Wilhelm Wolfgang Schütz „Reise nach Buchenwald“ (Artikel l bis lV)

Eine Artikelfolge in der deutschsprachigen jüdischen Emigrantenzeitschrift „Aufbau – Reconstruction“ (New York) im Mai/Juni 1945.

Die befreiten Kinder von Buchenwald vor dem Lagertor.

Die befreiten Kinder von Buchenwald vor dem Lagertor.

Foto: Volker Wahl

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Vorbemerkungen von Prof. Dr. Volker Wahl

Das seit 11. April 1945 befreite Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar wurde schon bald von amerikanischen und britischen Parlamentarierdelegationen aufgesucht, die sich von den Verbrechen des NS-Regimes in den deutschen Konzentrationslagern mit eigenen Augen überzeugen wollten.

Mitglieder des Kongresses aus den USA besichtigten am 22. und 24. April 1945 das Lager auf dem Ettersberg. Parlamentarier aus dem Unterhaus und dem Oberhaus in London hatte bereits am Nachmittag des 21. April 1945 das befreite KZ Buchenwald inspiziert. Aber auch die internationale Presse stellte sich ein.

Am 23. April 1945 hielt der amerikanische Camp-Kommandant des befreiten Konzentrationslagers Buchenwald, Major Lorenz C. Schmuhl, in seinem Tagebuch fest: „Several groups of war correspondents and representatives of neutral press visited the Camp under escort of Staff.”

Neben den speziellen Kriegskorrespondenten gehörte zu den Vertretern der „neutralen Presse“ auch der 1935 nach England emigrierte deutsche Journalist Wilhelm Wolfgang Schütz (1911-2002). Er entstammte einer ehemals jüdischen, später evangelischen Bamberger Fabrikantenfamilie.

Nach dem Universitätsstudium (Staatswissenschaft, Geschichte, Germanistik, Kunstgeschichte) in München und Heidelberg und der staatswissenschaftlichen Promotion (Die Staatsidee des „Wilhelm Meister“) zum Dr. phil. 1934 in Heidelberg verließ er mit seiner Frau Nazi-Deutschland.

In der Emigration in England betätigte er sich politisch und publizistisch in deutschen Exilkreisen und wurde Korrespondent verschiedener Zeitungen in London (u.a. 1941 bis 1951 der „Neuen Züricher Zeitung“). Hier lernte er viele prominente Emigranten kennen, darunter die Schriftsteller Stefan Zweig und Arthur Koestler, auch den späteren SPD-Vorsitzenden Erich Ollenhauer.

Zusammen mit seiner Frau Barbara veröffentlichte er 1943 mit „German Home Front“ ein frühes Buch über den deutschen Widerstand gegen das NS-Regime. Nach seiner Rückkehr in den Westen Deutschlands war er als Politikberater tätig, wandte sich mit deutschlandpolitischen Vorschlägen an die Öffentlichkeit und drängte auf eine aktive Politik der Wiedervereinigung.

1972 wurde er Mitglied der SPD und ein Befürworter der neuen Ostpolitik Willy Brandts. Seine Erlebnisse während der „Reise nach Buchenwald“ im April 1945 im bereits befreiten Thüringen schilderte er als „Sonderkorrespondent“ der deutschsprachigen jüdischen Emigrantenzeitschrift „Aufbau Reconstruction“ in New York in einer Artikelfolge, die im Mai/Juni darin veröffentlicht wurde.

Dieser bemerkenswerte Text, in dem Schütz auch das wiedererwachende Leben in der thüringischen Landeshauptstadt zwei Wochen nach deren Besetzung vom 12. April beobachtet hat, ist ein bisher nicht bekanntes Zeitdokument, das hier in seinen vier Folgen veröffentlicht werden soll.

Reise nach Buchenwald

  • Von Wilhelm Wolfgang SCHUETZ, Sonderkorrespondenten des „Aufbau“

I. Vorspiel in Weimar

Am Samstag [21. April 1945] rief es in Richmond [heute Stadtteil von London] an, ich solle meine Papiere zum Ministerium nach London bringen, am Montag [23. April 1945] früh um sieben Uhr fuhren wir ab. Die Reise wurde auf dem Flugplatz Orly bei Paris eine halbe Stunde unterbrochen, dann ging der Flug nach Osten, zu den Ardennen, über Belgien, Luxemburg, zur deutschen Grenze, weiter. Sofort nach dem Überfliegen der Grenze zeigte die Landschaft tiefe Narben, Bombenkrater, halbzerstörte Dörfer, gelbliche Flecken, in denen einzelne Mauerreste stehen − Überbleibsel einstiger Ortschaften. Häufig verlaufen die Bombeneinschläge entlang einer der zahlreichen Straßen, häufig in Gruppen um eine befestigte Stellung, ein Grabensystem, das ganz klar vom Flugzeug aus erkennbar ist. Das ist die Siegfriedzone [das seit 1936 angelegte Verteidigungssystem des deutschen „Westwalls“].

Beim Flug übers Moseltal verändert sich bereits das Bild; saubere geweißte Häuser, blanke graue Schieferdächer, spitze Kirchtürme, ein Ort nach dem anderen im frühjahrlichen Moseltal.

Nur gelegentlich wieder die bombenzerwühlten Stellen und immer am rechten Moselufer − hier hat [General George S.] Patton sich die Übergänge erkämpft zu seinem berühmten Vormarsch zur Oberrheinischen Tiefebene.

