Auf der Suche nach einer Dusche entlang der A4

Weimar.  Über der A4 bei Weimar steht die Sonne am frühen Abend noch am Himmel. Den Autobahnrastplatz Eichelborn erreichen immer mehr Lastwagen.

„Paule“ (links) aus Brandenburg und  Jens aus Thüringen auf Corona-Abstand auf dem Rastplatz Eichelborn: Die beiden Lkw-Fahrer haben wir Tausende andere Trucker gerade das Problem, dass sie vielerorts nicht auf sanitäre Anlagen zugreifen können.

„Paule“ (links) aus Brandenburg und Jens aus Thüringen auf Corona-Abstand auf dem Rastplatz Eichelborn: Die beiden Lkw-Fahrer haben wir Tausende andere Trucker gerade das Problem, dass sie vielerorts nicht auf sanitäre Anlagen zugreifen können.

Foto: Fabian Klaus / Mediengruppe Thüringen

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Der Tag geht für die Trucker langsam zu Ende. Aber, – und das ist das Außergewöhnliche – es gibt noch ausreichend Parkplätze, wo sonst um diese Uhrzeit kaum mehr ein Reinkommen ist. „Bestimmt ist die Dusche zu“, vermutet Jens, der für eine Thüringer Spedition fährt, und gerade vom „Bock“ gesprungen ist. Am Eingang des Gebäudes weist lediglich ein Schild darauf hin, dass die Toilette über den Seiteneingang erreichbar ist. Kontakt will man hier unter allen Umständen vermeiden; auch nicht sprechen. In Corona-Zeiten leiden vor allem die Lkw-Fahrer unter den von den Ländern erlassenen Vorgaben.

Gerade parkt ein Mann mittleren Alters seine Zugmaschine mit Auflieger auf einem der nach wie vor freien Parkplätze. „Paule“ steht auf dem Namensschild, das hinter der Scheibe hängt. Mehr will der Brandenburger zu seinem Namen nicht sagen. Dafür wettert er über die aktuellen Lage: „Du bist als Lkw-Fahrer das letzte Arschloch.“ Er schimpft sich in Rage. Politiker hätten noch lange nicht begriffen, davon ist er überzeugt, dass in Deutschland nichts mehr geht, wenn die Trucker mal stehen blieben.

Wie sich das in der Corona-Krise auswirkt? Ganz einfach: Weder duschen noch essen könne man vernünftig. Die ganze Autobahn A4 auf Thüringer Gebiet hat „Paule“ abgefahren. „Keine Chance, eine Dusche zu finden“, sagt er.

Nachfrage beim Infrastrukturministerium in Erfurt einen Tag später: Dort habe man vom Konzessionär der Raststätten erfahren, dass alle sanitären Anlagen in Betrieb seien. Einschließlich derer für mobilitätseingeschränkte Menschen. Explizit genannt, trotz Nachfrage dieser Zeitung, wurden die Duschen dabei allerdings nicht. Die Rastanlage Teufelstal bei Jena aber ist definitiv dicht – denn hier gibt es keine separate Tankstelle. Der Konzessionär Tank & Rast teilt auf Anfrage mit, dass überall die sanitären Anlagen auch weiterhin genutzt werden könnten. Einschränkungen seien allerdings dort möglich, wo es lediglich eine Raststätte gebe oder sogenannte abgesetzte Anlagen geführt würden. Das ist an zehn von 16 Standorten in Thüringen der Fall, teilte ein Sprecher auf Anfrage mit. Die Grundversorgung sei aber sichergestellt, heißt es.

Übrigens: Einige Autohofbetreiber, zum Beispiel Euro-Rastpark, 24-Autohof und Maxi-Autohöfe, unterstützen die Trucker bei ihren Problemen, halten alle Sanitäranlagen offen und verteilen „Extrawürste“, damit die Lkw-Fahrerinnen und Fahrer die Lieferketten aufrechterhalten können.

Aber auch online gibt es Hilfe: Viele Firmen bieten Truckern auf Facebook an, dass sie kostenlos ihre Duschen in den Unternehmen nutzen können. Thüringer Unternehmer haben sich in dieses Hilfsangebot eingereiht.

Martin Kammer, Hauptgeschäftsführer des Thüringer Landesverbandes für das Verkehrsgewerbe, bestätigt die Beobachtungen von der Autobahn. Die Fahrer hätten es schwer, ein gewohntes Maß an Hygiene aufrechtzuerhalten. „Sie müssen ihre Notdurft im Freien verrichten und können sich unter Umständen die ganze Woche nicht duschen oder waschen.“ Er fordert, dass dafür Lösungen von der Politik geschaffen werden. „Paule“ will nicht länger bleiben auf dem Rastplatz. Er muss aber, damit seine Lenk- und Ruhezeiten im Rahmen bleiben, eine Pause einlegen.

Verständnis für stringente Maßnahmen äußert indes Trucker Jens. Es müsse, sagt er, natürlich gehandelt werden. Allerdings wünscht er sich dabei „Augenmaß“ und ein Herz für diejenigen, die dafür sorgen, dass die Regale in den Supermärkten voll bleiben. Dann verschwindet er wieder mit seinem Lkw – eine Dusche suchen.

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