Schweinezucht: Aufräumen im Saustall „Gut Thiemendorf“

Jördis Bachmann
| Lesedauer: 9 Minuten
So sah es Ende 2013 im „Gut Thiemendorf aus. Foto: Animal Rights Watch

So sah es Ende 2013 im „Gut Thiemendorf aus. Foto: Animal Rights Watch

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Heideland  Was tut sich seit der Anzeige gegen den Thüringer Schweinezuchtbetrieb? Über leidende Tiere, eine Branche mit Imageproblemen und hoffnungsvolle Tierschützer.

Die romantische Vorstellung eines Bauernhofes, die viele Verbraucher haben, wenn sie an Kühe und Schweine denken, hat mit der Realität nichts zu tun. Das dürfte der einzige Punkt sein, in dem sich Tierschützer Jürgen Foß und der Betriebsleiter der Schweinezucht „Gut Thiemendorf“, Peter Fuglsang einig sind. Jürgen Foß, Mitbegründer der Tierschutzorganisation „Animal Rights Watch“ (Ariwa), schrieb Ende 2013 eine Strafanzeige gegen den Thüringer Schweinezucht-Betrieb, damals Heideland Gutverwaltung, seit einigen Monaten „Gut Thiemendorf GmbH und Co. KG“, einer der größten Schweinezucht-Betriebe Deutschlands.

In der Anzeige schreibt Foß: „Die Tiere leiden langanhaltend, wiederholt und erheblich.“ Seit mehr als einem Jahr laufen nun die Ermittlungen wegen möglicher Verstöße gegen das Tierschutz- und Arzneimittelgesetz.

Vor mehr als fünf Jahren war Foß auf den Schweinezucht-Betrieb „Gut Thiemendorf“ bei Eisenberg erstmals aufmerksam geworden. 9000 Sauen stehen hier zur Ferkelproduktion zur Verfügung. „Damals waren wir zum Veterinäramt gegangen und hatten auf Missstände im Betrieb hingewiesen. Aber die haben uns durchschwimmen lassen“, erinnert sich Foß.

Im Oktober 2013 stieg Foß schließlich in den Betrieb ein, dokumentierte die Haltungsbedingungen mit der Kamera und zeigte den Betrieb an. Die Aufnahmen sorgten für die Aufmerksamkeit, die sich Foß schon fünf Jahre zuvor gewünscht hatte. Resultat waren mehrere Razzien im Betrieb, die Tötung von leidenden Tieren und eine weitere Anzeige, die diesmal vom Zweckverband Veterinär- und Lebensmittelüberwachung für Jena und den Saale-Holzland-Kreis (ZVL) gestellt wurde.

Im Visier der Ermittler standen auch die zum „Gut Thiemendorf“ gehörende Ferkelaufzucht in Schöngleina und der Aufzuchtstall für Jungsauen in Wetzdorf. Angezeigt wurde außerdem der für die Kontrolle und Überwachung des Betriebs zuständige Amtstierarzt, der seinen Namen nicht genannt wissen möchte. Zuletzt war das Landesamt für Verbraucherschutz Mitte April 2015 vorstellig geworden, wobei vier kranke Sauen getötet und näher untersucht wurden. Eine litt nach Angaben des Gesundheitsministeriums an einer hochgradig eitrigen Lungenentzündung, andere an entzündeten Gelenken.

Was also lief schief in „Gut Thiemendorf“? Tierschützer Foß sagt: „Selbst wenn alle gesetzlichen Bestimmungen eingehalten werden, sind Tierhaltungsanlagen solcher Art ein Desaster und eine Katastrophe für die Tiere.“ Im „Gut Thiemendorf“ habe man sich jedoch nicht mal an die gesetzlichen Vorschriften gehalten, so Foß‘ Vorwurf. „Die Sauen kommen während der Besamungszeit in Kastenstände“, erklärt er. „Stellen Sie sich vor, sie könnten sich Wochenlang nicht richtig bewegen – eingepfercht in einen Käfig. Maximal vier Wochen dürfen die Tiere in solchen Ständen zubringen. Später kommen sie in einen Laufstall und dann in die Abferkelbucht.“

In Thiemendorf allerdings hätten die Tiere sehr viel länger als vier Wochen in den Kastenständen zubringen müssen. In einem Fall sei es sogar dazu gekommen, dass eine Sau im Kastenstand ihre Ferkel warf. „Eine Sau trägt drei Monate, drei Wochen und drei Tage, man kann sich ausrechnen, wie lange die Tiere in den Kastenständen zubrachten. Die Ferkel wurden dann teilweise tot getrampelt, weil in den Kästen gar kein Platz ist“, sagt Foß. Videoaufnahmen sollen das belegen.

Der zuständige Amtstierarzt hält diese Aufnahmen für unlogisch. „So etwas darf sowohl theoretisch als auch eigentlich praktisch nicht passieren, außer ein Mitarbeiter macht einen Fehler. In einem Kastenstand soll eine Sau ihre Ferkel nicht werfen. Es geht darum, die Tiere in der Rausche zu fixieren, um sie manipulieren zu können. Außerdem soll Stress vermieden werden. Wer schon einmal gesehen hat, wie es bei Rangkämpfen zwischen Schweinen zugeht, der weiß, was ich meine.“

Jürgen Foß ist sich jedoch sicher, dass Tiere ihre Jungen in den Kastenständen geworfen haben – sowohl theoretisch als auch praktisch: „Nicht nur wir, sondern auch ZVL-Amtsleiter, Dr. Martin Meißner, hat nachgewiesen, dass Sauen nicht nur vier Wochen im Kastenstand standen, sondern länger. Dass hier die Geburten beginnen will keiner, auch der Betreiber nicht. Aber bei schlechter Betriebsführung kann es im Extremfall eben passieren.“