Die Straßen scheinen völlig verlassen zu sein, die Schienen sind tot. Keine menschliche Belebung irgendwo. Erst näher dem Rhein sieht man gelegentlich eine arbeitende Gestalt im Felde, ein Gespann auf der Dorfstraße. Alle Moselbrücken sind verschwunden. Mitunter noch ein einzelner Pfeiler, der aus dem Wasser ragt. Oder die abrupte Unterbrechung des Schienenstrangs, der am Flußufer endet.

Der Rhein wirkt endlos und mächtig. Die Unterbrechungen der Brücken, an die man gewohnt war, fehlen. Aber Kähne, Boote liegen auf dem Strom, ob vor Anker, ob in Fahrt, lässt sich aus der Ferne nicht erkennen. Bingen, all die kleineren Städte an beiden Seiten des Ufers und an dem Fuß der Berge scheinen kaum vom Kriege berührt zu sein. Koblenz liegt zu sehr im Dunst, die riesigen Ruinenfelder der Großstädte sind fern.

Im Lahntal ist eine Stadt völlig „ausgelöscht“ − sie wirkt wie eine Sandgrube, aus der Kinderschaufeln herausschauen − die Mauerreste von Häusern oder Fabriken. Hier ist gekämpft, bombardiert worden. Der Dom in Limburg steht ungebrochen auf seinem grauen Felsen, die industriellen Teile der Stadt sind zerstört. Wir fliegen entlang der Autobahn, die nach Osten zu der Front führt. Bisher trafen wir mehr Flugzeuge als Fahrzeuge auf den Straßen. Jetzt belebt sich der Verkehr; Dutzende von Lastwagen rollen in Geleitzügen nach Osten. An einzelnen Stellen haben sich zwei solcher Fahrtkolonnen gebildet, eine schnellere, der sich alle schnelleren Fahrzeuge anschließen, eine langsamere, mit der die langsameren dahinziehen. Selten nähern sich Geleitzüge von Westen, auf der Rückfahrt von der Front. Hitlers Autobahnen leisten der vorrückenden amerikanischen Armee gute Dienste…

Eisenach.

Die Berge und Wälder sind blaßgrün, die roten Ziegeldächer der Stadt deuten auf ungestörtes Leben. Wie bürgerlich friedlich die Wartburg in diesem Zeitalter des Betons und Stahles wirkt, wie wehrlos gegen die Waffen des Flugzeuges. Der Flugplatz in Weimar [gemeint ist der Fliegerhorst in Nohra] ist bereits von der amerikanischen Armee übernommen. Verwaltungsgebäude und Flugzeugschuppen sind ausgebrannt. Die Deutsche Luftwaffe, die dort bis vor zehn Tagen stand, hat schon vorher ihre Kampfflugzeuge eingebüßt. Sie stehen und liegen zerschossen, verbogen, zerschmettert am Rande des Flugplatzes und in den Feldern. Angerostete Gerippe zerschlagener Jagdmaschinen werden von Lastwagen hinweggeschleift. In den brandgeschwärzten Hallen und Zimmern liegen Trümmer, Mauerstücke, Notizbücher, verrostete Eisenteile, Handwerkszeug, ein Metermaß. Die Ordnung der Luftwaffe ist ein für alle Male zerstört worden, und die Neuankömmlinge hatten noch keine Zeit, den „Fliegerhorst“ in Ordnung zu bringen. Der Flugplatz wird benutzt, das ist alles und das ist genug. So überstürzt sind die Nazis geflohen, daß noch Anweisungen und Küchennotizen herumliegen. „Kartoffelration auf Anweisung des Ernährungsamtes täglich 150 g.“

Auf der Landstraße, die vorbeiführt, eilen mitunter amerikanische Militärfahrzeuge nach Weimar oder Erfurt. An einer Straßenkreuzung steht verschlafen ein amerikanischer Posten oder Verkehrsschutzmann. Bauernmädchen gehen mit dicken, schweren, staubigen Schuhen zur Stadt. Aber ein englischer Captain, den ich von früher her kenne, kommt aus Weimar zum Flugplatz gefahren und erzählt, daß nachts noch mitunter in der Gegend geschossen werde, und die Straße nach Naumburg ist noch nicht ganz sicher.

Widerstrebende Eindrücke und Gefühle in Weimar − nur so kann der Eindruck dieser Tage zusammengefaßt werden. Im Dunkel des Waldhügels im Norden der Stadt weiß man das Lager Buchenwald, in dem alle Menschenwürde erniedrigt wurde. Am Frauenplan, von einer Bombe beschädigt, aber noch immer stolz auf die Bürgerhäuser herabblickend, bewahrt sich das Haus Goethes.

Auch dieser Krieg, wie seit dem Durchmarsch Napoleons so mancher andere, hat die Stadt getroffen, und nicht ausgelöscht. Diesmal allerdings war es ein knappes Entkommen. Von zwei Angriffen wissen die Weimarer zu erzählen. Am 9. Februar 1945, also im letzten Kriegswinter sozusagen vor Torschluß, ist eine Bombe auf dem linken Flügel des Goethehauses gefallen, und hat einen Teil des Treppenhauses und das Urbinozimmer eingerissen. Aber der Rest des Hauses steht.

