Spektakuläre Kriminalfälle (11): Als Ernie und Bert wieder zurück kamen

Erfurt/Weimar  Wie der Diebstahl zweier Puppen Erfurt 1996 in die internationalen Schlagzeilen brachte und am Ende alles gut ausging - auch wenn der Fall nie gelöst werden konnte. Das im 11. Teil unserer TLZ-Serie Spektakuläre Kriminalfälle..

Lachend zeigte Rainer Grube, damaliger Leiter der Erfurter Polizeidirektion, die Originalpuppen „Ernie" und „Bert" aus der Sesamstraße während einer Pressekonferenz 1996 in Weimar. Die in Erfurt gestohlenen Puppen im Wert vom mehr als 180 000 D-Mark waren beim Privatsender Antenne Thüringen anonym abgegeben worden. Foto: Ralf Hirschberger

Lachend zeigte Rainer Grube, damaliger Leiter der Erfurter Polizeidirektion, die Originalpuppen „Ernie" und „Bert" aus der Sesamstraße während einer Pressekonferenz 1996 in Weimar. Die in Erfurt gestohlenen Puppen im Wert vom mehr als 180 000 D-Mark waren beim Privatsender Antenne Thüringen anonym abgegeben worden. Foto: Ralf Hirschberger

Foto: zgt

Ein Einbruch in eine Halle im Egapark bringt Erfurt 1996 international in die Schlagzeilen. Zwei 60 Zentimeter große Stoffpuppen sind aus einer Vitrine verschwunden – sowie Fernseher und weitere Technik, informiert die Rostocker Ausstellungsfirma, die mit ihrer Schau „The Vision of Jim Henson“ durch Deutschland tingelt, die Polizei.

Die rückt mit Beamten des Dauerdienstes an, schaltet dann das Kommissariat 22 ein und lässt die Kriminaltechniker Spuren sichern. Vermutet wird, dass die Täter einen Nachschlüssel für die Halle hatten. Soweit Alltagsgeschäft. Jedenfalls so lange, bis die Information über den Diebstahl in die Medien gelangt.

Den Polizisten, mit Pittiplatsch und Schnatterinchen aufgewachsen, ist bis dahin nicht klar, welche spektakulären Ausmaße der Diebstahl noch annehmen wird. Nicht irgendwelche Puppen haben hier unfreiwillig den Besitzer gewechselt, sondern Ernie und Bert, Originalfiguren, geschaffen von Jim Henson für die Kindersendung Sesamstraße, ein Dauerbrenner im Westfernsehen. „Zuerst war es ein Diebstahl unter vielen. Die besondere Dimension wurde uns erst später bewusst“, erinnert sich Helmut Krauße, der fast 20 Jahre Vize-Chef der Erfurter Kripo war, an den Tag des Diebstahls, den 29. Januar 1996.

Radiosender sind die ersten, die den Verlust vermelden. Jetzt ist von Unikaten die Rede – und die Ermittler gehen deutlich konzentrierter zur Sache. Klar ist ihnen zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass der Fall die Polizei eineinhalb Monate auf Trab halten wird.

Auf 180 000 D-Mark wird der Wert der Sesamstraßen-Puppen beziffert – für die Versicherung. Eigentlich aber ist das Sesamstraßen-Duo unbezahlbar. Der amerikanische Muppets-Erfinder Jim Henson, der Ernie und Bert geschaffen hatte, war 1990 gestorben. Die beiden Exemplare, nach denen nun in Erfurt gesucht wird, sind die Originale der allerersten Sesamstraßen-Sendung aus dem Jahr 1969: Der öffentliche Druck auf die Ermittler wächst.

Der Privatsender Antenne Thüringen lobt eine Belohnung von 10 000 Mark aus für jenen, der die Figuren beim Sender abgibt. Nach der Devise, dass für einen gewöhnlichen Einbrecher die Figuren kaum zu Geld zu machen sind, die Kinder in aller Welt aber ihren schmerzlichen Verlust betrauern.

Im Laufe der Ermittlungen appelliert auch Schauspieler Gerd Duwner, der dem quirligen Ernie seit 1969 seine Stimme und das krächzende Lachen leiht, an die Täter, die für sie an sich wertlose Beute zurück zu geben.

Und tatsächlich: Ein Mann nimmt Kontakt auf, erst mit Mitarbeitern des Egaparks, dann mit dem Sender. Er sei nicht der Dieb, teilt er mit, aber er könne die Figuren wiederbeschaffen.

Gemeinsam mit dem Sender bereitet die Kripo daraufhin die Übergabe vor. Mit einem BMW fährt der 48-jährige Thüringer schließlich Mitte März in der Belvederer Allee am Senderstudio in Weimar vor, gibt die Figuren ab. Verpackt in blauen Müllsäcken. Nur Ernie hat gelitten, sein Hals ist ein wenig verbogen, ansonsten sind die Sesamstraßen-Stars wohlauf.

Bei der Übergabe wird der Mann von der Polizei observiert, gestellt und befragt: Er habe die Figuren von einem Unbekannten erhalten, sagt der Überbringer der Polizei, der er wegen anderer Delikte selbst alles andere als ein Unbekannter ist.

Ein Tatverdacht besteht. Den Beamten aber gelingt es nicht, dem 48-jährigen Mann, der in Arnstadt lebt, den Diebstahl nachzuweisen, wie Ex-Kripo-Chef Krauße sagt. Ein Ermittlungsverfahren wird schließlich eingestellt.

„Der Fall ist nie richtig aufgeklärt worden, aber das Ergebnis zählt“, erinnert er sich: Erfurts Polizeichef Rainer Grube kann mit Ernie und Bert an seiner Seite in die Kameras lächeln – ein Bild, das um die Welt geht.

Ernie und Bert sind wieder da, das zählt. Sie können nach Bremen reisen, wo in der Vorwoche die Henson-Ausstellung noch ohne das Duo eröffnet worden war. Noch bis November des Jahres werden sie durch Deutschland touren – ohne weitere Zwischenfälle – und danach in ihre Heimat, die USA, zurückkehren.

Zur Sache: Thüringens dunkle Seite

Die TLZ lässt in ihrer Serie die spektakulärsten Kriminalfälle aus Thüringer Landen Revue passieren. Bisher erschienen:

l Ex-Kriminaloberrat Klaus Dalski über 25 Jahre bei der Kripo im Bezirk Erfurt

l Grausiger Mord im Eichsfeld bringt Ermittler an Grenzen

l Der Hochstapler Harry Domela im „Erfurter Hof“

l Wie Friedrich Schiller seinen Kopf verlor

l Wie Theodor Storm in Heiligenstadt drei spektakuläre Mordfälle verhandelte

l Weimarer Polizisten verhindern den Amoklauf mit einem Samuraischwert

l Wie Kriminalrat Hans Thiers in Gera das Grauen erlebte

l Ein halbes Schwein hilft Kriminalisten beim Ermitteln

l Fatale Verwechslung mit Mehrfachmörder

Alle Serienteile unter: www.tlz.de/kriminalfaelle

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