall Akkordeon-Lehrerin werden, was wohl die Perspektive gewesen wäre. Also musste ich meinen Eltern leider sagen, dass ich das nicht machen werde. Die Musikhochschule hat mir aber angeboten, dass ich mit dem Saxophon vorspielen darf. Ich dachte, dass ich nach nur zwei Jahren Unterricht keine großen Chancen hatte. Aber dadurch, dass ich schon so lange Akkordeon gespielt hatte, bin ich mit dem Saxophon gut vorangekommen. Und den Sound, den man braucht, den habe ich mir dann mit der Zeit erarbeitet.

Und Ihre Eltern haben sich damit abgefunden?

Ach, die haben mich einfach machen lassen.

Wie lange hat man eigentlich ein Saxophon? Und spielt man immer mit demselben?

Ja. So ein Saxophon ist schon was, das man lange spielt. Ich spiele ein altes Selmer aus den Fünfzigern und ich weiß nicht, ob ich davon noch mal loskomme. Ich habe mir natürlich auch schöne goldene Saxophone gekauft, ich habe auch immer eins als Ersatzinstrument dabei. Weil: Ich habe schon erlebt, dass im Konzert mal ein Saxophon umfällt und kaputt geht – und dann kann man wirklich gar nichts mehr machen. Wenn es „undicht“ ist, dann spielt es nicht. Deshalb habe ich immer noch eins dabei. Und manchmal habe ich auch wirklich ein paar Wochen lang Lust, ein anderes Horn zu spielen. Aber ich komme immer wieder auf mein altes zurück. Ich finde, es sieht auch wirklich toll aus. Man sieht einfach, dass es ein geliebtes Instrument ist.

Wo haben Sie das aufgetrieben?

Das ist gar nicht so spektakulär: Der Saxophonbauer, bei dem ich immer meine Instrumente überholen lasse, hat es mir mal gezeigt. Es war als gebrauchtes Instrument zu ihm in den Laden gekommen, er hat es wieder aufgepäppelt, schick gemacht. Er hat es mir also gezeigt, obwohl er wusste, dass ich nie ein Selmer wollte. Denn das hatten alle Jazz-Kollegen, so dass ich es bewusst nicht wollte. Jedenfalls habe ich das Ding angespielt und ihm gesagt, dass ich es gern mal mitnehmen würde. Und dann habe ich es nie wieder hergegeben.

Da haben sich also zwei gefunden.

Ja. Und lustigerweise merken meine Bläserkollegen, deren Ohren natürlich darauf geeicht sind, sofort, ob ich dieses Instrument spiele oder ein anderes. Und sie lieben diesen Sound. Das Instrument gibt mir einfach die Möglichkeit, sehr farbig zu arbeiten...

… und viel Gefühl in das Spiel zu legen.

… ja, genau.

Aber nicht nur Ihr Instrument und Ihr Spiel sind spektakulär, sondern auch Sie selbst: Wie halten Sie sich so tadellos in Form?

Ich bin keine notorische Fitnessstudio-Besucherin. Aber ich habe ein Trampolin und springe da drauf, sobald ich Zeit habe. Und ich gehe regelmäßig schwimmen. Ich habe es hier im Berliner Umland nicht weit zum See und kann vorm Frühstück schwimmen gehen. Und ich bewege mich gerne. Ich bin quirlig, renne die Treppe hoch und runter. Ich weiß ganz genau: Bewegung ist alles.

Und das macht Ihre Wahnsinns-Lockenmähne alles mit?

Die habe ich ja schon, so lange ich lebe. Wir wissen zwar nicht so genau, von welchem Elternteil ich sie mitbekommen habe, aber ich habe inzwischen rausgekriegt, dass sich solche Dinge oft in der zweiten Generation durchsetzen. Und meine Oma hatte auch solche Locken. Sie hat sie nur immer sehr kurz getragen. Wenn es allerdings so heiß ist wie neulich in Dresden, dann brauche ich für meine weichen Engelslocken schon ein paar Stylingprodukte.

Zu den Kommentaren