Schillers Haus ist ebenfalls schwer beschädigt, die Mauern stehen noch, einige der Zimmer mag ein tüchtiger Baumeister vielleicht auch noch retten. Andere Bürgerhäuser, eine bescheidene Gasse, der prächtige Bau mit seiner barocken Fassade, des „Erbprinzen“ [?], hat sich nach rückwärts geneigt. Selbst in dem sanften Rasenabhang des Parks, der sich zur Ilm neigt, gähnt ein Bombenkrater. Und dennoch − der Schatten Buchenwalds ist dunkler, die innere Last jener tausend, abertausendfachen Leiden liegt über den Dächern…

Da wenig Zeit war, läutete ich am frühen Morgen, kurz nach sechs Uhr, an der Glocke des Goethehauses. Die Fensterläden waren alle geschlossen, und halbzusammengestürzte Häuser machen überhaupt den Eindruck des Verlassenen und Unbewohnbaren. An der Haustüre hing eine gedruckte Warnung der Militärregierung − die sich übrigens auch an der Türe des Schillerhauses findet − dass dieses Haus „off the limits“ für alle Truppen sei. Daneben aber hängt ein handgeschriebener Zettel mit dem Stempel der Militär-Regierung der amerikanischen Armee darunter. Der besagt, dass dieses Haus „streng verboten“ sei für alle Truppen. Denn „dies ist das Haus, in dem Goethe lebte, arbeitete und starb. Er war der deutsche Geist der Freiheit und dieses Haus darf nicht noch mehr beschädigt werden.“

Unerwartet knarrte ein Fensterladen zurück, ein verschlafenes Gesicht erschien, der Hausverwalter fragte, was ich wünsche und wer ich sei. Frühe Besucher schienen ihm noch immer nichts Gutes zu bedeuten. Ich entschuldigte mich, und erklärte ihm, dass ich am Nachmittag wieder abreisen müsse und nur fragen wolle, wie es mit dem Haus stünde, ob vielleicht noch manches stehe…

Er bat mich mit großer Herzlichkeit, in zehn Minuten wieder zu kommen, dann werde er fertig sein und mich herumführen. Natürlich stehe noch alles. Später zeigte er mir klagend die eingestürzten Teile. Aber noch kann man durch die vertrauten, ebenmäßigen Räume gehen, die seltsam klein wirken in ihrer Leere. Die gesamte Einrichtung haben sie sorgsam schon vor Zeiten aufs Land gebracht − und die Handschriften und Manuskripte, Bücher, Sammlungen des Archivs an der Jenaer Straße [Nr. 1] ebenfalls − in ein Bergwerk [in Dietlas in der Rhön]. Wo, das wollte er mir nicht sagen. Es war sein großes Kriegsgeheimnis. Aber jede Stelle kannte er im Haus. Im Arbeitszimmer wies er auf die Ecke, in der das Schreibpult stand. „Er schrieb im Stehen.“ Dass in die Decke ein Loch gerissen war, durch das der blaue Frühjahrshimmel schaute, wurde höflich übersehen. Das Schlaf- und Sterbezimmer, jene bescheidene weltabgewandte Kammer, die hinaus auf den Garten und zur Blutbuche schaut, die der Dichter selbst gepflanzt, ist vom Kriege und den Bomben unberührt geblieben

.Ja, Besucher sind selten geworden in der Stadt, und zum Goethehaus sind sie schon seit langem nicht mehr gekommen. „Nationalmuseum“ haben sie es großprotzig genannt. Auch das Gartenhaus ist bombengeschädigt, Türe und Fenster sind zugenagelt. Aber erst gestern wieder sei eingebrochen worden − italienische Soldaten auf dem Durchmarsch nach Süden, also Heimkehrer, die im Gartenhaus übernachteten. Ich werfe ein, daß Goethe seinen lieben Italienern wahrscheinlich selbst die Gastfreundschaft gewährt hätte, und dann waren da doch auch die französischen Gäste während der Napoleonzeit. Aber das wollte ihm nicht einleuchten.

Bei Professor Hecker, dem ehemaligen Direktor des Goethe- und Schiller-Archivs [er war lediglich Archivar, Direktor war Hans Wahl], herrschte noch zeitfernere Stille. Da [in der „Altenburg“] also hat Franz Liszt und die Fürstin Wittgenstein gewohnt, jahrelang. Nichts ist davon in dem stillen Gelehrtendasein zu spüren, das inmitten bücherbestellter Wände, vor einem mit Papieren bedeckten Schreibtisch wie vor zehn Jahren weitergeht. Die Sorgen haben aber auch hier nicht Halt gemacht. In der weißen Türverschalung zeigt der 75-Jährige den Einschlag eines Bombensplitters. Mit hilfloser Gebärde spricht er von dem Aufhören aller akademischen Tätigkeit. Selbst das Essen wird knapp, und kein Wein, nichts, was das Leben etwas angenehmer machte. … Ja, Buchenwald, wer hätte das gedacht! Das zeigt eben das Böse der Macht.