Der Amtstierarzt selbst sieht sich in der ganzen Angelegenheit eher als Opfer. Gegen ihn wird wegen Verletzung der Garantenpflicht ermittelt. Er hätte bei den Kontrollen die Missstände feststellen sollen und den Betrieb zur Beseitigung der Missstände anhalten müssen. „Ich habe da ein bisschen das Gefühl, dass die Garantenpflicht mit einer Garantie verwechselt wird“, sagt er. „Ich kann nicht garantieren, dass keinem Tier Leid zugefügt wird. Die Polizei soll auch für Recht und Ordnung sorgen, dass aber Menschen gegen Recht und Ordnung verstoßen, kann man nicht immer verhindern.“

Für die Kontrollen gebe es beim Zweckverband Veterinär- und Lebensmittelüberwachung drei Ärzte und drei Tiergesundheitskontrolleure, sagt der Amtstierarzt. „Thiemendorf ist ja nicht der einzige Betrieb, der kontrolliert werden muss. Bestimmte Sachen sind einfach gar nicht zu schaffen. Wir können nur Stichprobenkontrollen machen. Das heißt, wir sehen uns bestimmte Bereiche und Tiere eines Betriebs an. Würde ich jedes Tier genau untersuchen, bräuchte ich für ‚Gut Thiemendorf‘ zwölf Arbeitstage.“ Die Kontrollen seien manchmal angekündigt, manchmal nicht.

Der Däne Peter Fuglsang arbeitet seit 2004 als Betriebsleiter in „Gut Thiemendorf“. Er wohnt nahe den Ställen. „Nachdem wir den Betrieb übernommen haben, wurden nach und nach die Ställe renoviert – wir haben im zweistelligen Millionenbereich investiert. Die Kosten steigen, aber der Preis für die Ferkel bleibt gleich: 35 Euro für ein 25-Kilo-Tier. 1,37 Euro kostet 1 Kilo Fleisch im Schnitt“, sagt er. Zu wenig. Doch der Verbraucher sei kaum bereit, mehr zu zahlen. 39 Kilo Schweinefleisch essen die Deutschen durchschnittlich pro Kopf im Jahr. Fuglsang sagt zurückhaltend: „Es wäre sicher gut, wenn man das Fleisch teurer machen würde. Aber vermitteln sie das mal den Menschen, die ihre Bratwurst essen wollen.“ Tierschützer Jürgen Foß hat bereits vor 20 Jahren das letzte Stück Fleisch gegessen.

Seit die Ermittlungen laufen, habe sich in „Gut Thiemendorf“ sowohl in Bezug auf die Haltungseinrichtungen als auch hinsichtlich der Tierbetreuung viel verbessert. Täglich sei nun ein Tierarzt vor Ort.

Ob sich die Größe der Kastenstände ändern werde, darauf wollte sich Fuglsang nicht festlegen. Kürzlich lud er Abgeordnete der Landesregierung ein, sich vor Ort selbst ein Bild zu machen: „Ich war positiv überrascht, wie ruhig die Tiere sind“, sagte Tilo Kummer, der für die Linke im Agrarausschuss des Landtags sitzt. „Das ist ein Zeichen, dass Vieles stimmt.“

Auch Ausschuss-Vize Roberto Kobelt (Grüne) ist „positiv überrascht“. Dennoch sieht er Betriebe wie den Fuglsangs in der Verantwortung, für mehr Tierwohl zu sorgen, und er sieht weiterhin Bedarf an Kontrollen. Er räumt außerdem ein, dass es keine Vorverurteilung des Unternehmens geben dürfe, solange keine Ergebnisse der polizeilichen Ermittlungen vorliegen.

Selbst Tierschützer Foß glaubt, dass der Betrieb nun die gesetzlichen Vorschriften umsetzen werde. „Das bedeutet für mich nicht, dass die Tiere nicht mehr leiden. Solch ein Betrieb ist für ein Schwein immer der Supergau.“ Der Betrieb arbeite weiterhin mit Methoden, die Kritikern konventioneller Schweinehaltung ein Dorn im Auge sind: Die Schwänze der Schweine sind gekürzt, die männlichen Ferkel werden im Alter von wenigen Tagen ohne Betäubung kastriert und die Tiere auf Spaltböden statt Stroh gehalten.

„Wissen Sie, es ist schwer, die Freude am Beruf aufrecht zu halten“, sagt Fuglsang. „Der berufliche Stolz ist angeschlagen. Wenn eine Vorverurteilung von uns stattfindet, dann können Sie sich vorstellen, wie die Stimmung unserer 90 Mitarbeiter am nächsten Tag aussieht.“ Welche Rolle die Stimmung der Tiere in diesem Gedankenspiel einnimmt, ist eine andere Frage. Fuglsang meint dazu, dass man sich durchaus bewusst sei, dass es hier nicht um einen Legostein, sondern um ein Lebewesen gehe.

Dem Schweinezucht-Betrieb wurden Auflagen vom ZVL erteilt, die nun nach und nach umgesetzt werden müssen. Tierschützer Foß findet das nicht genug. In seiner Anzeige ist in der Schlussbemerkung zu lesen: „Wir sind der Meinung, dass Betreiber dieser Größenordnung die ganze Branche prägen und eine Vorbildfunktion haben müssen [...] Aus unserer Sicht, muss die Erlaubnis dieses Betriebs, überhaupt Schweine halten zu dürfen, aufgrund der Vorsätzlichkeit, der Systematik und der Schwere der Verstöße ernsthaft in Frage gestellt werden.“