Hauptfriedhof Eisenach: Lieber Urne statt Sarg

Es wird Herbst. Auf den Wegen des etwa 118.000 Quadratmeter großen Eisenacher Hauptfriedhofes waren städtische Mitarbeiter mit Gebläsen unterwegs, um Laub zu beseitigen, das massiv gefallen war.

Zum ersten Mal nach dem Sommer mussten Mitarbeiter der Friedhofsverwaltung die Gebläse rausholen, weil auf dem Eisenach er Hauptfriedhof massiv Laub gefallen war. Fotos: Jensen Zlotowicz

Zum ersten Mal nach dem Sommer mussten Mitarbeiter der Friedhofsverwaltung die Gebläse rausholen, weil auf dem Eisenach er Hauptfriedhof massiv Laub gefallen war. Fotos: Jensen Zlotowicz

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Eisenach. "Die Nacht zuvor war es kalt und dann hat es geregnet", erzählt ein Mitarbeiter. Dann fiele das Laub massenhaft.

Der Hauptfriedhof soll auch deshalb gepflegt aussehen, weil die Eisenach Wartburgregion Touristik GmbH und der Verein der Gästeführer für Samstag zu einer außergewöhnlichen Führung eingeladen haben. Thema: Der Eisenacher Hauptfriedhof - Eisenacher Persönlichkeiten und ihre Grabdenkmäler.

Die Führung bietet die seltene Gelegenheit, mehr über prominente Persönlichkeiten und deren Familien, die in Eisenach lebten und Zeitgeschichte geschrieben haben, zu erfahren. Gleichzeitig gibt sie einen Einblick in die Bestattungskultur des 19. und 20. Jahrhunderts. Sie prägt Teile dieses Friedhofes.

Der Eisenacher Hauptfriedhof ist zeitgeschichtlich von großer Bedeutung, denn dort finden sich zahlreiche Zeugnisse der Bestattungskultur besonders des 19. Jahrhunderts. Viele dieser interessant gestalteten Grabanlagen stehen daher auch seit 1993 unter Denkmalschutz. Der Friedhof am Fuße des Wartenbergs ist in erster Linie ein Ort für Bestattungen, für Trauer und Besinnung, aber zugleich auch ein Ort der Zeitgeschichte, der Begegnung und dank der alten Bäume und Sträucher und der Ruhe ebenso ein Ort der Erholung.

Ob Friedhofs-Führungen wie diese auch in 50 Jahren noch sinnvoll sind, ob der Friedhof seinen Charakter als Grab-, Kunst- und Geschichtsstätte dann noch so besitzt, das steht mit Blick auf die immer spartanischer werdende Bestattungskultur in den Sternen. Das klassische Doppelreihengrab - für Mann und Frau (und Kinder) - wird immer seltener verkauft.

Sogenannte Familiengrabstätten (Wahlgrabstätten für Urnen oder für Erdbestattungen) werden weniger nachgefragt als in früheren Zeiten. Genaue Statistiken werden von der Eisenacher Friedhofsverwaltung dazu nicht geführt. Die Mitarbeiter dort schätzen aber, dass Erdbestattungen derzeit insgesamt nur noch etwa fünf Prozent aller Bestattungen ausmachen. Die Menschen sparen. Denn Sterben ist teuer.