Auch die Tochter ist da, sie hat den Morgen mit Einkäufen hingebracht, ohne etwas anderes als ein paar Kartoffeln zu erhalten. Man sorgt sich, es könne Einquartierungen geben. Ich fragte nach einem alten Freund, der beim Goethe-Archiv angestellt war, aber schon vor Jahren mit seiner privaten Grabbe-Sammlung nach Detmold gezogen war [der Bibliothekar Alfred Bergmann]. Nein, der alte Mann hat von ihm seit Jahren nichts gehört, und ein alter, nicht ganz unpolitischer Zwist, wird sogleich wieder erwähnt. Das Private ist unberührt geblieben von den Kriegserlebnissen, und selbst das Politische ist von der gemeinsamen Gefahr der Terrorherrschaft nicht geklärt worden. Man muß schon nach „Politischen“, nach politischen Menschen Ausschau halten, man muß die Einzelnen suchen, um da auf Entschiedenheit und Klarheit zu stoßen. Der greise Professor klagt, daß die Enkel heute nicht einmal mehr zur Schule gehen können − alle Schulen sind gesperrt. Das ist richtig, aber waren nicht die Nazi-Schulen schlimm? Ja, das schon, aber was soll nun werden? Das gibt Gelegenheit zum Handeln, zu gemahnen. Schließlich können doch Gelehrte von Ruf besser als irgend jemand raten und planen. Wenn man erst einmal selbst etwas vorschlüge und zu erreichen suchte, dann könnte man schon wieder vorankommen. Gequält kommt die Frage: Vorankommen? Wohin? Kann das nicht auch ein Vorankommen in den Abgrund bedeuten? − Allein der Gedanke an eigene Entschlußkraft und Tat wird erbittert zurückgewiesen. Trauer, das Bewußtsein des Leides, der Hilflosigkeit überdunkelt alles Denken.

  • Quelle: Aufbau Reconstruction New York, Vol. XI (1945), Nr. 20 vom 18. Mai 1945, S. 3; S. 8.

II. Das Lager

Buchenwald liegt auf einem Hügel nördlich der Stadt, etwa zwei Wegstunden entfernt, verborgen in den dichten Wäldern – Buchenwäldern. Auf einer Waldblöße sind Reihen um Reihen von Baracken errichtet, um die ein Drahtzaun läuft, der elektrisch geladen ist. Das Lager ist nach dem Prinzip der Festungsbauten angelegt, die Türme vor dem Lagereingang, die Drahtverhaue, die Tore – alles dient dem Ausschluß der Außenwelt.

Im Lager selbst breitet sich ein weiter Hof vor den Barackenreihen aus, auf dem der „Bock“ aufgerichtet ist, ein Holzgestell, auf dem Gefangene festgebunden und zerschlagen wurden – inmitten des Hofes, vor dem versammelten Lager. Auf diesem Platz wurde auch der Galgen aufgerichtet; jedesmal, wenn ein Gefangener, der entkommen wollte und wieder eingefangen wurde, die Flucht mit dem Leben bezahlen mußte. Man muß sich zwingen, an die Genfer Konvention für Kriegsgefangene zu denken, um die totale Rechtlosigkeit, das Ausgeliefertsein dieser politischen Gefangenen zu begreifen.

Der erste überwältigende Eindruck eines solchen Lagers ist nicht zunächst das Leiden, sondern die menschliche Ohnmacht, die es erzwang. Keine Spur mehr von Freiheitsrechten, kein Überbleibsel. Totaler Staat, ungehemmter Terror, die über den Einzelnen hereingebrochen sind. Menschenwürde wird sozusagen am Tore aufgegeben, ja, selbst das Lebensrecht und die Lebenschance eines Tieres werden genommen. Unschuldige, Menschen eines Glaubens, einer Rasse, einer Nationalität, die den Terroristen feindlich oder fremd dünkt, werden zum Opfer gemacht. Zum Opfer wessen? Seltsam, daß im Lager noch manche sind, die noch zu unterscheiden vermögen zwischen denjenigen ihrer Wächter, die aus Lust am Quälen quälen, und denjenigen, die das Grausige „auf Befehl“ tun. Wiederum dieses furchtbare, atemraubende Gefühl der Ohnmacht – nicht so sehr gegenüber menschlicher Grausamkeit, ungezügeltem Sadismus, als vielmehr gegenüber einem aller Seele und Menschlichkeit beraubten Organisation.

Wenn je klar wird, daß es nicht nur die einzelnen Faschisten und Nazis sind, sondern das System, das Regime, die an der Entmenschlichung des Lebens schuldig sind, dann hier. Die tiefste Erniedrigung des Menschen hat hier stattgefunden, sobald all dieses Gittertore sich hinter einem Gefangenen schlossen, sobald ihm die groteske weiß-blau gestreifte schäbige Gefängniskleidung, diese schlotternde Hose und erbärmliche Jacke um den frierenden Körper gehängt wurde. Dann kam die Nummer, und ein Dasein ohne Grenze, ohne Form, ohne Zeitmaß begann. Endlos für viele – zehn, elf Jahre, nur weil sie ihre Überzeugung nicht aufgaben. Für andere, weil sie Juden sind. Für andere aber unabwendbar dem Tod entgegen in einer Gaskammer, in der Henkerskammer im eigenen Lager. Tausende von Menschen wandeln leichenhaft in diesem Lager umher, weil sie den Blick nicht mehr auf das Leben zu lenken vermögen, sondern nur mehr den sicheren Tod als Lebensinhalt besaßen. Sie müssen den Sprung aus dem Nichts ins Leben wagen, Tausende haben noch nicht begriffen.

Dann gibt es andere, wenige, die erstaunlich wenig gebrochen sind, die an dem Glauben, wegen dessen sie sich in diesem Terrorlager wissen, festhielten, bei denen man sogleich den Eindruck hat, daß der Glaube, die Überzeugung sie selbst aufrechthielt. Zunächst wagt man es nicht für wahr zu halten, daß dieser zwanzigjährige Junge, der Sohn eines polnischen Juden, der in Berlin aufgewachsen ist, und baumstark als Wache vor einem Lagerbureau steht, seine jugendliche Energie erhalten hat. Seit September 1939 in Konzentrationslagern, offensichtlich wegen seiner Bärenkraft als Arbeitstier verwendet, mit jugendhaftem Gesicht, kalten, harten Augen. Ungebrochen. Bereit, das Leben mit beiden Händen zu ergreifen. Er weiß nicht mehr, was Furcht ist, erzählt ruhig, als habe er es vom Hörensagen, was er gesehen.

