Weimarer „Chaostage“: Thüringer Eisenbahnverein bereitet das 20. Eisenbahnfest vor

Weimar  Eine Woche Urlaub nehmen Steffen Kloseck und seine Mitstreiter vom Thüringer Eisenbahnverein in Vorbereitung auf das 20. Eisenbahnfest in Weimar. In dieser liebevoll „Chaostage“ genannten Zeit bringen sie ihren „Fuhrpark“ auf Hochglanz.

Deutsch-deutsche Eisenbahngeschichte zum Anfassen: Lokführer Christoph von Berg auf einer Dampflok der 50-er Reihe Foto: Peter Michaelis

Deutsch-deutsche Eisenbahngeschichte zum Anfassen: Lokführer Christoph von Berg auf einer Dampflok der 50-er Reihe Foto: Peter Michaelis

Foto: zgt

Der jüngste Neuzugang des Thüringer Eisenbahnvereins leuchtend gelb und rollt auf Pneus: Es ist ein Ikarus-Bus, hergestellt in Ungarn, 1987 in Berlin in Betrieb genommen und bis vor vier Jahren im Westen Deutschlands zum Transport von Erntehelfern im Einsatz. 3500 Euro hat sich der Verein, der gewöhnlich Lokomotiven sowie Personen- und Güterwagen sammelt und restauriert, den Bus kosten lassen. Weil er, wie Vereinskassierer Steffen Kloseck sagt, letztlich zum Eisenbahnwesen dazugehört: „Busse wurden in der DDR nicht nur im normalen Schienenersatzverkehr eingesetzt, die Bahn hat bestimmte Strecken auch mit Bussen bedient, vor allem in Sachsen. Eigens dafür gab es die Reichsbahn-Kraftomnibus-Betriebsstellen.“

Deshalb musste der Verein nicht lange überlegen, als der Bus im Internet angeboten wurde. Das Gefährt ist noch funktionstüchtig, rollte problemlos nach Weimar. Dort, auf dem Gelände des ehemaligen Bahnbetriebswerks Weimar, dem Vereinsdomizil seit 1995, wird es am Wochenende beim 20. Weimarer Eisenbahnfest ebenso zu sehen sein wie etwa 40 verschiedene Dampf-, Diesel- und E-Loks.

Der Thüringer Eisenbahnverein selbst verfügt über 33 Fahrzeuge, von denen 16 Dauerleihgaben sind. Die erste vereinseigene Lok war eine Dampflokomotive, Baujahr 1944. Sie hatte zuletzt als Heizlok gedient, wie in der DDR überhaupt oft dort, wo ein Heizwerk noch nicht fertig war oder fehlte, mit Dampfloks geheizt wurde. Ein Student aus Eschwege hatte das gute Stück dann erworben – und verkaufte es den Thüringern für 20 000 D-Mark. „Für uns eine Stange Geld“, erinnert sich Steffen Kloseck, seit 20 Jahren Vereinsmitglied. „Wir mussten die Lok in Raten abstottern.“ Das alte Dampfross wurde genauso wieder aufgearbeitet wie alle anderen Lokomotiven, die der Verein im Laufe der Jahre erwarb. Bis zu 1000 Arbeitsstunden stecken die Vereinsmitglieder in eine einzelne Lokomotive, ins Entrosten, Schleifen, Grundieren, Lackieren, Zusammenbauen. Denn so manche Lok war, als sie nach Weimar kam, nur noch ein Haufen Schrott, ehe sie in ein rollfähiges Ausstellungsstück verwandelt wurde.

Vor dem Bahnfest bringen Steffen Kloseck und seine Mitstreiter die Loks auf Hochglanz. „Weimarer Chaostage“ nennt das augenzwinkernd die zehnköpfige Truppe, die sich jedes Mal vor einem Bahnfest eine Woche Urlaub nimmt, um auf dem Gelände klar Schiff zu machen. Während Kloseck – gelernter Bankkaufmann und Mitarbeiter eines privaten Bahnunternehmens – auf den Puffern einer Dampflok aus dem Bahnmuseum in Nürnberg balanciert und das Gefährt mit dem Kärcher bearbeitet, räumen andere Vereinsmitglieder auf, rangieren oder mähen Rasen. Das Areal misst etwa 40 000 Quadratmeter, Arbeit gibt es auch außerhalb der Lokschuppenstände en masse. Zum harten Kern des Vereins, der derzeit 35 Mitglieder zählt, gehören auch Michael Schröter, der im richtigen Leben ICEs lenkt, und Christoph von Berg, Triebwagenführer bei der Erfurter Bahn. „Wir sind als Kinder hier abgestellt worden und seitdem dabei“, stellt Christoph von Berg schmunzelnd fest. Der 31-Jährige hat in diesem Jahr den Vereinssitz übernommen und so viel Spaß an der historischen Technik, dass er auch seine Freizeit gern der Bahn widmet. „Wer mich kennt, der kennt das gar nicht anders“, sagt von Berg. Der Weimarer ist stolz auf die Lok-Sammlung, zu der auch echte Raritäten gehören. Beispielsweise eine „Knödelpresse“, eine E-Lok tschechischen Fabrikats, von der nur 20 Stück gebaut wurden. Die, die in Weimar steht, ist die einzige in Deutschland erhaltene. Alle anderen kehrten nach Tschechien zurück.

Endlos vergrößert werden soll der vereinseigene Fuhrpark – Thüringens größte Loksammlung – indes nicht, allein schon aus Platzgründen. Und auch weil die Zahl der Fahrzeuge beherrschbar bleiben muss. Steffen Kloseck: „Die Zeiten, da wir wie Ende der 90er Jahre zum Arbeitsamt gegangen sind und statt der erhofften vier oder fünf ABM mehr als doppelt so viele bekommen haben, sind lange vorbei.“ Der Verein kann nur auf Eigenleistungen setzen und muss sehen, dass er sich abgesehen von den Mitgliedsbeiträgen über Spenden, Sponsoren- und Eintrittsgelder finanziert. Allein der Gleisanschluss koste ihn 8000 Euro im Jahr…

Um ein bis zwei Dampfloks soll die Sammlung aber schon noch ergänzt werden. Und um ein Exemplar der letzten Reichsbahn-E-Loks, der Baureihe 252, von denen es nur vier Stück gibt. „Damit wären wir dann komplett“, sagt Steffen Kloseck, der sich schon darauf freut, wenn am Wochenende wieder Opas mit Enkeln etwa 80 Jahre konkrete Eisenbahngeschichte bestaunen.

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