Den Nachkommen nicht zur Last fallen

Schon zu Lebzeiten erklären immer mehr Menschen ihren Angehören, dass sie ihnen durch die Bestattung und Grabpflege nicht übergebührlich zur Last fallen wollen. Kinder wohnen häufig nicht mehr im Ort ihrer Eltern. Andere Verwandte sind nicht da. Die Konsequenz: die Zahl der teilanonymen Bestattungen steigt enorm, obwohl natürlich weiterhin Wahlgräber für Urnenbestattungen (zwei bis sechs Urnen, mit entsprechenden Größen) angeboten und vergeben werden. Immerhin 96 Namen tragen die Stelen mit den Namen der teilanonym Bestatteten am Haupteingang des Friedhofes. Grabstätten mit möglichst geringem (oder keinem) Pflegeaufwand liegen im Trend, weiß Heiko Wolter von der Friedhofsverwaltung. Deshalb sind Urnenrasenwahlgräber auf dem Eisenacher Hauptfriedhof derzeit häufiger nachgefragt als Beisetzungen von Urnen in Reihengräbern. Urnenrasewahlgräber sind Grabstätten mit Stein auf einer Wiesenfläche. Diese machen keine Pflege für Angehörige erforderlich, bieten aber eine Grabstelle mit Namen und Blumenablage. "In ein paar Jahren wird der Friedhof hinsichtlich der Grabstätten ein anderes Bild abgeben als heute", prophezeit ein Mitarbeiter. Fast täglich machen sie die Erfahrung, dass ein Grab kaum noch Aufmerksam erfährt, sobald ein meist betagter Angehöriger, der es betreut, krank geworden oder gestorben ist. "Wer sonst außer den Alten hat denn heute noch Zeit für den Friedhof", weiß Heiko Wolter.

Die mitunter imposanten und künstlerisch wertvollen Grabsteine aus dem 19. und 20. Jahrhundert, die bei der Führung am Samstag im Fokus stehen, werden weniger. Die Nachfahren können und wollen sich teure Steinmetz(hand)arbeiten immer seltener eisten. Es ist auch keine Seltenheit mehr, dass Grabeigentümer umgefallene Gedenksteine nicht mehr aufstellen und befestigen lassen, weil sie die 200 Euro dafür sparen.

Minimalismus bringt Gewerke in Bedrängnis

Der Minimalismus bringt auch das Gewerk der Steinmetze und Gärtner in Bedrängnis, sagt die in Eisenach ansässige Steinmetzmeisterin Ulrike Schneider. Sie kritisiert, dass die Stadt Eisenach dem Trend nicht entgegensteuert. Dem widerspricht Heiko Wolter jedoch. Es gebe genügen Gestaltungsspielraum, was auch die Kosten tangiert. Hätte die Friedhofsverwaltung in der Vergangenheit die teilanonyme Bestattung nicht auf den Weg gebracht, wären viele davon den gänzlich anonymen Weg gegangen. Über die Piraten im Stadtrat hat die Steinmetzin eine Anfrage gestellt, um die Gestaltungsvorschriften für die Eisenacher Friedhöfe zu überarbeiten. Sie hat zudem den Vorstoß unternommen, dass sich Verwaltung, Steinmetze und Gärtner der Region an einen Tisch setzen.

Die aktuelle Mindeststärke für Grabstelen (16 Zentimeter) könne man auch reduzieren, sagt Ulrike Schneider. Damit würde sich der Preis reduzieren. Wolter kontert: Auch eine preiswertere Liegeplatte ist doch möglich. Andere Steinmetzunternehmen hätten solche Sorgen zudem nicht. Vieles hänge auch am Verhandlungsgeschick.

Auch die Zahl der Felder auf dem Eisenacher Hauptfriedhof, bei denen Grababdeckungen gestattet sind (derzeit drei/d.Red.), könnte für Ulrike Schneider mit Blick auf die "Pflegeleichtigkeit" erhöht werden. Ihr schwebt auf dem Hauptfriedhof zudem die Anlage eines Musterfeldes mit Grabstellen vor, die einen Stein haben und bepflanzt sind.

Es soll Angehörige geben, die eine anonyme Bestattung schon bereut haben. Auch das zeigt, dass das Thema bei allem rationalen Denken zu Kosten und Aufwand noch emotional ist. Welche neuen Bestattungsformen in Eisenach auch immer angeboten werden, sagt Heiko Wolter, die Tendenz geht eindeutig zu sparsamen Begräbnisformen und Grabausstattungen, die sich früher oder später auch auf das Erscheinungsbild und möglicherweise die Aura des Eisenacher Hauptfriedhofes auswirken werde.

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