Kommunisten, Sozialisten, die oft seit Jahren dort gelebt, körperlich geschwächt, gebeugt, frühzeitig gealtert, da stehen sie und sprechen sachlich, ruhig, überlegen von den Problemen, die jeder, je nach seiner Nationalität, jetzt erkennt und zu bewältigen bereit ist. Seltsam, wie sehr alles in diesen Menschen auf Tun und Leisten drängt, wie sehr sich für sie die neugewonnene Freiheit verbindet mit der politischen Arbeit, die sie zu tun gedenken. „Arbeit?“ fragt einer, der soeben von seiner Tätigkeit als Ingenieur, von seiner Heimat nahe dem Rhein gesprochen. „Ja, ich zähle die Tage bis dahin. Aber Arbeit bedeutet politische Arbeit.“Das ist die Minorität. Die meisten haben einen leeren, ins Nichts gehefteten Blick. Viele schleichen kraftlos, energielos durchs Lager, durch den lehmigen, schweren Boden, stolpern über die Steine, die nie einer aus den Wegen geräumt hat. Manche sitzen neben Haufen alter Kleider und Schuhe, die den Toten abgezogen wurden, und schichten sich daraus ein offenes Feuer, auf dem sie in alten Tiegeln eine Suppe kochen. Sie sehen nicht mehr das Trostlose dieser Abfallplätze, riechen nicht mehr den muffigen Gestank, der davon aufsteigt. Die Grenze zwischen Leben und Tod ist bei vielen beinahe verwischt. Man hält den Atem an, ob jener Alte, jener Geripphafte [sich] nicht ein wenig auf dem Stein, auf dem er hockt, vornübergebeugt hat und in den Tod hinübergleitet.

Die Kinder

Dazwischen laufen Kinder umher, dürre, armselige, ernstgesichtige kleine Wesen. Sie sind in Transporten aus dem Vernichtungslager von Auschwitz hierhergebracht worden. Später wollten die Henker sie wieder zurückfahren, um auch sie zu morden. SS-Männer jagten durchs Lager und fingen die schreiend davonlaufenden Kinder ein. Einige entkamen. Krochen unter Kleiderbündel, hinter Mauerreste, unter Baracken. Wurden mitunter von ihren Vätern bei Inspektionen in Wäschebündeln mitgeschleppt. Wurden von Gefangenen als Arbeitskräfte in den Listen geführt, um ihnen die Lagerrationen zu sichern. Viele starben. Die paar hundert Überlebenden, bis herunter zu Zweijährigen, werden jetzt langsam, langsam an die Freiheit gewöhnt.

Das ist das Lagerleben, der Alltag dieser zeitlosen freudlosen Existenz. Das ist noch keineswegs der Terror im Lager, der noch dazukam, und pausenlos aufrechterhalten wurde. Das ist aber auch nicht der arme, schwache, und dennoch großartige Versuch dieser Menschen, ihn zu mindern, ihm zu begegnen. Denn beides, Terror und Widerstand, kommen jetzt an den Tag.

  • Quelle: Aufbau Reconstruction New York, Vol. XI (1945), Nr. 21 vom 25. Mai 1945, S. 5-6.

III. Das Zusammenleben

Jedem Gefangenen in Buchenwald ist instinktiv bewußt, daß jegliches Wissen um Vorgänge und Personen tödlich sein kann. Die Entpersönlichung, die Entmenschlichung des Einzelnen geht so weit, daß er sich allem, was um ihn vorgeht, zu verschließen trachtet. Vielem gegenüber wird er blind. Auf jenem Hofe, auf dem die menschlichen Gebeine auf einem Haufen liegen, auf dem der Galgen steht, auf den die Türe des Verbrennungsraumes herausführt, legt sich ein dunkler Schleier über die Augen. Man kann nicht aufsehen, ohne in den Tod zu sehen. Auf jenen Hof aber blickt das Fenster einer bewohnten Baracke, an dem scherzend und schachspielend zwei jüngere Menschen sitzen. Sie können nicht mehr sehen, was hier vorgeht.

Aber dann kommt es auch zu bewußterem Sich-Abschließen. Ob dieser oder jener Gefangene, oder vielmehr Befreite, vielleicht von diesem oder jenem Mann wisse, der in Buchenwald gewesen sein soll? Fast immer ein leerer Blick, fast immer ein vorsichtiges: „Fragen Sie doch einen in Block So-und-So.“ Keiner hat sich mit Wissen über Schicksale oder Namen belastet, fast alle haben sich in sich gekehrt. Die Geheimhaltung wurde von der SS als Terrorwaffe benutzt.

Jeder, der entlassen wurde, mußte sich sagen lassen, dass ein Wort über das Lager das Ende bedeute. Im Lager wollte niemand wissen, was auch nur in der anderen Baracke vorgeht. Selbst SS-Leute sind erschossen worden, wenn sie zuviel wußten. ...Verzweifelt sagte ein alter Mann, der aus Auschwitz lebend nach Buchenwald gekommen: „Diese Narren, diese Narren. Da haben sie vor uns verheimlichen wollen, dass sie die schönen russischen Offiziere draußen vor dem Lager erschossen haben. Da haben sie die Lastwagen zu den Verbrennungsöfen gefahren, und wir durften nicht hineinschauen. Aber das Blut ist unten herausgelaufen. Sie glaubten, wir würden es nicht sehen“. Der Alte war stolz, daß er durch den Wall der Angst gedrungen, und wußte…

In einem Keller unterhalb der Verbrennungsöfen ragen noch immer Haken aus der Wand. Eine Falltür vom Freien wurde dazu benutzt, ahnungslose Gefangene herabzustürzen, wo dann bereits die Henker warteten, die sie an den Haken aufhängten. Ein breiter Warenaufzug führt von diesem Raum in den Verbrennungsraum, wo sechs Öfen nebeneinander stehen. So ist die Technik, das Können dieser seelenlosen Mörder sichtbar, und wird zum Irrsinn.

