Transatlantischer Dialog: US-Experte fordert neue Ausrichtung von Deutschland und Europa

Erfurt  Deutschland müsse Lösungsansätze für seinen massiven Außenhandelsüberschuss entwickeln. Ein Interview mit US-Experte Peter Rough vor dem Transatlantischen Dialog in Erfurt.

„Europa muss sich auch mit seinen eigenen Spaltungen und Herausforderungen auseinandersetzen. Es gilt daher, zunächst den Brexit hinter sich zu bringen“, Peter Rough, Fellow am Hudson Institute.

Foto: privat

Die Außenpolitik der USA gegenüber Europa wird am heutigen Montag beim Transatlantischen Dialog in Erfurt im Mittelpunkt stehen. Das US-Generalkonsulat Leipzig, das für Mitteldeutschland zuständig ist, und die Konrad-Adenauer-Stiftung laden dazu ein. Die deutsche Perspektive nimmt Professorin Beate Neuss ein. Sie lehrt Internationale Politik an der Technischen Universität Chemnitz und forscht zu den transatlantischen Beziehungen.

Zum Thema befragte die TLZ vorab Peter Rough. Er ist seit 2014 Fellow am Hudson Institute in Washington, DC und führt derzeit zwei vertiefende Studien durch: eine, die die Herausforderung Irans gegenüber der von den USA angeführten regionalen Ordnung im Nahen Osten untersucht, und eine weitere, die die Zukunft Europas betrifft.

Herr Rough, was muss, was darf die Thüringer Wirtschaft in Zusammenhang mit der US-amerikanischen Außenpolitik erwarten?

Da fallen mir sofort drei Dinge ein: Die kürzlich in den Vereinigten Staaten verabschiedete Steuerreform wird sich auf Investitionsströme auswirken. Die US-Außenpolitik gegenüber Iran – und teilweise auch gegenüber Russland – wird Unternehmen zu denken geben, die Iran als Exportmarkt in Betracht ziehen. Und die Neuverhandlung von NAFTA wird als Vorlage für zukünftigen Handel genau verfolgt werden. Generell werden die Vereinigten Staaten darauf drängen, dass Deutschland Lösungsansätze für seinen massiven Außenhandelsüberschuss entwickelt, denn dieses Ungleichgewicht schadet der Eurozone. Und schließlich hat die Energierevolution in den Vereinigten Staaten die OPEC ausgehebelt und auf die Energiepreise gedrückt.

Welche Folgen wird das haben?

Obwohl Vorhersagen in Bezug auf Rohstoffmärkte bekanntermaßen schwer zu treffen sind, werden die niedrigen Energiepreise westlichen Volkswirtschaften – auch Deutschland – wahrscheinlich auch weiterhin zugute kommen. Wir erleben heute ein synchrones Wachstum der Weltwirtschaft.

Wenn Europa für die USA an Gewicht und Bedeutung verliert: Ist sich dann die USA selbst genug – oder sehen sich die Vereinigten Staaten nach neuen Partnern um?

In vielerlei Hinsicht ist Europa schwach. Am deutlichsten zeigt sich das an den Verteidigungsausgaben. Aber Europa verfügt über enorme latente Macht, wirtschaftliche Stärke und kulturelle Verbindungen zu den Vereinigten Staaten. Es wird in Zukunft unerlässlich sein, dass die Vereinigten Staaten und Europa zusammenarbeiten. Europa wird zur Mitte des 21. Jahrhunderts vielleicht nicht das geopolitische Zentrum der Welt sein, aber der Westen wird stärker sein, wenn wir zusammen dafür sorgen, dass unsere Werte die zukünftige geopolitische Ordnung prägen. Wenn die Vereinigten Staaten und Europa beispielsweise ein effektives Gegengewicht zu Pekings merkantilistischer Handelspolitik schaffen wollen, werden sie sich in ihrem Vorgehen abstimmen müssen.

Sollte sich Europa und damit auch Deutschland selbst auch neu ausrichten?

Meiner Meinung nach sollte Europa innerhalb einer starken transatlantischen Gemeinschaft unabhängige Strategien entwickeln. In Afrika konzentriert sich Europa zum Beispiel verstärkt auf wirtschaftliche Entwicklung, um große Migrationsbewegungen aufzuhalten. Die Vereinigten Staaten sollten ein solches Vorgehen begrüßen. Aber zugleich muss sich Europa auch mit seinen eigenen Spaltungen und Herausforderungen auseinandersetzen. Einerseits reden wir über Europa, andererseits wird in amerikanischen Zeitungen über mögliche Sanktionen gegen Polen, einen Mitgliedsstaat der Europäischen Union, berichtet. Es gilt daher, zunächst den Brexit hinter sich zu bringen, um eine Grundlage für ein neues Kontinentaleuropa zu schaffen, das Einheit und Vielfalt schätzt. Und diese Aufgabe ist nur mit den Vereinigten Staaten als engagierter Partner zu bewältigen.

Zu den Kommentaren