Führung über Friedhof zog zahlreiche Eisenacher an

Die Premiere war ein Erfolg und schreit förmlich nach Wiederholung(en). Die Führung auf dem Hauptfriedhof, die die Eisenach Wartburgregion Touristik GmbH (EWT) gemeinsam mit dem Verein der Eisenacher Gästeführer in Gang setzten, erfuhr eine Besucherresonanz, die nur die wenigsten erwartet hätten.

Die von Cornelia Braun geführte Gruppe macht Halt auf einem Friedhofsteil mit jüdischen Grabstätten. Die Teilnehmer erfahren an dieser Stelle Wissenswertes über die ehemalige jüdische Gemeinde in Eisenach und über jüdische Begräbniskultur. Foto: Jensen Zlotowicz

Die von Cornelia Braun geführte Gruppe macht Halt auf einem Friedhofsteil mit jüdischen Grabstätten. Die Teilnehmer erfahren an dieser Stelle Wissenswertes über die ehemalige jüdische Gemeinde in Eisenach und über jüdische Begräbniskultur. Foto: Jensen Zlotowicz

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Eisenach. Um die 80 Menschen, das Gros Eisenacher, wollten hören und sehen, was es über die "Eisenacher Persönlichkeiten und ihre Grabdenkmäler" zu erzählen gibt.

Die Initiative der EWT, die vom Verein der Gästeführer umgesetzt wurde, war ein guter Auftakt und ist ausbaufähig, resümierte EWT-Geschäftsführerin Heidi Günther. Die lobte die Fleißarbeit bei der Vorbereitung und Umsetzung durch die Gästeführer Cornelia Braun, Dietlinde Petarus und Otto-Wilhelm Könitzer. Die Teilnehmer der Führung waren von der Aktion angetan, auch wenn es im Detail, nicht zuletzt in der Dramaturgie, noch manches zu verbessern gäbe.

Die drei Gästeführer nahmen die Eisenacher mit auf eine Reise durch die Geschichte, die nicht nur die Gräber und das Leben von insgesamt 15 einst in Eisenach wirkenden Persönlichkeiten streifte, häufig Ehrenbürger der Stadt, sondern den Gästen auch Einblicke in die Historie des im Juni 1868 eröffneten Hauptfriedhofes und der Bestattungskultur des 19. und 20. Jahrhunderts selbst verschaffte.

15 denkmalgeschützte (Ehren)gräber standen im Fokus der Führung, darunter die Grabstätten der Oberbürgermeister August Roese und Friedrich Janson (1885-1946), Dichter Walter Flex, Komponist Wilhelm Rinkens, Forstmeister Dr. Carl Grebe oder der Unternehmer Johann Georg Bornemann. Ihr Wirken und ihre Verdienste wurden erläutert. Auch tangierte die Führung jüdische Grabstätten. Das erste Grab auf dem Friedhof überhaupt war ein jüdisches, die Beisetzung fand ein Vierteljahr vor der offiziellen Eröffnung statt, berichteten die Stadtführer.

Der Blick der Gäste wurde bei dieser Premiere auch auf große Grabstätten gelenkt, wie etwa die der Industriellenfamilie Eichel-Streiber oder der des Dichters Fritz Reuter. Dabei wurde neben der teils pompösen Ausstattung auch deutlich, in welchem bedauernswerten Zustand sich manches (Ehren)grab befindet. "Hier liegt wirklich einiges im Argen", kommentierte Dietlinde Petarus an der Grabstätte der Familie Eichel-Streiber. Es ist nicht das einzige. Der Stadt Eisenach fehlen die finanziellen Mittel, um den Verfall selbst denkmalgeschützter Grabstätten zu stoppen. Mit Führungen wie dieser wird der Missstand der Öffentlichkeit mehr denn je vor Augen gehalten.

Dass die symbolisierte Wurzel des Baumes auf dem künstlerisch wertvollen Grabstein des Dichters Friedrich Lienhard das Elsass in den Grenzen nach 1918 zeigt - Lienhard war nationalstolzer Elsässer - erfuhren die Teilnehmer ebenso wie zahlreiche mehr oder minder bekannte Details aus dem Leben und Wirken der Eisenacher Persönlichkeiten.

"An das Staatsbegräbnis und den Menschenauflauf hier kann ich mich auch noch erinnern", meinte eine Frau am Grab des ehemaligen Landesbischofes Moritz Mitzenheims, der 1977 unter großer Anteilnahme beigesetzt wurde. Etwa 20.000 Menschen sollen im Juni 1933 gar den Trauerzeug des Komponisten und Musikdirektor Wilhelm Rinkens gebildet haben, berichteten die Stadtführer. Die hatten die Tour auch mit Blick auf die Dauer so und nicht anders gewählt. Es gäbe noch zahlreiche weitere prominente Grabstätten auf dem Friedhof, aber die Wege wären dann auf dem weitläufigen Areal mitunter zu lang für eine Führung, hieß es.

Manche Frage stellte sich am Ende bei Teilnehmer der Premiere-Führung, etwa, was die Bezeichnung "Geheimer Rat" auf einem Grabstein bedeutet. Dass dieser bedeutende Mensch kein "Geheimagent", sondern ein "Vertrauter" (nach der zweiten Bedeutung des Wortes geheim) des Fürsten war, könnte schon bei der nächsten Führung dieser Art erklärt werden.

Die besondere Stadtführung kommentiert Jensen Zlotowicz:

Die Initiatoren haben mit ihrer ersten Führung über den Eisenacher Hauptfriedhof und den Blick auf Persönlichkeiten und ihre Grabstätten den Nerv des Publikums getroffen. Die Premiere zeigte: Lokalgeschichte kommt an. Die Auswahl von Prominenten wie dem Dichter Fritz Reuter oder Landesbischof Moritz Mitzenheim spricht eher Touristen, auswärtige Gäste an. Vielen Eisenachern sind diese Promis aus anderen Quellen bereits bekannt. Will man dem neugierigen, lokalen Publikum Neues und Spannenderes anbieten, müsste man Geschichten, etwa von "B-Prominenten", ausgraben und erzählen. Die gibt es in der Eisenacher Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts; auch auf dem Friedhof. Freilich ist der Rechercheaufwand dafür groß. Eisenacher Stadtführer, die die Aufgabe eh schon für wenig Geld und mehr aus Enthusiasmus leisten, sind damit wohl überfordert. Aber vielleicht findet sich mal eine Gruppe von Abiturienten, die ein dankbares und nachhaltiges Thema für die Seminarfacharbeit sucht. Das wäre eins.

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