Selbst die Krankenbaracke, die sie Krankenhaus nannten, wird zur Quälstätte. In Holzverschlägen von eineinhalb Metern Breite mußten je fünf Kranke liegen. Vom Operationstisch in diese Verschläge. Eine Decke für jeden, auch im schärfsten Winter. Die Operationen wurden inmitten des langen Raumes auf einem rohen Holztisch vorgenommen. Holzverschläge bis zur Decke hinauf starren von beiden Seiten auf den engen Gang. Sie sind zinnoberrot gestrichen. Es riecht nach Blut, Schweiß, verfaultem Zeug.

Zu tausenden sind Menschen hier gestorben, gemordet einer um den anderen. Jetzt, nach der Befreiung, haben die Lagerbewohner eine Pyramide im Hof errichtet: Den 51.000 Toten. Noch immer wohnen 20.000 Menschen im Lager. Mehr als die Hälfte wurde davongetrieben, kurz ehe die Amerikaner ankamen [ein großer Evakuierungstransport am 7. April 1945]. Bei Dachau holte [General] Patton [Kommandeur der Dritten US-Armee] sie ein, und Tausende wurden gerettet. Tausende aber sehen die Freiheit nie wieder.

Daß überhaupt Menschen die Befreier sahen, danken sie zum Teil Pattons rascher Fahrt nach Osten, zum Teil der eigenen Tapferkeit. Monate zuvor sind Waffen aus den Gustloff-Werken, in denen die Gefangenen arbeiteten, ins Lager geschmuggelt worden. Es waren ein paar Waffen, und Waffen sind für den Unterdrückten mehr als Werkzeuge des Krieges. Sie geben Hoffnung. Die Gustloff-Werke wurden bombardiert [am 24. August 1944]. Das war der Tag, an dem Breitscheid sein Leben verlor [der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Rudolf Breitscheid]. Thälmann hingegen war nie im Lager [der Vorsitzende der KPD Ernst Thälmann]. Darüber sind alle sich einig. Wann und wo er ermordet wurde, weiß nur die SS. Waffen alleine genügen nicht. Also wird eine Untergrund-Organisation geschaffen. Man kann nicht jedermann in diesem Lager trauen. Ursprünglich wurde der Terror dadurch verschärft, daß Schwerverbrecher ins Lager als Lageraufseher gesteckt wurden. Systematisch bemühten sich die politischen Gefangenen darum, ihre eigenen Lagerleiter zu erhalten. Am Ende gelingt es. Der erste politisch-militärische Sieg. Dann wird die Organisation begonnen. Deutsche politische Gefangene, Anti-Faschisten, die zum Teil seit Jahren dort weilten, Tschechen, die Erfahrung im Widerstands-Krieg besitzen, sind führend. Alle Nationen, alle Parteien werden aufgenommen. Politische Gruppen nach dem Prinzip der Befreiungs-Komitees, militärische Gruppen bis herauf zur Kompagnie und zum Bataillon, Arbeits-Sabotage-Gruppen, Solidaritäts-Gruppen werden gebildet. Menschenleben werden gerettet. Am Ende, als das Lager mit Bombern und Flammenwerfern vernichtet werden soll, gehen die Buchenwälder zum Angriff über. Zweihundert SS-Männer wurden entwaffnet.

Ich frage einen jungen Holländer, der zwei Jahre im Lager war, ob einige der SS ums Leben kamen. Er, entschuldigend, ja, leider – einer. Entschuldigend? „Sicher – wir müssen anti-faschistische Disziplin halten.“ Im Lager prangen jetzt zahlreiche Aufschriften dieser Art. Eine lautet: „Es gibt einen Weg in die Freiheit – Kampf für eine Volksdemokratie“. Vor dem Haus des deutschen Komitees steht ein Galgen mit einer Hitler-Puppe daran. Aufschrift: „Hitler muss sterben, damit Deutschland lebt“. Das war vor dem Tode Hitlers.

Parteiumrisse sind noch sichtbar, aber in breiten, epischen Zügen lagert sich die überparteiliche Front aller Gutgesinnten darüber. Es ist ein Kommunist, der mir das Ende des Pastors Schneider [der am 18. Juli 1939 ermordete evangelische Geistliche Paul Schneider] schildert. Er wurde in eine Zelle gebracht, an die Wand gekettet, geschlagen und ausgehungert, bis er langsam das Leben verlor. Mitunter hörten sie ihn beten – „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun“. Nach seinem Tode wurde ein Sarg bestellt, ein feierliches Begräbnis angeordnet, die Witwe herangeführt, und der Lagerkommandant in seiner eleganten schwarzen Uniform, der Mörder, führte die trauernde Frau vor die Bahre, überreichte ihr Blumen, ließ Blumen auf den Sarg legen, und versicherte sie der Achtung und Fürsorge, die ihrem Mann angediehen sei. Fünf Ärzte hätten sich um ihn bemüht – umsonst.

