Zeitzeugen-Begegnung: SED-Opfer Dorit Bause spricht mit Schülern

Leinefelde/Erfurt  Dorit Bause setzt bei Freiheit e.V. verstärkt auf Zeitzeugen-Begegnungen. Als Opfer der SED-Diktatur nimmt sie die Täter und deren Helfer in die Pflicht.

Ganz beengt saßen die Häftlinge im Barkas, mit dem in der DDR politische Gefangene transportiert wurden. Dorit Bause aus Leinefelde musste diese Erfahrung machen. Inzwischen ist sie Vorsitzende des Vereins „Freiheit e.V.“, der sich vor allem auch um Zeitzeugenarbeit kümmern will. Foto: Eckhard Jüngel

Ganz beengt saßen die Häftlinge im Barkas, mit dem in der DDR politische Gefangene transportiert wurden. Dorit Bause aus Leinefelde musste diese Erfahrung machen. Inzwischen ist sie Vorsitzende des Vereins „Freiheit e.V.“, der sich vor allem auch um Zeitzeugenarbeit kümmern will. Foto: Eckhard Jüngel

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Gerhard und Dorit Bause wurden in der DDR eingesperrt, weil sie raus wollten. Im November 1989 schmiss man sie aus der DDR – da war die Mauer schon offen. Seit 2006 engagiert sich das Ehepaar Bause im Verein „Freiheit e.V.“ in Erfurt. Jetzt ist Dorit Bause (52) aus Leinefelde zur Vereinsvorsitzenden gewählt worden.

Was wollen Sie mit dem Freiheit e.V. erreichen?

Die Mitglieder sind ehemals politisch Inhaftierte. Der Ausgangspunkt für den Verein war der Erhalt der Gedenkstätte Andreasstraße in Erfurt. Jetzt wollen wir erzählen, was uns passiert ist in der Diktatur.

Warum ist Ihnen Zeitzeugen-Arbeit so wichtig?

Ich will ehemals Inhaftierten Mut machen, ihre Geschichte zu verarbeiten und zu erzählen. Wir haben Gedenkstätten – und wir haben sachkundige Menschen, die uns helfen zu berichten, was uns bewegt.

Sie arbeiten oft mit Dr. Matthias Wanitschke zusammen, der beim Landesbeauftragten des Freistaates Thüringen zur Aufarbeitung der SED-Diktatur im Bereich Schülerarbeit und politischer Bildung tätig ist. Was bedeutet Ihnen diese Begleitung?

Dr. Wanitschke hat uns über Jahre an die Hand genommen und geholfen, ohne Tränen und ohne den Druck in der Brust mit der Vergangenheit umzugehen und vor anderen über unsere Geschichte reden zu können.

Kennt er Ihre Geschichte im Detail?

Ja, er hat Einsicht in unsere Stasi-Akten erhalten. Und zwischen uns gab es sofort Vertrauen. Von ihm haben wir gelernt, dass wir stolz sein können auf das, was wir getan haben.

Ihr erstes Schüler-Projekt war „Liebesbriefe aus der Haft“. Das ist sehr persönlich. Brauchte es Mut dazu?

Wir haben lange überlegt, ob wir die Briefe an die Schüler herausgeben. Erst dachten wir: Ist das peinlich. Aber das war es nicht: Die Briefe waren zuvor ja schon von der Stasi und vom Wachpersonal gelesen worden.

Wie kommt das, was Sie sich damals schrieben, bei jungen Leuten an?

Solche Briefe werfen Fragen auf: Warum saßen die im Gefängnis? Warum stellten die 1988 noch einen Ausreiseantrag? Bald geht doch die Mauer auf...

... und so kommen Sie mit den Schülern ins Gespräch?

Ja, die Briefe sind Quellen, die im Unterricht durchgenommen werden. Dann kommen wir und beantworten die Fragen. Wir sagen zum Beispiel, dass wir 1988 gar nicht wissen konnten, dass die Grenze schon so bald aufgehen würde. Außerdem können die Schüler sich die Zellen anschauen.

Was ist Ihnen bei diesen Begegnungen besonders wichtig?

Dass die Schüler sagen: Wir glauben denen. Das ist wahrhaftig. Die waren zwar im Gefängnis, aber die waren keine Verbrecher.

Wie war das erste Mal als Zeitzeuge vor Schülern?

Da waren wir kraftlos und aufgeregt. Aber uns tut diese Arbeit immer besser. Und deshalb will ich andere Zeitzeugen ermutigen, sich auch zu offenbaren. Ich habe aus der Zeit im Gefängnis viele Freundinnen, starke, erfolgreiche Frauen kennengelernt. Aber wenn wir uns treffen – in der Andreasstraße oder in Hohenschönhausen zum Beispiel –, dann merke ich: Sie sind noch nicht mit sich im Reinen. Sie haben Schweiß auf der Stirn, Tränen in den Augen...

