Iba Thüringen: In Nordhausen entstehen neue Wohnformen

Nordhausen  Das Projekt Nordhausen-Nord wird konkret: Der Umbau des Pilotvorhabens im Wohngebiet soll im kommenden Jahr beginnen.

Beate Meißner (Sachgebietsleiterin Stadtentwicklung Nordhausen), Iba-Projektmanagerin Kerstin Faber und SWG-Chefin Inge Klaan blicken zuversichtlich auf die angedachten Planungen für Nordhausen-Nord.

Beate Meißner (Sachgebietsleiterin Stadtentwicklung Nordhausen), Iba-Projektmanagerin Kerstin Faber und SWG-Chefin Inge Klaan blicken zuversichtlich auf die angedachten Planungen für Nordhausen-Nord.

Foto: Fabian Klaus

„Durch das Wachstum des Lebensmittel-Versandhandels schlossen viele Großdiscounter ihre Tore.“ Der Satz steht tatsächlich niedergeschrieben in einer gedruckten Zeitung. Die erfüllt vollumfänglich die Aufgabe einer Glaskugel. In der „Nordhäuser Zukunftszeitung“ haben sie schon einmal eine Vielzahl der Lebensmittelmärkte in die Geschichtsbücher verbannt.

Wir schreiben das Jahr 2038. Autoren des Blattes, das im Zuge des Iba-Projektes von Nordhäuser Bürgern entworfen und in kleiner Auflage gedruckt wurde, befassen sich gerade damit, wie sich der Stadtumbau entwickelt und was nach 20 Jahren vom Projekt der Internationalen Bauausstellung (Iba) Thüringen bleibt. Zukunftsmusik.

Zurück ins Jahr 2019. Die Vorbereitungen für das Iba-Projekt Nordhausen-Nord laufen gerade noch auf Hochtouren. Wöchentlich treffen sich Entscheider. Immer wieder werden neue Ideen geboren, alte verworfen. Der Baustart rückt weiter in den Fokus. 2020 soll es losgehen im Wohngebiet Nordhausen-Nord. 2000 Einwohner gibt es hier. Plattenbauten bestimmen das Bild.

Ändern wird sich das bis 2038 nicht. Aber die Vision des Zusammenlebens ist eine andere. „Die Platte lebt“, sagt Inge Klaan. Der Geschäftsführerin der Städtischen Wohnungsbaugesellschaft (SWG) merkt man deutlich an: Sie brennt für das Projekt, das Generationen verbinden könnte. „Wenn die Menschen merken, dass es eine Vision gibt, dann halten sie auch daran fest“, sagt die Geschäftsführerin.

Wie sieht die Idee aus? Für Nordhausen-Nord lässt sie sich leicht an einem Quartiersteil erklären. Drei Plattenbauten stehen hier im Ossietzky-Hof. Im Inneren gibt es Parkflächen. Nur noch wenige Wäscheleinen sind gezogen. Die Müllsammelstellen werden versteckt – so gut es eben geht. An vielen Fensterfronten hängen keine Gardinen mehr. Seit drei Jahren, sagt Inge Klaan, gibt es einen Vermietungsstopp. Wenn der Umbau beginnt, dann soll Platz für die Arbeiten sein. Gleichwohl: Viele Menschen, die hier schon ihr ganzes Leben verbracht haben, könnten an dem Wohnort zwischen Innenstadt und Einfamilienhaus-Siedlung festhalten.

Einen großen Mieterwechsel gab es in den Plattenbauten bisher nicht. In den 1970er- und 1980er-Jahren galt es, das Wohnproblem zu lösen. Schnell entstand zur DDR-Zeit viel Wohnraum über mehrere Etagen. 90 Prozent der Wohnungen sind nach wie vor im Erstbezug vermietet – Barrierefreiheit ist ein Thema, das bisher überhaupt keine nennenswerte Rolle spielt.

Dass Nord eine Zukunft hat, davon zeigt sich Beate Meißner überzeugt. Die Sachgebietsleiterin für den Bereich Stadtentwicklung spricht voller Enthusiasmus über das, was im Rahmen der Iba umgesetzt werden soll – und zieht einen Vergleich mit den Projekten, die im Rahmen der Landesgartenschau umgesetzt wurden.

Zum Beispiel entstand im Stadtkern das neue, moderne Bürgerhaus mit Bibliothek. Einst skeptisch beäugt wird es heute rege genutzt. „Seit das fertig ist und die Menschen hierher kommen können, hat es sich positiv entwickelt“, sagt sie – und hofft, dass das für das Wohngebiet Nord ebenso eintritt. Wenn dem Nordhäuser eine Sache eigen zu sein scheint, dann seine nicht immer unbegründete Skepsis. Inge Klaan und Beate Meißner haben das bei verschiedenen Bürgerversammlungen beobachtet. Die beiden Frauen kennen die Stadt seit Jahrzehnten. Der Umbau des Wohngebietes wird den Menschen zunächst Einschnitte bringen. Und am Ende steht die entscheidende Frage nach der zukünftigen Miethöhe. „Ich kann mit Geld natürlich alles erschlagen“, sagt Inge Klaan. Wichtig sei, daran lässt sie aber keinen Zweifel, „dass die Mieter am Schluss die Miete noch bezahlen können“.

