Anstrengend aber gut: NSU-Film zeigt Terroristen in Jena-Winzerla

Jena  Der erste Teil der ARD-Spielfilmtrilogie über den NSU beschäftigt sich mit der Zeit der Radikalisierung der Rechtsterroristen - in Jena-Winzerla. Ein Film, der von Neonazis handelt, muss genauso anstrengend sein wie seine Protagonisten.

Uwe Mundlos (links, gespielt von Albrecht Schuch), Beate Zschäpe (Anna Maria Mühe) und Uwe Böhnhardt (Sebastian Urzendowsky) im ersten Teil der NSU-Trilogie. Foto: © SWR/Stephan Rabold

Uwe Mundlos (links, gespielt von Albrecht Schuch), Beate Zschäpe (Anna Maria Mühe) und Uwe Böhnhardt (Sebastian Urzendowsky) im ersten Teil der NSU-Trilogie. Foto: © SWR/Stephan Rabold

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Im Schatten des Heizkraftwerkes liegt Jena-Winzerla. So stellt es zumindest der Film „Mitten in Deutschland: NSU – Die Täter“ dar, der am Mittwoch in der ARD lief. In diesem Stadtteil tummelten sich in den 90er-Jahren die Neonazis zwischen Plattenbauten und Garagen. „Winzerla ist Fascho-Zone“, heißt es verkürzt deshalb auch in einer Szene. Egal ob im Jugendtreff „Winzerclub“, wo der rechte Arm zum Gruß erhoben wird, oder auf der Straße: Die rechte Szene scheint das Stadtbild zu dominieren. Mittendrin: Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt.

Der Film von Regisseur Christian Schwochow zeigt Beate Zschäpe – gnadenlos gut gespielt von Anna Maria Mühe – und die beiden Uwes (Sebastian Urzendowsky als Böhnhardt und Albrecht Schuch als Mundlos) als normale Menschen – mit all ihren Stärken und Schwächen.

In der Schule schreibt Beate von ihrer Freundin Sandra, die es im wahren Leben nie genau so gegeben hat, ab – und in der Kaufhalle steckt sie Deo und Schnaps ein. Beate kichert, lacht, nimmt auch mal zwei Paletten Joghurt mit, um sie später auf einem Punk-Konzert mit dem geklauten Schnaps zu vermischen. Erst als sie Mundlos und Böhnhardt kennen und lieben lernt, wird sie politisch.

„Sieg Heil“-Rufe und überforderte Eltern

Eine große Rolle spielt dabei der „Winzerclub“, wo Mundlos eine Deutschlandkarte an die Wand malt – wie selbstverständlich in den Grenzen von 1937. Später gibt es „Sieg Heil“-Rufe – und der Jugendbetreuer fragt nur hilflos, wer damit angefangen habe. Die Szene verdeutlicht die unfassbare Hilflosigkeit, die Staat und Gesellschaft gegenüber der radikalisierten Jugend zeigten. Die Eltern der drei sich radikalisierenden Kinder sind überfordert und mit sich selbst beschäftigt, bangen um ihre Arbeitsplätze oder haben keinen mehr. Auch am Ton von Zschäpe gegenüber ihrer eigenen Mutter, die sie ankeift, wird die Radikalisierung sichtbar.

Doch nicht nur im Jenaer Stadtteil Winzerla wurde gedreht. Immer wieder ist auch der Saalbahnhof zu sehen, der noch heute eine perfekte DDR-Kulisse bietet.

Statt Monopoly, wie früher noch mit Freundin Sandra, spielt Zschäpe später „Pogromly“: Ein zynisches Brettspiel, in dem es kein Gefängnis gibt, aber der Spieler „zu den Juden muss“. Das Ziel der drei Jugendlichen: „ein sauberes Thüringen“. Ein sauberes Winzerla hätten sie schon erreicht. Ein Sprengstoffanschlag soll Schrecken verbreiten. Zwischendurch besuchen sie Rechtsrock-Konzerte.

Film ist anstrengend wie Neonazis

Minutenlang quält Regisseur Schwochow den Zuschauer, sich die menschenverachtenden Parolen anzuhören, und man weiß nicht, ob das Gedudel am Ende noch auf der nächsten Neonazi-Party läuft oder eher die Leute endgültig abschreckt. Doch anstrengend muss solch ein Film wohl auch sein, denn das sind auch jene Neonazis, die noch immer auf Thüringens Straßen ihr Unwesen treiben.

Der Film erweckt den Eindruck, dass Beate Zschäpe, die mal wieder im Mittelpunkt steht, irgendwo zwischen Punk-Konzert, Jugendclub, Plattenbau-Tristesse und Wendezeit falsch abgebogen und zur mutmaßlichen Rechtsterroristen geworden ist. Die Radikalität von Mundlos und Böhnhardt hatte sie zwar nicht, allerdings gefällt sich Zschäpe in der Rolle als starke und kluge Frau zwischen den zwei Männern, mit denen sie eine Affäre hatte.

Obwohl es ein Spielfilm ist, bleibt der Streifen nah an der Realität. Kein Wunder, dass diese nicht jeder Fernsehzuschauer sehen will. Den ganz „normalen“ Alltag von Neonazis wollten lediglich 2,89 Millionen Menschen angucken. Kriminalfälle in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY... ungelöst“ hingegen 6 Millionen und „Mario Barth deckt auf“ auf RTL noch 3,23 Millionen Zuschauer. Für die ARD ist dies ein bitteres Urteil. Allerdings werden in den kommenden Jahren noch viele Schulklassen die Trilogie sehen müssen, was gut ist. Sie haben die Chance, aus der Geschichte zu lernen.

  • Teil zwei: „Die Opfer – Vergesst mich nicht“ am Montag, 4. April, 20.15 Uhr, ARD.
  • Teil drei: „Die Ermittler – Nur für den Dienstgebrauch“ am Mittwoch, 6. April, 20.15 Uhr, ARD.
  • Dokumentarfilm: „Der NSU-Komplex – Die Rekonstruktion einer beispiellosen Jagd“ am Mittwoch, 6. April, 21.45 Uhr, ARD.
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