Sie haben die Zeit nach der Haft gemeinsam mit Ihrem Mann gemeistert. Wie haben Sie es geschafft, an dem, was Ihnen passiert ist, als Paar nicht zu zerbrechen?

Tatsache ist, dass bei vielen politisch Inhaftierten die Ehen gescheitert sind, weil Vorwürfe im Raum standen oder weil einer sich schuldig gefühlt hat. Wir haben fast zwei Jahrzehnte lang über das ganze Thema nie gesprochen – weder in unserer Göttinger Zeit noch nach der Rückkehr ins Eichsfeld. Wir haben versucht, wieder als Liebespaar zusammenzufinden – und wir haben Abstand gewonnen zu dem, was uns passiert ist.

1991 kam die erste Tochter, 1993 machte sich Ihr Mann im Bau selbstständig...

... und ich habe auch von früh bis spät gearbeitet. Wir haben uns weitergebildet. Wir wollten etwas abhaben von der Konsumgesellschaft.

Von Kriegs- und Nachkriegstraumatisierten hört man oft Ähnliches...

Ja, wir erleben das auch so, wenn wir Opfer des Stalinismus treffen. Wobei: Damals war die Situation noch viel schlimmer.

Zum DDR-Unrecht, das Ihnen widerfahren ist, gehörte auch Sippenhaftung. Vor allem ihren Vater, der als Genosse eine wichtige Rolle in der Wirtschaft inne hatte und unter anderem Chef der „Spanplatte“ in Gotha war, trafen die Vorwürfe hart. Was wurde ihm unterstellt?

Es hieß: Genosse Bienert, Sie haben Ihre Tochter nicht richtig erzogen. Er sagte: Meine Tochter geht mir über mein Parteibuch. Für meine Tochter kämpfe ich. Mir wurde bei meinen Vernehmungen deshalb gesagt: Pfeifen Sie Ihren Vater zurück, sonst ist der bald mit in Haft.

Als Sie im November 1989 mit Ihrem Mann binnen 48 Stunden ausreisen mussten...

... hat mein Vater in Gotha gesagt: Ihr habt uns Angehörigen eine schwere Last auferlegt, aber macht jetzt weiter und geht in den Westen.

Nach Leinefelde kamen Sie Jahre später zurück, um ein Haus zu bauen. Da treffen Sie doch sicherlich auch auf jene, die Sie einst verfolgt haben, oder?

Ich habe mal im Fitnessstudio einen Mann getroffen, der früher bei der K1 und später bei der Kripo war. Der hatte mir damals in der DDR die Handschellen umgelegt. Dem habe ich beim nächsten Mal Handschellen auf den Tisch gelegt. Mein Mann hat mal einen von der früheren Abteilung Inneres in Göttingen gesehen und am Schlafittchen gepackt. Aber das bringt ja nichts. Dann kommen Unbeteiligte und sagen: Lassen Sie den Mann los. Man kann nicht auf der Straße seine Geschichte aufarbeiten. Aber die Wut bleibt.

Galt das auch bei Ihren Angehörigen?

Das ging auf jeden Fall auch meinem Vater so: Er kannte so viele Namen, von denen, die ihm wegen uns Übles wollten. Und die waren alle wieder in Amt und Würden, während über ihn erzählt wurde, er sei ein Bonze gewesen. Die Arbeit im Verein ist daher auch eine Wiedergutmachung an Menschen wie meinem Vater, die aufrecht waren und auch gelitten haben, ohne im Gefängnis gewesen zu sein.

Was ist eigentlich aus den Vernehmern der Stasi-U-Haft in Erfurt geworden?

Gute Frage. Die sind alle untergetaucht.

Wer den Gedenkort Andreasstraße besucht, der kann dort Filmausschnitte von Ihnen und Ihrem Mann sehen. Sie haben Audioguides besprochen. Aber das genügt nicht, sagen Sie. Warum?

So lange Zeitzeugen da sind, sollen sie erzählen dürfen. Und mein größter Wunsch wäre, dass sich uns im Gespräch auch mal Ina Leukefeld oder Frank Kuschel stellen...

... also jene Landtagsabgeordneten der Linken, die einst für die Stasi gearbeitet haben. Was versprechen Sie sich von so einer Begegnung?

Wir wollen denen kein Podium bieten. Sie sollen in die Haftetage kommen – da, wo wir gelitten haben – und mit mir und weiteren Betroffenen ein Gespräch führen: Auge in Auge. Sie sollen erfahren, was mit den Menschen passiert ist, die in den Fängen der Stasi gelandet sind. Sie sollen auch erfahren, was passiert ist mit unseren Angehörigen.

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