Einen Doktortitel, bitte: Aus dem Leben eines Ghostwriters

Jena  Der Ghostwriter Wolfgang Klinghammer schreibt für seine Klienten bis zu zehn Seiten pro Tag. In viele Themen muss er sich erst mühsam einarbeiten. Verloren hat er mit der Zeit den Respekt vor einigen Professoren.

Wolfgang Klinghammer ist Ghostwriter.Foto: Jördis Bachmann

Wolfgang Klinghammer ist Ghostwriter.Foto: Jördis Bachmann

Foto: zgt

Wenn Wolfgang Klinghammer erzählt, dann klappt dem Zuhörer unwillkürlich die Kinnlade runter. Der 41-jährige Jenaer schreibt wissenschaftliche Texte – als Verfasser taucht er jedoch nicht auf. Er ist Ghostwriter.

„Meine Aufträge lauten in etwa: Schreiben Sie 40 Seiten im Stile einer Bachelorarbeit. Wozu mein Text dann verwendet wird, kann ich mir natürlich zusammenreimen, aber sicher kann ich nicht sein“, sagt Klinghammer und schmunzelt dabei.

Nach seinem Studienabschluss in Politikwissenschaften und Geschichte an der Friedrich-Schiller-Universität nahm sich Klinghammer Zeit. Er hatte es nicht eilig und fühlte sich nicht dazu getrieben, akademisch oder anderweitig Karriere zu machen. Stattdessen verhilft er heute anderen zu ihrer Universitätskarriere. Klinghammer weiß, was er tut, redet offen, doch an den entscheidenden Stellen lächelt er nur, zuckt mit den Schultern und weist darauf hin, dass er keine Aufträge annimmt, aus denen der Verwendungszweck als Prüfungsleistung eindeutig hervorgeht.

Er habe zu den meisten seiner Kunden keinen direkten Kontakt, sagt Klinghammer. Der Kontakt laufe über eine Agentur, bei der er sich im Jahr 2004 angemeldet habe. Nein, mehr möchte er über seinen „Arbeitgeber“ nicht sagen. In der Agentur werde Wert auf Diskretion gelegt.

Weshalb Klinghammer dann mit dem Thema Ghostwriting überhaupt an die Öffentlichkeit geht? Dem unsichtbaren Geist, der sich hinter fremden Namen versteckt, gehe es nicht darum, sich endlich sichtbar zu machen. Nein, das sei nicht die Hauptmotivation. „Mir geht es darum, auf das Thema aufmerksam zu machen. Die meisten deutschen Medien lassen die Finger davon. Da muss erst ein Guttenberg kommen, damit darüber berichtet wird, dass irgendwas im System falsch läuft. Aber Guttenberg hat seine Arbeit ja selbst verfasst. Hätte er einen Ghostwriter gehabt, dann wäre das nicht aufgeflogen.

Kontrollmechanismen versagen

Der eigentliche Skandal ist nicht, dass einige Studenten oder Doktoranden ihre Abschlussarbeiten zusammenpfuschen. Der eigentliche Skandal ist es, dass solche extrem dürftigen Arbeiten mit Bestnoten durchgehen. Das ist ein völliges Versagen der Kontrollmechanismen, genauer: der zuständigen Gutachter, vielleicht sogar des Systems „Universität“ an sich. Das lässt sich nicht mit „wir sind getäuscht worden“ entschuldigen. Echte Konsequenzen im Hochschulsystem sind bis heute ausgeblieben. Es werden so viele Studenten sehr schnell durch die Uni geschleust, damit man loslegen kann mit dem Geldverdienen.“

Vor allem durch das neue Bachelorsystem werde das begünstigt. Eine individuelle Betreuung durch die Professoren sei bei den vielen Studenten gar nicht mehr möglich, und so könnten die Professoren auch nicht einschätzen, ob der Text tatsächlich von dem jeweiligen Studenten verfasst wurde oder nicht. Viele Professoren nähmen sich gar nicht die Zeit, alles zu lesen. Sie stützten sich aus Bequemlichkeit auf das, was einfach zu bewerten ist: die Formalien. Quellenverzeichnis, Gliederung, Literaturverzeichnis und so weiter. Später würden die Arbeiten ja ohnehin nicht mehr gelesen. Der Hochschulverband wolle das Thema runterspielen, sagt Klinghammer. Plakativ werde gefordert, akademisches Ghostwriting zu verbieten, das sei jedoch juristisch nicht sauber zu lösen. Denn schließlich würden viele wissenschaftliche Beiträge ganz legal von Ghostwritern verfasst, einfach deshalb weil die Leute wenig Zeit hätten oder einfach nicht gut schreiben könnten.

Bis zu zehn Seiten am Tag

In seiner gesamten Laufbahn als Ghostwriter seien etliche 1000 Seiten an wissenschaftlichen Arbeiten zusammengekommen. Bis zu zehn Seiten am Tag schafft Klinghammer. Pro Seite zahlen die Kunden zwischen 40 und 100 Euro. „100 Euro sind allerdings eher selten. Je nach Thema und Aufwand kann das Honorar, auf Stunden gerechnet, stark schwanken.“ In viele Themen muss er sich zunächst mühsam einarbeiten.

Auch in Fächern wie Jura oder Soziologie hat er bereits Texte verfasst – bei den Naturwissenschaften sehe es anders aus. Das sei nicht so einfach, da müsse man schon fundiertes Wissen haben. Einen eigenen Doktortitel besitzt Klinghammer nicht: „Da bezahlt mich ja keiner fürs Schreiben“, sagt er. Muss er nicht unheimlich schlau und belesen sein? Klinghammer lächelt, hat ein Blitzen in den Augen und sagt: „Ich muss nicht schlau sein, nur schlauer als meine Kunden.“ Dabei schreibt Klinghammer nicht nur wissenschaftliche Arbeiten. Anspruchsvoller sei es, Reden zu schreiben. „Das würde ich auch gern öfter tun.“ Einmal sei er zugegen gewesen, als eine seiner Reden gehalten wurde. „Das war schon lustig. Der Redner hat es geschafft, das Ganze so rüberzubringen, als würden ihm die Dinge gerade spontan einfallen.“

„Ich habe auch viele Aufträge, die für den Leser zunächst aussehen wie wissenschaftliche Studien, aber letztlich ist es nur als Wissenschaft getarnte Werbung. Unternehmen lassen sich oft solche Texte schreiben. Jeder kauft sich die Studie zusammen, die er braucht. Das ist auch an der Universität so. Man kann ein Gutachten schreiben, in dem die Fakten so sortiert werden, dass eine bestimmte Stoßrichtung unterstützt wird. Es ist nicht die Wissenschaft, um die es geht. Es geht um Geld oder um Ideologie.“

Ihm sei es wichtig, alles über die Agentur laufen zu lassen. Sie federe für beide Seiten – für den Schreiber und den Kunden – die Probleme ab. „Die Agentur sorgt dafür, dass ich mein Geld bekomme und der Kunde seinen Text.“

Er sei im Laufe der Jahre etwas zynisch geworden. Gegenüber einigen Professoren und Doktoren habe er geradezu den Respekt verloren. Er könne eigentlich nur noch so damit umgehen, innerlich über das System zu lachen und die Öffentlichkeit weiter darüber zu informieren, was passiert – Provokation inklusive.

l Wolfgang Klinghammer hat bereits zwei eigene Bücher verfasst: „Der Bearbeiter“ und das „Handbuch Ghostwriting“. Die Bücher sind im Handel erhältlich.

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