Das ist der Ungeist, den es den Ungebrochenen in diesem Lager zu bekämpfen gilt. Sie – die wenigen, die diese Jahre heil und unerschüttert überlebten – sind tätig, voller Energie, Tatenlust, wollen zurück an die Arbeit. Das stumme Grauen, das über dieser Waldblöße liegt, verflüchtigt sich in dem Augenblick, in dem man in klare, mutige Augen sieht, in dem man Menschen spricht und findet, die hier lebten, und das Grauen in sich überwunden haben. Es gibt solche Menschen. Nicht gänzlich ohne Hoffnung führt der Weg durch die Wälder, in denen Goethe so oft gejagt und gegangen, gedacht und gedichtet, zurück nach Weimar.

  • Quelle: Aufbau Reconstruction New York, Vol. XI (1945), Nr. 22 vom 1. Juni 1945, S. 8.

IV. Weimar – heute

Weimar ist eine Bürgerstadt. Keine Industrie, keine Industriearbeiter, keine Studenten [die beiden Hochschulen waren zu dieser Zeit geschlossen]. Die paar Gelehrten vom Goethe und Schiller Archiv, vom Nietzsche Institut [gemeint ist das Nietzsche-Archiv], haben sich sichtlich nicht um die Bürger gekümmert, und diese nicht um jene. Die Parteihierarchie hat die Stadt beherrscht, hat ihre Günstlinge in die Thüringischen Ministerien [seit der Gründung des Landes Thüringen zum 1. Mai 1920] geschoben. Den wenigen Beamten, die man zu Gesicht bekommt, steht das schlechte Gewissen auf der Stirn geschrieben. Dabei mögen sie so gut und so schlecht sein, wie tausend andere. Die Nazi-Größen sind „getürmt“ und haben den kleinen Leuten die Stadt überlassen. Die „kleinen Leute“ sind klein, schweigend, verschüchtert, tatenlos. Sie haben noch nicht begriffen, daß sie keine Regierung, keine Symbole, keine umfassenden Begriffe mehr haben. Sie schauen sich noch nicht nach Neuem um. Sie wissen aber auch nicht, was nun tatsächlich mit ihnen geschieht.

Das einzige, was sie sehen, ist die Ablösung einer autoritären Gewalt durch eine „Militär-Regierung“. In welchen menschlichen, gesetzlichen, staatlichen Rahmen sie dadurch eingefügt sind, wissen sie natürlich alle nicht. Sie begreifen nur, daß eine Reihe von Proklamationen General Eisenhowers und der Militär-Regierung erlassen wurden. Wie viele folgen werden, in welcher Richtung die Dinge sich entwickeln, hat keiner von ihnen eine Ahnung. Ja, die Nazis und ihre Gesetze werden ausgefegt, das ist ziemlich klar. Was an seine Stelle tritt, ist völlig unklar. In jedem Gespräch drückt sich diese Unklarheit aus. Weder eine staatliche, noch eine verfassungsmäßige, weder eine moralische noch eine gesetzliche Form herrscht. Man lebt, wie in einem Lager hundert Kilometer von der nächsten Ortschaft entfernt, ohne daß jemand zu sagen wüßte, wie lange das dauert, und wie der nächste Befehl lautet. Das nämliche Empfinden auch auf dem Land, in einem kleinen Dorf – Ulla, wo ich mich mit einer Bäuerin unterhalte. Das Gespräch ist aufschlussreich.

Angst und Ratlosigkeit

„Haben Sie von Buchenwald gehört?“ fragt sie mich ängstlich. Jedermann mit dem man in ein längeres Gespräch kommt, fragt das. Ich bejahe und frage, was sie darüber denkt. Die Antwort: „Ich schäme mich, daß ich eine Deutsche bin.“ – „Haben Sie davon gewußt?“ – „Nicht das! Ja, manchmal habe ich Gefangene gesehen. Sie haben armselig dreingeschaut. Einmal habe ich auch etwas getan. Ein alter Mann ist hinter dem Zug zurückgeblieben, da hab‘ ich ihm ein Stück Kuchen in die Hand gedrückt, weil ich mein Mittagessen mit auf dem Feld gehabt hatte. Aber die nächsten 3 Nächte hab‘ ich kein Auge zugemacht. Jedesmal, wenn ein Geräusch war, dacht ich mir, sie kommen und holen mich.“ Und dann, zögernd: „Glauben Sie, die Amerikaner werden uns jetzt alle erschießen?“ Ich beruhige sie, und sie schaut mir besorgt und in Gedanken versunken nach.

In einem Professorenhaus [gemeint ist die „Altenburg“ in der Jenaer Straße 3, wo der Archivar Max Hecker wohnte] finde ich die gleiche Ratlosigkeit. Sie ist prägnanter ausgedrückt, findet Bilder und Begriffe, spricht von schwarzen Horizonten, und dem Nichts. Aber sie will sich zunächst nicht in eigene Initiative ablenken lassen. Beklagt wird das Schließen der Schulen, mögen sie auch schlechte Schulen gewesen sein. Die Enkel werden verwildern. – Gut denn, warum nicht mit anderen Akademikern von Rang an die Schaffung eines neuen Erziehungssystems, eines neuen freien akademischen Lebens gehen? Ist es nicht deutlich, daß die neue Obrigkeit selbst keine allzu klaren Pläne mitbringt? Kann man nicht etwas tun und raten? Würde man dann nicht vielleicht doch noch vorankommen? – Verärgert kommt die Antwort, die aus der hektischen Abwehr jeglicher Verantwortung entspringt: „Vorankommen? Das mag in den Abgrund sein. Auch das ist Vorankommen.“