Zunächst steht die Sanierung eines Hofbereiches auf dem Plan. Die drei Platten des Ossietzky-Hofes, die hier erbaut sind, besitzen zwecks besserer Identifikation bereits Namen. Sie „hören“ auf Sophie, Ludwig und Franzi. Zwischen kleinen Eingriffen, die große Wirkungen erzielen sollen und gänzlicher Umwälzung der bisherigen Anordnungen ist alles geboten. Von maßvoller Verschiebung des Laubenganges bis hin zur Einrichtung von Gemeinschaftsterrassen und Gartenräumen findet sich in den Plänen vieles wider. Wichtig sei, darauf legt Kerstin Faber besonders Wert, dass die Umbauten unter energetischen Gesichtspunkten erfolgen. Die Fassade beispielsweise soll nicht verklebt werden, der Vorbau von einem der drei Platten wird komplett offen sein. Im Innenbereich werden die Parkplätze verschwinden, dafür wird es eine mobile Ecke geben. Grüne Schnittstellen und Quartiersgaragen sind weitere Ideen, die im Umbaukonzept vorhanden sind.

„Der erste Hof ist für uns eine Art Lernhof“, sagt Kerstin Faber, die der Umsetzung hoffnungsfroh entgegen sieht. Wenn alles gut geht, gibt es in 20 Jahren sechs dieser Höfe in Nordhausen-Nord. Denn die weiteren Quartiere lassen die entsprechende Entwicklung ebenfalls zu. Ein Millionenprojekt für die Wohnungsgesellschaft und die Wohnungsgenossenschaft.

Für jeden dieser Höfe stellen sich die Planer eine Art Quartiersmanager vor – heute würde man wohl Hausmeister sagen. Das Zusammenleben neu gestalten, dieses Ziel verfolgen die Planer und die Entscheider können dem Vorhaben einiges abgewinnen. Einem Hof wieder Identität verleihen, sagt Inge Klaan, das müsse das Ziel sein. Die Nachbarn sollen sich wieder untereinander kennen – und im Ernstfall auch helfen.

Wenn 2023 das Jahr der Iba in Thüringen ist, soll von den Umbauarbeiten ein gutes Stück zu sehen sein. Dann werden vielleicht auch die Wege kürzer sein und das Zentrum des Stadtteils rückt enger zusammen.

Diese Verdichtung könnte ebenfalls zu mehr Wohnqualität beitragen. Denn neben dem Plan für die Höfe gibt es auch einen für einen sogenannten Stadt-Loop und eine Hanglandschaft. Der Loop schlängelt sich als eine Art Rundweg durch Nordhausen-Nord und an ihm finden die Bewohner die Dinge des täglichen Bedarfs. Die Hanglandschaft dient als Scharnier zur Natur – und bietet Wege ins Grüne.

Schon jetzt trifft das Deutsche Rote Kreuz (DRK), das auch künftig direkt am „Loop“ liegen wird, erste Vorbereitungen für den Umbau seiner Liegenschaft. Auch der Discounter um die Ecke plant eine Neukonzeption seines Marktes, wird eine andere Zufahrt erhalten.

Alles rückt dann dichter zueinander. Ob er dann nach wie vor Lebensmitteldiscounter bleibt? Offen. Die „Nordhäuser Zukunftszeitung“ aus dem Jahr 2038 hat bereits eine mögliche Weiternutzung publiziert – es seien, heißt es in der Meldung, „verstärkt regionale Frischemärkte entstanden“.

Stadt und Land

Die Internationale Bauausstellung (Iba) Thüringen wurde 2012 auf Beschluss der Landesregierung gegründet, der Freistaat ist einziger Gesellschafter.

2014 erfolgte der Aufruf Zukunft „StadtLand“. Von den 28 Iba-Vorhaben haben sich bereits zwölf als Projekt qualifiziert. Iba-Kandidat wird, wer gute Ideen für die Wechselwirkung von Stadt und Land vorweisen kann, für Beziehungen zwischen Individuen und Natur, Siedlung und Landschaft, Gesellschaft und Ressourcen.

Die Iba dauert bis 2023, die Projekte sollen weiter wirken. Wir stellen einige vor.

Informationen unter www.iba-thueringen.de

Der Ossietzky-Hof

Die Planer des Teams von „Hütten und Paläste“ sehen für die drei Plattenbauten unterschiedliche Eingriffe vor:

  • Die stärksten Veränderungen wird es im östlichen Wohnblock geben. Er wird zur „flexiblen Mehrwegplatte“ ausgebaut.
  • Es wird Maisonette-Wohnungen im Erdgeschoss und der ersten Etage geben sowie einen breiten Laubengang.
  • Im Obergeschoss hat der Gemeinschaftsflächen, die die Bewohner aufteilen.
  • Der mittlere Wohnblock, gleichzeitig die längste der drei Platten, erfährt nur geringe Änderungen – zum Beispiel wird es eine Öffnung zum Hof im Erdgeschoss geben.
  • Massiv eingegriffen wird in den Block, der einst Schwesternwohnheim war. Aus den 1-Zimmer-Wohnungen werden 2- bis 3-Zimmer-Einheiten.Der bestehende Laubengang wird als Loggia ausgebaut.

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