Das wirtschaftliche Leben gelähmt

Wenn der neuernannte Bürgermeister Anschläge an die Häuser kleben lässt, daß alle arbeitsfähigen Männer und Jugendlichen Arbeit für die Besatzungs-Armee und Aufräumungsarbeiten in der von Bomben heimgesuchten Stadt übernehmen müssen, dann stellt sich jedermann ein. Seltsam zusammengewürfelte Kolonnen von Alten und Halbwüchsigen trotten zum Rathaus. Ein paar Lastautos der amerikanischen Armee fahren mit solchen improvisierten Arbeitstrupps irgendwo zum Stadtrand, wo Verladungen stattfinden. Vor ein paar Tagen ist hier noch gekämpft, ist wahrscheinlich die nämliche traurige Schar vom brüllenden Gauleiter zum Schanzen oder zur Volkssturm-Übung getrieben worden. Man steht vor einem Ährenfeld, in das der Hagel gefahren ist. Zuerst muß sich alles wieder aufrichten.

Ja, in den schwergebombten, von Kämpfen heimgesuchten Gegenden gibt es noch einige, die hassen. In den Konzentrationslagern, in einzelnen, kleinen Gruppen der Opposition, der Kirchen, findet sich noch der elementare Wille zur Tat. Man will etwas schaffen. Man will überzeugen. Man hat das Hassen gelernt. Eine verhärmt aussehende ältere Frau, mit von Tränen geränderten Augen, klagt, daß sie aus Trier hierher evakuiert worden ist – mit Gewalt. Ihr Haus ist abgebrannt. Sie ist allein in der Welt – jetzt. Alles, was sie besitzt, ist das, was sie am Leibe trägt. Ich frage mich, was ich von der Frau politisch erfragen soll…

Man ist abgeschnitten von der Welt. Nach kurzer Frist hat man aufgehört, sich um Politik, um Krieg, um Kapitulationen, um Volks- und Staatsreden, um irgendetwas zu kümmern. Was nützt es auch schon – wenn man doch nichts weiter erfährt, als was ein Blättchen, das mit großer Sorgfalt von der Zwölften Armeegruppe in Frankfurt unter dem Titel „Frankfurter Presse“ herausgebracht wird [in Weimar wurde die parallel dazu in Kassel herausgegebene „Hessische Post“ verteilt], alle Wochen einmal bringt? Und selbst dann muß man in dieser neueroberten Stadt rasch zupacken, um von dem Polizisten, der das Blatt verteilt, eine Nummer zugesteckt zu erhalten. Politische Willensbildung ist also nicht möglich, nicht so und nicht so, nicht pro und nicht contra. Es gibt noch manchen Hitlernarren und manche Hitlernärrin. Die werden ihren Hexenglauben in der Stille der Kammern und Häuser auf die neue Zeit einrichten, oder blind und verzweifelt einfach daran festhalten. Es gibt sehr viel mehr, denen das, was sie an Vorstellungen und Verführungen angenommen, von diesem Kriege buchstäblich ausgebrannt wurde. Und es gibt die politische Minderheit, die Tausende, die morgen aus den Konzentrationslagern nach Hause kommen werden. Viele, die jetzt sprechen wollten, nachdem sie ein Jahrzehnt und mehr schweigen mussten. Für sie ist die Stunde noch nicht gekommen.

Das gleiche Bild der Erstarrung auf wirtschaftlichem Gebiet. Das Land ist paralysiert, beinahe pulverisiert. Die großen Verkehrslinien, Straßen, Wasserwege, die überhaupt noch verwendbar sind, werden von den Armeen der Alliierten benötigt. Wo noch etwas Vorräte in den Lagerhäusern liegen, laufen die Zuteilungen weiter. Niemand ahnt, daß morgen vielleicht nichts da sein wird, nicht einmal der Ladeninhaber, der an seine Lieferanten glaubt, wie an den lieben Gott. Und dann dieser blinde Glaube an die Obrigkeit. Gestern waren es die Nazis, heute sind es die Militärbehörden. Irgendjemand wird schon die Versorgung planen und sichern. Dafür sind sie ja die Regierung.

Zu all dem kommt die Völkerwanderung. Millionen von Fremdarbeitern, Männer, Frauen, Burschen, junge Mädchen, wandern nach Westen. Phantastische Kleidungen, lustige Farben, primitive Fahrzeuge. Kinderwagen sind hochbepackt mit den paar Habseligkeiten. Handkarren, alte Fahrräder, alles, was Räder hat. Obenan flattert oft die holländische, belgische, französische Fahne. Manche gehen noch freundlich in die leeren Läden, um vielleicht doch noch ein Stück Brot oder eine Wurst zu erstehen. Aber die Läden sind leer, völlig leer. Dann kommt es zu Plündereien, verbrämt mit Trinkgelagen in aufgesprengten Weinkellern, von denen die Hotelangestellten atemlos erzählen. Einwohner machen mit, und was an Geordnetem und Gestapeltem vielleicht wirklich noch den Krieg, die Göringpläne [der wirtschaftliche „Vierjahresplan“ von Hermann Göring] und die Bombardements überlebte, treibt den Rinnstein hinab, oder macht die Völkerwanderung nach Westen mit.

  • Quelle: Aufbau Reconstruction New York, Vol. XI (1945), Nr. 24 vom 15. Juni 1945, S. 40.
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